Mainz

Parasiten steuern Ameisenkolonien

Bandwürmer können das Verhalten ganzer Staaten verändern. Die Tiere sind weniger aggressiv

Mainz. Parasiten können nicht nur das Verhalten infizierter Wirtsinsekten, sondern ganzer Kolonien verändern. Sind in einem Ameisennest einzelne Tiere mit einem Bandwurm infiziert, verhält sich die gesamte Kolonie weniger aggressiv, berichten Biologen um Sara Beros von der Johannes Gutenberg Universität in Mainz. Die verminderte Aggressivität erkläre vermutlich, warum nicht infizierte Ameisen infizierte Artgenossen nicht aus dem Nest schmeißen, schreiben die Forscherinnen in den „Proceedings B“ der britischen Royal Society.

Wissenschaftler kennen eine Reihe von Beispielen dafür, wie Parasiten das Verhalten ihrer Wirte zum eigenen Vorteil verändern. Besonders drastisch sind die Veränderungen häufig bei Zwischenwirten, deren Verhalten die Parasiten manipulieren, um in einen weiteren Wirt zu gelangen und so ihre eigene Entwicklung voranzutreiben.

Das Team um Sara Beros untersuchte in seiner Studie, wie sich eine Infektion mit dem Bandwurm Anomotaenia brevis auf das Verhalten von Ameisen der Art Temnothorax nylan­deri auswirkt. In knapp einem Drittel aller Kolonien sind ein oder mehrere Arbeiter mit dem Wurm infiziert. Parasiteninfizierte Ameisen beteiligen sich nicht an den Aufgaben der Kolonie, werden aber dennoch von den nicht infizierten Artgenossen versorgt.

Die Forscherinnen hatten bei ihrer Untersuchung sowohl das Verhalten einzelner infizierter Tiere als auch das der Ameisenkolonie im Blick. In einem Eichenwald nahe Mainz sammelten sie 221 Ameisenkolonien und siedelten diese ins Labor um. Eine Kolonie besteht aus einigen Dutzend Arbeitern und einer Königin. Sie leben im Totholz des Waldes in natürlichen Hohlräumen, etwa in Eichen.

Die Forscher sorgten zunächst für Unruhe unter den Ameisen, dann beobachteten sie das Fluchtverhalten. Sie stellten fest: Infizierte Tiere verlassen das Nest bei einer Störung seltener. Dieses gestörte Fluchtverhalten erhöhe das Risiko, gefressen zu werden. Aus Sicht des Parasiten steige so die Chance, in seinen Endwirt – den Specht – zu gelangen. Als Nächstes untersuchten die Wissenschaftler das Aggressionsverhalten der Ameisen. Sie stellten fest, dass infizierte Artgenossen aus fremden Nestern bei Arbeiterameisen stärkere Aggressionen hervorrufen als nicht infizierte Fremdlinge. Die Ameisen erkennen eine Infektion über das chemische Profil der Körperoberfläche. Nicht infizierte Ameisen reagierten nun allerdings gelassener, wenn in ihrer eigenen Kolonie bereits infizierte Artgenossen lebten. Scheinbar hatten sie sich bereits an das veränderte chemische Profil gewöhnt. Dies erkläre den Biologen zufolge vermutlich die Toleranz gegenüber infizierten Artgenossen im eigenen Nest.

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