Göttingen

Gehirngröße hat nur wenig Einfluss auf Intelligenz

Deutschsprachige Forscher widerlegen Annahme, dass der IQ von der Kopfgröße abhängt

Göttingen. Großer Schädel, viel dahinter? Die Frage, ob ein großes Hirn mit großer Intelligenz einhergeht, bewegt die Menschen seit Jahrhunderten. Um eine Antwort darauf zu finden, haben Forscher jetzt dutzende Studien mit zusammen mehr als 8000 Probanden ausgewertet. Ihr Ergebnis: Für die IQ-Leistung spielt die Hirngröße unabhängig von Geschlecht und Alter nur eine untergeordnete Rolle. Der Zusammenhang wurde demnach in den vergangenen Jahren deutlich überschätzt.

Die Forscher um Jakob Pietschnig von der Universität Wien und Lars Penke von der Universität Göttingen hatten die Literatur der vergangenen Jahre nach veröffentlichten Analysen zu Hirnvolumen und IQ-Werten durchsucht. Außerdem schrieben sie Wissenschaftler an und ließen sich unveröffentlichte Testreihen zusenden. Damit wollten sie ein wesentliches Problem umgehen: Bisher habe es bei Erkenntnissen zum Zusammenhang von IQ und Hirngröße eine Verzerrung gegeben, weil nur Testreihen mit sehr deutlichen Ergebnissen veröffentlicht würden.

Indem sie auch unveröffentlichte Studien einbeziehen, wollen die Wissenschaftler das Bild gerade rücken. Im Mittel der 88 nun in die Meta-Analyse einbezogenen Ergebnisse hänge das Hirnvolumen zwar tatsächlich mit dem IQ zusammen, aber in weit geringerem Maße als vielfach angenommen. „Obwohl sich ein gewisser Zusammenhang nachweisen lässt, dürfte die Gehirngröße nur geringe praktische Relevanz haben“, erklärt Pietschnig. „Vielmehr scheinen Struktur und Integrität des Gehirns als biologische Grundlage von Intelligenz zu fungieren.“

Hinweise darauf, dass ein großes Hirn nicht zwingend große Intelligenz bedeutet, bietet auch die Tierwelt: Absolut gesehen hat der Pottwal im Vergleich zu anderen Tieren das größte Gehirn, im Verhältnis zur Körpermasse liegt jedoch die Spitzmaus vorn.

Wohin die Evolution den menschlichen Geist künftig führt, ist bislang unklar. Einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass in den letzten 10.000 bis 15.000 Jahren das menschliche Gehirn an Volumen verlor. Eine Theorie dazu ist, dass der Mensch sich selbst ebenso domestiziert hat wie Hund oder Pferd. Domestizierte Tiere aber sind nicht nur friedlicher und kooperativer als ihre wilden Gegenparts, sondern haben im Durchschnitt auch ein kleineres Gehirn.