Medizin

Kann ein MRT die Herzkatheter-Untersuchung ersetzen?

Privatdozent Dr. Henning Steen vom
Hamburger Marienkrankenhaus

Privatdozent Dr. Henning Steen vom Hamburger Marienkrankenhaus

Foto: Bertram Solcher

Mit dieser strahlungsfreien Methode können Ärzte Durchblutungsstörungen sehen, die durch verengte Gefäße verursacht werden.

Hamburg.  Wenn jemand über ein Engegefühl in der Brust klagt, wird als Ursache schnell eine Verengung der Herzkranzgefäße vermutet – und zur weiteren Abklärung eine Herzkatheteruntersuchung durchgeführt. Dabei wird ein Schlauch von der Leiste bis in die Herzkranzgefäße vorgeschoben. Dann kann der Arzt mithilfe von Kon­trastmitteln und Röntgentechnik die Verengung darstellen. Außer zu diagnostischen Zwecken wird der Herzkatheter auch therapeutisch eingesetzt, etwa um Verengungen der Herzkranzgefäße aufzudehnen.

Ein Hamburger Kardiologe setzt sich jetzt dafür ein, zur Diagnostik zunächst eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Herzens durchzuführen und eine Katheteruntersuchung nur vorzunehmen, wenn sich daraus Anhaltspunkte für bestimmte Herzerkrankungen ergeben. „Seit 2013 gibt es neue europäische Richtlinien, die eine Bildgebung, zum Beispiel mit einem MRT des Herzens, in den Vordergrund stellen“, sagt Privatdozent Dr. Henning Steen, Leiter der Abteilung für Kardiovaskuläre MRT am Katholischen Marienkrankenhaus in Hamburg. Der Kardiologe, der sich auf die Anwendung des Herz-MRT spezialisiert hat, verweist auf Ergebnisse einer großen europäischen Studie, wonach sich mit dieser nicht invasiven Vorgehensweise viel Geld sparen lasse. „Eine ambulante Herzkatheteruntersuchung kostet ungefähr 700 bis 750 Euro, ein Herz-MRT wird mit einer Pauschale von ungefähr 400 Euro bezahlt. Von den 17.000 Herzkatheteruntersuchungen, die 2013 in Hamburg durchgeführt wurden, könnte man 5000 bis 10.000 einsparen“, sagt Steen.

Beim MRT werden Aufnahmen des Herzens in drei Schichten angefertigt

Das MRT sei nicht nur günstiger, sondern auch sicherer, sagt der Kardiologe. „Beim Herzkatheter gibt es immer wieder Nebenwirkungen, wie zum Beispiel Reaktionen auf das Kontrastmittel oder Störungen der Nierenfunktion durch das Kontrastmittel. In seltenen Fällen kann es zu schweren Herzrhythmusstörungen kommen oder zu Schlaganfällen“, sagt der Kardiologe. Diese Gefahren ließen sich mit dem MRT vermeiden: Dabei gebe es keine Nierenprobleme durch das Kontrastmittel und keine Strahlenbelastung.

Das MRT sei genauso zuverlässig wie ein Herzkatheter, zeige aber andere Bilder. „Damit stellen wir nicht die Verengung der Gefäße dar, sondern die Durchblutungsstörungen, die dadurch entstehen“, erklärt Steen. „Dafür machen wir Aufnahmen des Herzens in drei Schichten und untersuchen, ob sich das Kontrastmittel überall gleichmäßig verteilt.“ Erscheine auf dem Bild eine dunkle Stelle, sei das ein Bereich, der nicht ausreichend durchblutet werde. „Wir untersuchen, welchen Schaden die Einengung am Herzen tatsächlich verursacht.“ Denn eine 70-prozentige Einengung führt bei einem Patienten zu Durchblutungsstörungen oder sogar zum Tode, bei einem anderen verursacht sie keine Probleme, weil sich genügend Umgehungskreisläufe über andere Arterien gebildet haben.

Bei ihrer Untersuchung benutzen die Ärzte das sogenannte Stress-MRT. Dabei werden dem Patienten bestimmte Mittel verabreicht, die Blutgefäße weit stellen oder eine körperliche Belastung simulieren. So lassen sich auch Störungen erkennen, die nur unter körperlicher Belastung auftreten. Mit dem MRT lässt sich auch eine Myokarditis feststellen, eine Entzündung des Herzmuskels, die häufig nach einem Infekt auftritt und lebensbedrohlich sein kann. „Hilfreich ist die Untersuchung auch, um herauszufinden, ob sich bei einem Patienten die Leistungsfähigkeit des Herzens noch im Normalbereich befindet und um die Ursache für Ver­dickungen des Herzmuskels zu klären“, sagt Steen.

Eine zusätzliche Herzkatheteruntersuchung ist nötig, wenn sich aus dem MRT ein Verdacht auf einen bereits abgelaufenen Herzinfarkt ergibt oder eine Durchblutungsstörung festgestellt wird, eine hochgradige Undichtigkeit von Herzklappen oder eine große Aussackung (Aneurysma) an Blutgefäßen. Nicht möglich ist ein MRT bei Patienten mit alten Herzschrittmachern oder Defibrillatoren. Schwierig wird die Untersuchung in der Röhre auch bei Menschen, die Angst vor engen Räumen haben. „Mithilfe von Beruhigungsmitteln ist aber in vielen Fällen doch eine Untersuchung möglich“, sagt Steen.

Damit das MRT sich in der Herzmedizin etabliert, wollen Steen und seine Kollegen in einem Gremium für die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) jetzt bundesweit eine Zertifizierung von Kardiologen für das Herz-MRT voranbringen.