Berlin

Dauerstress, die unterschätzte Gefahr

Herzattacke

Herzattacke

Foto: Istockphoto/Eraxion

Wer sich und seinen Organen keine Ruhepausen gönnt und Warnsignale des Körpers ignoriert, riskiert sein Leben.

Berlin.  Erst wenn ein Prominenter vor den Augen der Öffentlichkeit kollabiert, das Bewusstsein verliert, Schwäche zeigt, steht das Thema wieder im Rampenlicht: Stress, eine zu hohe Belastung im Beruf. So wie am ges­trigen Dienstag auch bei BMW-Chef Harald Krüger, der auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt am Main bei der Präsentation der Neuheiten vor den Objektiven der Fotografen zusammenbrach. Ein Topmanager, 49 Jahre alt, der vor Journalisten trat, obwohl er sich am Morgen schlecht gefühlt haben soll.

Augen zu und durch. Auch die meisten Berufstätigen (60 Prozent) folgen diesem Motto, so ein Ergebnis der aktuellsten Stress-Studie der Techniker-Krankenkasse.

Trotzdem oder gerade deswegen: Jeder dritte Berufstätige fühlt sich dieser Studie zufolge ausgebrannt, besonders gestresst sind die 36- bis 45-Jährigen. Das birgt große Gefahren für die Gesundheit. Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Berlin, und Stephanie Schluck vom Männergesundheitsportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erklären, wie riskant Stress sein kann und auf welche Warnsignale jeder achten sollte:

Ist Stress grundsätzlich ungesund?

Nein. Erst wenn der Körper über längere Zeit keine Ruhepausen hat, kann das zu tiefgreifenden Veränderungen der Gesundheit führen. „Wichtig ist, dass das Stresssystem des Körpers nicht ständig auf Hochtouren laufen muss“, sagt Isabella Heuser von der Charité. „Es muss immer wieder in eine Ruhephase zurückschwingen.“

Was genau passiert bei Stress im Körper?

Es gibt zwei Stresssysteme, ein schnell reagierendes Adrenalinsystem und ein etwas trägeres Cortisolsystem. Bei ersterem bekommen wir einen trockenen Mund, das Herz schlägt schneller, wir werden wacher und können uns sehr gut konzentrieren. Das Cortisolsystem kurbelt wichtige Organe und Stoffwechselvorgänge an und schwächt andere ab. „Zum Beispiel haben die wenigsten Menschen Lust auf Sex, wenn sie im Stress sind“, erklärt Heuser.

Welche Warnsignale gibt es für schädlichen Stress?

Wer über einen längeren Zeitraum nicht erholsam schläft, sollte aufmerksam werden. Als erholsam gilt der Tiefschlaf, der für die Regeneration der Körperfunktionen sorgt. „Wer nachts mit Herzklopfen hochschreckt, sich morgens wie erschlagen fühlt, sollte etwas verändern“, sagt Isabella Heuser. Ein weiterer Hinweis auf ungesunden Stress kann ein vermehrter Konsum von Suchtmitteln wie Zigaretten und Alkohol sein. Auch geistige Erschöpfung deutet darauf hin, dass dem Körper zu viel zugemutet worden ist.

Was kann passieren, wenn diese Signale des Körpers ignoriert werden?

Fehlt der erholsame Schlaf, kann es zu einem ständig erhöhten Blutdruck und Herzschlag kommen, was schließlich Herzrhythmusstörungen und andere Herz-Kreislauferkrankungen wie einen Herzinfarkt zur Folge haben kann, erklärt Isabella Heuser: „Der Körper sagt mit lautem Getöse ‚Ich kann nicht mehr‘.“

Auch psychische Probleme wie Depressionen könne eine Folge sein, sagt Stephanie Schluck vom Männergesundheitsportal der BZgA. „Bei Männern kommen zusätzlich zu Stress häufig noch eine schlechte Ernährung und Bewegungsmangel und in der Folge Übergewicht hinzu“, erklärt Schluck. Das begünstige zum Beispiel einen Herzinfarkt. Auch zeigten Männer Probleme nur selten nach außen, versuchten sie selbst zu bewältigen und sprichwörtlich der „starke Kerl“ zu sein. „So staut sich der Stress bei ihnen auf bis hin zu Burnout oder eben Herzinfarkt“, so Schluck.

Manche Menschen scheinen mehr Stress ertragen zu können als andere. Woran kann das liegen?

Einerseits hat das etwas mit den äußeren Umständen zu tun, also wie viel Unterstützung im Alltag jemand hat. Außerdem gibt es die im Menschen liegenden sogenannten Resilienzfaktoren, also die Fähigkeit, mit Stress umzugehen und relativ schnell zur Ruhe zu kommen. „Diese Faktoren sind eine Mischung aus Genen und Erziehung“, erklärt Isabella Heuser. Wer schon als Kind viel Unterstützung erfahren habe, ohne jedoch überbehütet worden zu sein, hätte gute Chancen, eine hohe Stresstoleranz zu entwickeln. „Trotzdem: Man kann jeden in die Erschöpfung treiben.“

Wer ist besonders von negativem Stress betroffen?

„Es ist wichtig zu sagen, dass es nicht nur die Politiker und Topmanager sind, die unter negativem Stress leiden“, sagt Isabella Heuser von der Charité. Auch alleinerziehende Mütter stünden unter enormem Stress, Mitarbeiter von Jugendämtern, auch einfache Angestellte.

„Ein entscheidender Faktor ist, ob der Mensch dem Stress unkontrolliert ausgeliefert ist, oder ob er mitbestimmen kann, wann er ihn hat.“ Auch eine zu starke Identifikation mit dem Beruf ist nicht gut. Man muss emotional und geistig loslassen können.

Gibt es einen Unterschied zwischen Männern und Frauen, wie Dauerstress auf sie wirkt?

Bei Frauen wirkt sich negativer Stress stärker auf die Gesundheit aus. Männer hätten jedoch ein anderes Problem, sagt Stephanie Schluck. „Sie stehen unter dem Druck, Ernährer, Vater und Liebhaber zugleich sein zu wollen. Sie nehmen sich selten die Zeit, sich auf eine Rolle zu konzentrieren, sondern versuchen, alles auf einmal zu sein. Unter diesem Druck brechen viele zusammen“, sagt Schluck. Hinzu komme, dass Männer seltener zum Arzt gehen als Frauen. „Wenn sie zusammenbrechen, ist es meist schon zu spät.“

Unabhängig von der körperlichen Verfassung und dem Geschlecht: Was kann man tun, um sich vor den negativen Folgen von Stress zu schützen?

Jeder weiß es, zu wenige tun es wirklich: Auszeiten nehmen. Zum Beispiel an einem Tag in der Woche nur das tun, was man wirklich möchte. „Ein Buch lesen, Serien gucken, Sport machen – es ist egal. Wichtig ist, nicht an die Arbeit zu denken“, sagt Isabella Heuser. Dazu gehöre auch, keine Arbeits-E-Mails zu lesen und das Handy einmal auszuschalten.

Im Beruf sollte man die Illusion beerdigen, dass Multitasking möglich ist, rät Heuser. „Niemand kann das. Sagen Sie also einfach mal ,stopp‘.“