Hamburg

UKE-Forscher spüren Krebszellen im Blut auf

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Test wird vor allem in Studien eingesetzt. In Einzelfällen kann bei Tumorpatienten auch das Rückfallrisiko genauer bestimmt werden.

Hamburg.  Mit dem Fortschritt in der Medizin werden auch die Möglichkeiten der Diagnostik immer feiner. Ein Feld, was zurzeit intensiv erforscht wird, ist die Untersuchung von Tumoren mit einer einfachen Blutuntersuchung, der Liquid Biopsy. „Dafür haben wir uns die Erkenntnis zunutze gemacht, dass Tumorzellen nicht nur über die Lymphknoten, sondern zum Teil auch schon frühzeitig über die Blutgefäße ins Knochenmark gestreut werden. Dort konnten wir dann diese Zellen nachweisen“, sagt Prof. Klaus Pantel, Mediziner und Direktor des Instituts für Tumorbiologie am Universitätsklinikum Eppendorf.

In den vergangenen Jahren hat sich aber herausgestellt, dass solche Knochenmarksanalysen sehr umständlich und für Kontrolluntersuchungen zu kompliziert sind. „Deswegen haben wir uns intensiv mit der Diagnostik der Krebszellen im Blut beschäftigt“, sagt Pantel, dessen Institut weltweit eine herausragende Stellung auf diesem neuen Forschungsgebiet einnimmt.

Um die Krebszellen zu bestimmen, entnehmen die Forscher den Patienten ungefähr zehn Milliliter Blut. „Die Tumorzellen können wir daran erkennen, dass sie einen bestimmten Marker haben. Dieses sogenannte Cytokeratin ist auf den umgebenden Blutzellen nicht vorhanden. Es lässt sich aber in allen Karzinomen nachweisen, die etwa 90 Prozent aller Tumoren in Deutschland ausmachen.“ Dazu zählen zum Beispiel Krebserkrankungen der Brust, der Lunge, der Prostata und der Leber.

„Wenn wir diese Zellen gefunden haben, können wir Antikörper gegen bestimmte Oberflächenstrukturen (Rezeptoren) der Krebszellen dazugeben und feststellen, ob sie diese Merkmale haben oder nicht.“ Damit wird einer relativ neuen Entwicklung in der Krebsmedizin Rechnung getragen, der zielgerichteten Therapie: „Früher hat man immer Chemotherapie gegeben, je nachdem, welch ein Risiko ein Patient hatte. Heute gibt es zusätzlich die zielgerichtete Therapie, bei der man nach einem bestimmten Rezeptor sucht, ihn blockiert und so das Wachstum der Krebszellen bremst“, erklärt Pantel.

Für eine optimale Therapie muss für jeden Krebspatienten individuell bestimmt werden, ob sich auf der Oberfläche seiner Tumorzellen Rezeptoren finden, die sich blockieren lassen. „Denn Krebszellen können sich von Mensch zu Mensch unterscheiden, aber selbst in einem einzelnen Tumor kann es Bereiche geben, in denen diese Zellmerkmale vorhanden sind, und andere, in denen sie nicht zu finden sind“, sagt Pantel. Das kann Auswirkungen auf die Therapie haben, insbesondere dann, wenn sich Metastasen bilden.

Was das genau heißt, erklärt Pantel am Beispiel des Brustkrebses. Etwa 20 Prozent der Brustkrebspatientinnen haben den Rezeptor Her2Neu auf der Oberfläche der Tumorzellen. Diesen Rezeptor kann man durch die Substanz Herceptin blockieren und so das Tumorwachstum bremsen. „Um die Eigenschaften der Krebszellen zu bestimmen, analysiert man immer den Originaltumor, den die Ärzte anfangs herausoperiert haben. Wenn viele Jahre später Metastasen auftreten, würde man diese am liebsten noch einmal untersuchen, denn über die Jahre können sich die Zellen verändert haben. Das ist aber nicht immer möglich, weil die Metastasen zum Beispiel im Knochen, im Gehirn oder in der Lunge sitzen.“ In diesen Fällen versuchen die Forscher, die Zellen über das Blut nachzuweisen. „Dabei haben wir gesehen, dass es in der Tat Brustkrebse gibt, bei denen im Originaltumor keine Her2Neu-Rezeptoren gefunden wurden. Aber in den Metastasen findet man dieses Merkmal auf den Tumorzellen. Dadurch kann man Frauen mit Herceptin behandeln, die dieses Medikament aufgrund der Analyse des Originaltumors gar nicht erhalten würden. Dazu läuft derzeit eine deutschlandweite Studie, die zeigen soll, wie betroffene Frauen von dieser Erkenntnis profitieren“, so der Wissenschaftler.

Der Test wird auch eingesetzt, um den Erfolg einer Therapie abzuschätzen

Möglicherweise wird es irgendwann in der Zukunft auch möglich sein, mit einem solchen Test den Tumortyp zu bestimmen. Das könnte auch für die Krebsfrüherkennung Bedeutung bekommen. Ein anderer Aspekt: „Meistens wissen wir zwar, welchen Tumor ein Patient hatte, bei dem später Metastasen gefunden werden. Aber bei fünf Prozent aller Krebspatienten wird der Originaltumor nicht gefunden, sondern nur die Metastasen. In solchen Fällen würden wir nach Markern gucken, die gewebespezifisch sind, beim Mann zum Beispiel das Prostataspezifische Antigen “, sagt Pantel.

Zurzeit wird der Bluttest hauptsächlich in Studien eingesetzt, ist aber in Einzelfällen auch schon für Patienten verfügbar. So wird er angewandt, um durch die Bestimmung der Zahl der Krebszellen im Blut Vorhersagen über die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls zu treffen. „Die Grundlage dafür ist, dass wir bei Tausenden von Patienten analysiert haben, wie die Zahl dieser Zellen mit dem Zustand der Patienten zehn Jahre nach der Diagnosestellung zusammenhängt. Eine 100-prozentige Garantie gibt es aber bei diesen Vorhersagen nicht“, sagt Pantel. Eingesetzt wird der Test, wenn nicht klar ist, wie hoch das Rückfallrisiko ist oder wenn Patienten große Angst vor einer erneuten Krebserkrankung haben und deshalb mehr Sicherheit brauchen.

Ein weiterer Anwendungsbereich ist die frühzeitige Abschätzung eines Therapieerfolgs. „Wenn wir das Blut der Krebspatienten vor, während und nach der Therapie untersuchen, können wir über die Veränderung der Zahl der Tumorzellen einen sehr schnellen und frühzeitigen Hinweis bekommen, ob die Therapie anschlägt. Dies ist besonders bei Patienten interessant, die unter möglicherweise gravierenden Nebenwirkungen der Therapie stark leiden“, sagt Pantel.

„Diese Blutuntersuchung bieten wir in der Regel bei Brust- und Prostatakrebs an, in Ausnahmefällen auch bei anderen Karzinomarten“, sagt Pantel. Die Privatkassen erstatten in der Regel die Kosten. Gesetzlich Versicherte müssen den Test noch selbst bezahlen, der 400 bis 500 Euro kostet.

Nicht möglich ist der Bluttest bei sogenannten Sarkomen und bei Blutkrebs wie Leukämien und Lymphomen. „Zurzeit entwickeln wir einen Test für den schwarzen Hautkrebs, das Melanom. Dafür brauchen wir andere Marker, weil es keine Karzinome sind“, sagt Pantel. Zudem arbeiten die UKE-Forscher daran, bei ausgewählten Patienten die Krebszellen aus dem Blut zu entnehmen und zu züchten. „Im nächsten Schritt wollen wir untersuchen, ob wir an diesen Kulturen testen können, ob ein Medikament wirksam ist oder nicht“, erklärt Pantel.

Erst vor wenigen Monaten hat er die wissenschaftliche Leitung eines europäischen Netzwerks mit mehr als 30 akademischen und industriellen Partnern übernommen. Das Ziel dieses Verbunds ist, die Liquid Biopsy-Bluttests in den kommenden fünf Jahren in die klinische Versorgung einzubringen, zunächst bei Brust- und Lungenkrebs.