Reykjavik

Kreative haben erhöhtes Risiko für Schizophrenie

Isländische Forscher fanden Gemeinsamkeiten beim Erbgut von Künstlern und Kranken

Reykjavik. Kreativität und psychische Erkrankungen wie Schizophrenie oder bipolare Störung haben gemeinsame genetische Grundlagen. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie eines internationalen Teams um den isländischen Genforscher Kari Stefansson von der Universität Reykjavik. Eine erhöhte Kreativität gehe mit einem gesteigerten genetischen Risiko für psychische Störungen einher, folgern die Forscher im Fachjournal „Nature Neuroscience“.

„Große Denker von Aristoteles bis Shakespeare haben angemerkt, dass schöpferische Genialität und Wahnsinn oft durch dieselbe Entfesselung von Gedanken und Gefühlen gekennzeichnet sind“, schreiben Stefansson und seine Kollegen. Sie wollten ermitteln, ob ein genetischer Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und künstlerischen Berufen besteht.

Dazu untersuchten sie zunächst das Erbgut von mehr als 150.000 Menschen. Bei einem Teil davon war entweder Schizophrenie oder eine bipolare Störung festgestellt worden. Die Wissenschaftler fahndeten nach jenen Erbanlagen, die mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko für jede der beiden Erkrankungen einhergingen.

Die Forscher fahndeten bei mehr als 100.000 Menschen nach Risiko-Erbgut

Die Resultate glichen sie dann zunächst an einer Population von mehr als 86.000 Isländern ab. Dabei suchten sie Übereinstimmungen sowohl mit dem Erbgut von Menschen mit Schizophrenie und bipolarer Störung als auch mit dem von besonders kreativen Menschen: Schauspielern, Tänzern, Musikern, bildenden Künstlern oder Autoren. Tatsächlich trugen Menschen mit kreativen Berufen überdurchschnittlich viele Risikogene für die beiden psychischen Störungen. Verwandtschaftsverhältnisse erklärten diese Korrelation nur zu einem geringen Teil.

In den nächsten Schritten überprüfte das Team den Zusammenhang an den Daten von fast 9000 Schweden und von mehr als 18.000 Niederländern. Auch hier fand es bei Menschen in kreativen Berufen eine erhöhte genetisch bedingte Gefährdung. „Wie diese genetische Überlappung in evolutionäre Modelle zum Fortbestehen von Krankheiten passt, bleibt noch zu ermitteln”, schreiben die Forscher.

Die Studie bestätigt frühere Untersuchungen von Persönlichkeitsforschern. So hatte eine Studie der Universität Newcastle, die auf Befragungen basierte, 2005 ergeben, dass Künstler, Dichter und andere Kreative bestimmte Persönlichkeitsmerkmale mit schizophrenen Menschen teilen.

Kari Stefansson, 65, gilt als Islands wichtigster Wissenschaftler. Im März präsentierte er das bislang umfassendste genetische Porträt einer Nation. Mit seiner Firma hatte er das komplette Erbgut von 2636 Landsleuten entziffert sowie weitere Analysen von weiteren 104.000 Isländern gemacht.