Auszeichnung

100.000 Euro für Hamburger Nanoforscher Wiesendanger

Roland Wiesendanger vor einem seiner
Spezialmikroskope

Roland Wiesendanger vor einem seiner Spezialmikroskope

Foto: Michael Rauhe

Physikprofessor erhält den Hamburger Wissenschaftspreis. Mit dem Preisgeld will der Forscher einen Nachwuchswissenschaftler fördern.

Hamburg. Es kommt äußerst selten vor, dass Roland Wiesendanger bedeutende Vorhaben entgehen, die mit seiner Arbeitsstätte zu tun haben. Umso überraschter war der Physikprofessor, als er vor Kurzem zum ersten Mal das gut drei Meter hohe Plakat erblickte, das eine Seitenfassade des dreistöckigen Baus an der Jungiusstraße 11 bedeckt. „NANO Zentrale“ steht darauf in dicken roten Lettern, weithin sichtbar. Die Idee sei im Präsidium der Universität Hamburg entstanden, ohne sein Zutun, sagt Wiesendanger. „Aber die Aktion hat mir natürlich gefallen.“

Nun hat er weiteren Grund zur Freude: Wie die Akademie der Wissenschaften in Hamburg mitteilte, wird Wiesendanger am 20. November den mit 100.000 Euro dotierten Hamburger Wissenschaftspreis erhalten, als erster Forscher der Hansestadt. Der 53-Jährige, der vor 22 Jahren hier seine Professur antrat, habe „Hamburg zu einem international anerkannten Zentrum für nanowissenschaftliche Forschung gemacht“, sagte Bürgermeister Olaf Scholz (SPD). Die international besetzte Jury hatte für den Preis 15 Vorschläge aus Deutschland erhalten.

Die Arbeitsgruppe um Wiesendanger untersucht mithilfe eigens konstruierter Rastertunnelmikroskope vor allem den Magnetismus im Nanobereich. Das Rastertunnelmikroskop wurde schon 1986 erfunden, doch Wiesendanger und sein Team haben die Technik so weiterentwickelt, dass sie einzelne Atome nicht nur sehen, sondern diese auch bewegen und beeinflussen können – Teilchen, die zehn Millionen Mal kleiner sind als ein Millimeter.

Auf diese Weise konstruierten die Forscher etwa ein Spintronik-Logik-Bauteil. Dabei handelte es sich im Prinzip um die grundlegende Einheit eines Computerchips, nur dass diese nicht aus stromhungrigen Transistoren bestand, sondern die magnetische Ausrichtung weniger Atome nutzte, um Daten zu „schalten“ – in einem wahnwitzigen Tempo und ohne Strom. Mit solcher Technik könnten Mobilgeräte wie Smartphones und Laptops schneller arbeiten und viel länger mit einer Akkuladung durchhalten. Für Aufsehen sorgten die Hamburger Physiker auch, weil es ihnen gelang, auf nur fünf Atomen ein Bit zu speichern, die Grundeinheit der Information. Zum Vergleich: Herkömmliche Festplatten nutzen eine Million Atome für ein Bit.

Bei beiden Ansätzen halten die Atome aber nur still, wenn die Forscher sie in einem Vakuum auf fast minus 273 Grad herabkühlen. Wie es gelingen könnte, solche Systeme bei Raumtemperatur zu betreiben, ist unklar. Deshalb erforschen die Wissenschaftler nun auch von ihnen nachgewiesene magnetische Wirbel (Skyrmionen) an der Oberfläche von Eisen, die aus etwa 15 Atomen bestehen. Auf diesen Strukturen lassen sich Daten womöglich bei höheren Temperaturen stabil ablegen.

Mit dem Preisgeld will Wiesendanger einen Nachwuchswissenschaftler fördern, der auf diesem Gebiet arbeitet, und Studierende bei der Forschung unterstützen.