Wildvögel geben Erlerntes an Artgenossen weiter

Forscher entdecken bei Meisen Fähigkeiten, die von Menschen und Affen bekannt sind

Oxford. Wildvögel lernen von Artgenossen rasch neue Verhaltensweisen und geben diese über Generationen weiter. In Versuchen an Kohlmeisen hat ein internationales Forscherteam Fähigkeiten entdeckt, die bislang nur Menschen und Affen zugeschrieben wurden. Erstmals habe man die Weitergabe kultureller Normen bei wild lebenden Tiere gezeigt, die keine Primaten seien, betonen die Forscher um Lucy Aplin von der Universität Oxford im Magazin „Nature“.

Die Biologen hatten in fünf englischen Kohlmeisen-Populationen (Parus major) jeweils zwei Männchen trainiert, an einer Futterbox mit Mehlwürmern eine Schiebetür mit dem Schnabel zu öffnen – nach links oder rechts. Nach viertägigem Training wurden die Vögel wieder in ihre Gruppe entlassen, wo die Forscher in der Zwischenzeit ähnliche Futterboxen aufgestellt hatten.

Dort verbreitete sich die Technik binnen weniger Wochen unter durchschnittlich 75 Prozent der knapp 100 Gruppenmitglieder. Obwohl sich die Türen nach links wie rechts bewegen ließen, bevorzugte jede Population jene Richtung, die von den trainierten Männchen eingeführt worden war.

Auch wenn Vögel erkannten, dass sich die Tür in beide Richtungen öffnen ließ, hielten sie sich an die Gewohnheit der Mehrheit. Wenn einzelne Tiere sich einer anderen Gruppe anschlossen, übernahmen sie die dort mehrheitlich vorherrschende Schieberichtung – unabhängig von ihrer früheren Gewohnheit. „Das ist, als ob die eigene persönliche Erfahrung vom Verhalten der Mehrheit überschrieben wird“, schrieb Lucy Aplin.

Daraus folgern die Forscher, dass die Tiere ihr Verhalten gruppenkonform an die lokale Variante anpassten und die mehrheitliche Gewohnheit kopierten. Erstmals habe man die Ausbreitung von Kultur samt konformistischem Verhalten bei Wildtieren jenseits von Primaten gezeigt.

Diese Traditionen fanden die Wissenschaftler auch noch im Folgejahr vor, obwohl in der Zwischenzeit in den Gruppen im Mittel 60 Prozent der Tiere gestorben waren. „Bei Menschen entstehen neue Traditionen, wenn sich neues Verhalten über soziale Netzwerke durch Beobachtung ausbreitet“, erläutert Aplin. „Wir konnten durch Versuche beweisen, dass nachhaltige Futtersuch-Traditionen bei frei lebenden Kohlmeisen vorkommen.”

„Kulturelle Konformität gilt als Schlüsselfaktor bei der Evolution komplexer Kultur bei Menschen“, schreiben die Autoren. Die Studie deute darauf hin, dass komplexes Kulturverhalten unter wesentlich mehr Tiergruppen verbreitet ist als angenommen.