Eine landesweite Ebola-Strategie fehlt

Experten fordern mehr Einsatz von der Bundesregierung bei der Bekämpfung der Epidemie in Afrika und für behandelnde Kliniken in Deutschland

Hamburg. Mehr als 4000 bestätigte Ebola-Todesfälle gab die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Ende vergangener Woche bekannt – Tendenz steigend. Auch nach Deutschland wurden inzwischen Erkrankte ausgeflogen: Während am vergangenen Dienstag ein UN-Mitarbeiter in Leipzig an den Folgen der Erkrankung starb, konnte ein Mitarbeiter der WHO, der fünf Wochen im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) versorgt wurde, die Hansestadt am 3. Oktober geheilt verlassen. Wie wird es mit der Epidemie weitergehen? Was kann und muss Deutschland im Kampf gegen die Virus-Ausbreitung tun? Darüber sprach das Hamburger Abendblatt mit Prof. Ansgar Lohse, 54, Direktor der I. Medizinischen Klinik und Poliklinik am UKE und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Infektionsforschung der Hamburger Akademie der Wissenschaften sowie mit Prof. Stephan Becker, 53, Ebola-Forscher und Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Marburg. Becker ist außerdem Leiter der Sektion für neu auftretende Infektionen im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung; Lohse ist sein Stellvertreter.

Hamburger Abendblatt:

Die WHO sagt, weitere Ansteckungen mit dem Ebola-Virus seien in Europa „unvermeidlich“. Wie dramatisch ist nach Ihrer Einschätzung die momentane Situation – in Afrika und für den Rest der Welt?

Prof. Stephan Becker:

Ich halte weitere Infektionen in Europa für vermeidbar, auch wenn wir unsere Grenzen nicht dichtmachen können. Die wichtigste Maßnahme ist eine verbesserte Gesundheitsversorgung vor Ort. Die Gesundheit in Deutschland beginnt mit der Gesundheit in Afrika. Dort besteht die größte Gefahr nach wie vor für die Anrainerstaaten der drei Krisenländer Sierra Leone, Guinea und Liberia. Es sieht so aus, als hätte Nigeria es geschafft, das Virus einzudämmen. Das ist eine gewaltige Leistung.

Prof. Ansgar Lohse:

Wir haben auch eine politische Verantwortung, den Menschen vor Ort zu helfen. Das kann Deutschland gut leisten und sollte das auch verstärkt. Wir haben die Isolierstationen, das Personal, die Ausrüstung und hervorragende Sicherheitsvorkehrungen. Wir können die Patienten nur leider nicht selbst ausfliegen.

Ist es richtig, die Ebola-Patienten in Deutschland zu behandeln?

Lohse:

Das ist nicht nur eine medizinische, sondern auch eine schwierige moralische Frage. Wen behandelt man, und wen nicht? Ich denke, es ist unstrittig, dass wir in Deutschland dem internationalen medizinischen Personal, das sich entscheidet, den Kranken vor Ort zu helfen, unsere volle Unterstützung zusichern. Dazu müssen wir bereit sein, denn sonst wird irgendwann keiner mehr in die Länder gehen, um zu helfen.

Becker:

Die meisten Todesfälle in den betroffenen Ländern sind indirekte Folgen der Ebola-Epidemie, denn es fehlt medizinisches Personal für die normale Gesundheitsversorgung, teils weil alle mit Ebola beschäftigt sind, teils, weil bereits zahlreiche Helfer selbst erkrankt sind. Das Gesundheitssystem in diesen Ländern in dieser Krise zu unterstützen ist unser aller Aufgabe.

Wie aufwendig ist die Behandlung eines Ebola-Patienten?

Becker:

Die Belastung ist enorm, wir haben deswegen auch schon Behandlungen ablehnen müssen. Auch wir wussten bisher nicht, dass es so aufwendig ist. Das haben wir schon daraus gelernt.

Lohse:

Der Aufwand ist gewaltig, gerade auch administrativ. Es beginnt schon damit, dass man erst einmal von sehr vielen Stellen Genehmigungen einholen muss, bevor ein mit dem Virus infizierter Patient am UKE behandelt werden darf. Sie brauchen die Einwilligung vom Gesundheitsamt sowie von der Gesundheits-, der Wissenschafts- und der Innenbehörde. Das Robert-Koch-Institut in Berlin als Organisator der sogenannten STAKOB (Ständiger Arbeitskreis der Kompetenz- und Behandlungszentren für hochkontagiöse und lebensbedrohliche Erkrankungen, d.Red.) muss zustimmen. Sie brauchen außerdem die Einwilligung der Bundespolizei und eine Überflugerlaubnis und eine Landeerlaubnis vom Flughafen.

Das betrifft die reinen Vorbereitungen ...

Lohse:

... und dazu gehört dann natürlich die Einrichtung einer quasi eigenen Intensivstation für einen einzigen Patienten. Sobald der Patient eingetroffen ist, müssen ständig zwei Mitarbeiter, ein Arzt und eine Pflegekraft, in der isolierten Station sein, und je ein Koordinator direkt vor dem Isolierbereich.

Warum?

Lohse:

Allein aus Gründen der Arbeitssicherheit. Falls einem Mitarbeiter dort drinnen etwas passiert, kann ihm der andere sofort helfen. Andernfalls würde es 20 Minuten dauern, bis ein Mitarbeiter die Schutzkleidung angelegt hat und die Station betreten kann.

Wie hoch ist der Personalaufwand für einen Ebola-Patienten?

Lohse:

Am UKE waren für den Patienten mindestens zwölf Ärzte und 15 bis 20 Pflegekräfte zuständig.

Wäre es bei dem gewaltigen Aufwand nicht sinnvoll, die Behandlung der Ebola-Patienten in Deutschland auf einen oder zwei Standorte zu konzentrieren?

Lohse:

Aus Kostengründen schon. Denn bei zwei Patienten wäre unser Aufwand im Grunde genauso groß wie bei einem. Sie müssen außerdem bedenken, dass nach der Behandlung die gesamte Station für viel Geld desinfiziert werden muss. Dieses Geld wird jetzt dreimal ausgegeben – in Hamburg, in Frankfurt und in Leipzig.

Wie hoch sind die Kosten dafür?

Lohse:

Sie liegen zwischen 30.000 und 50.000 Euro. Hinzu kommt, dass wir am UKE die Diagnostik direkt nebenan am Bernhard-Nocht-Institut (BNI) durchführen können.

Becker:

Und in Frankfurt kommen die rund 20 verschiedenen Proben des Patienten ein bis zweimal pro Tag zu uns ins Labor nach Marburg. Das sind relativ kurze Wege im Vergleich zu den anderen sieben Zentren in Deutschland, die in der Lage sind, Ebola-Patienten zu behandeln.

Was spricht noch für die Festlegung auf nur eine oder zwei Kliniken für Ebola-Patienten in Deutschland?

Lohse:

Wir haben bei der Behandlung des Patienten sehr viel über Ebola gelernt. Dieses Wissen könnten wir weiteren Patienten zugute kommen lassen.

Becker:

Andererseits ist Deutschland mit den Zentren für lebensbedrohliche Krankheiten in Hamburg, Frankfurt, Leipzig, München, Berlin, Stuttgart und Düsseldorf wahrscheinlich besser aufgestellt als jedes andere Land. Aber wir müssen diskutieren, ob diese Zentren in der momentanen Situation optimal eingesetzt sind. Wünschenswert wäre deshalb eine Gesamtstrategie für Deutschland bei Beginn der Epidemie gewesen.

Wer müsste die Entscheidung treffen, die Behandlung von Ebola-Patienten in Deutschland auf nur ein oder zwei Kliniken zu konzentrieren?

Lohse:

Das Bundesgesundheitsministerium in Berlin. Bisher gibt es aber keine länderübergreifende Strategie.

Woran liegt das?

Becker:

Das liegt auch daran, dass wir in Deutschland das erste Mal mit solch einer Situation konfrontiert sind. Bisher ist es so: Wenn in Deutschland eine Person Krankheitssymptome zeigt, dann wird sie in die nächstgelegene Klinik gebracht.

Lohse:

Bei der jetzigen Ebola-Epidemie gab es eine Art Tabubruch: Erstmals haben wir Behandlungsanfragen direkt aus den betroffenen Gebieten bekommen.

Hat die Regierung das Ebola-Problem zu lange unterschätzt?

Becker:

Es hat lange gedauert, bis Deutschland gemerkt hat, dass die Ebola-Epidemie ein internationales Problem ist. Im Vergleich zu den USA oder England waren die Hilfen aus Deutschland anfangs kaum zu erkennen. Jetzt bin ich erfreut darüber, dass Deutschland angefangen hat, auch die Wissenschaft im Kampf gegen Ebola zu unterstützen.

Lohse:

Der dramatische Brief von Liberias Staatspräsidentin an Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Regierung unter Handlungsdruck gesetzt. Ohne mehr direkte Hilfe aus Deutschland werde man die Schlacht gegen Ebola verlieren, schrieb Ellen Johnson-Sirleaf vor vier Wochen.

Was könnte noch mehr getan werden?

Lohse:

Sicherlich könnte die Bundeswehr mit Hospitalschiffen, mobilen Krankenhäusern und Laboren helfen. Vor allem aber könnte die Bundesregierung der WHO zusagen, ihre Helfer im Erkrankungsfall auszufliegen und entsprechende Transportmöglichkeiten schaffen. Es könnte eine feste Absprache auch mit uns Behandlungszentren geben und damit der Ablauf der Verlegung deutlich beschleunigt werden, was sicher den Behandlungserfolg verbessern würde. Und die Bundesregierung müsste die Kosten, auch die indirekten, übernehmen. Wenn wir diese Aufgabe übernehmen sollten, wozu wir grundsätzlich bereit wären, dann müssten wir aber auch weiteres Personal einstellen und schulen. Hierfür brauchen wir Planungssicherheit, die wir leider noch nicht haben, obwohl wir schon früh auf dieses Problem hingewiesen haben.

Wann wird es einen komplett getesteten Impfstoff geben, der sich auch für Massenimpfungen eignet?

Becker:

Die Hoffnungen ruhen auf zwei Impfstoffen: GSK-Vakzine und VSV-Impfstoff. In einer klinischen Studie mit Freiwilligen in Hamburg, Genf, Kenia und Gabun wollen wir erforschen, ob der VSV-Impfstoff eine Schutzwirkung auslöst und ob die Studienteilnehmer ausreichend Antikörper bilden, ob er verträglich ist oder allergische Schocks auslöst. Der Impfstoff ist bereits im für eine Studie ausreichenden Maß produziert; wir brauchen noch einige Informationen, um die Genehmigung des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts, bei dem wir den Prüfantrag einreichen, zu bekommen. Ich hoffe, wir können in zwei Wochen loslegen.