Jetzt schlägt’s Apple

US-Konzern steigt ins Geschäft mit Computeruhren ein und bringt größere iPhones mit Bezahlfunktion auf den Markt

Cupertino. Für Apple ist es die größte Produktvorstellung seit Jahren, eigens für dieses Ereignis wurde im kalifornischen Cupertino ein großes weißes Gebäude ohne Fenster errichtet: Am späten Dienstagabend hat Apple nach Wochen der Spekulation das neue iPhone 6, ein Handy-Bezahlsystem und auch die seit Langem erwartete Computeruhr Apple Watch vorgestellt. Es ist der erste Vorstoß des Konzerns in eine neue Produktkategorie seit dem Start des iPad-Tablets vor mehr als vier Jahren. Für Apple-Chef Tim Cook ist es zugleich die Stunde der Wahrheit: Kann er in die Fußstapfen seines Vorgängers treten, des vor knapp drei Jahren verstorbenen Unternehmensgründers Steve Jobs?

Die mit Spannung erwartete Apple Watch soll mehrere Smartphone-Funktionen übernehmen und beispielsweise das Wetter anzeigen, als Stoppuhr dienen und Gesundheitsdaten sammeln. Man kann Anrufe starten, Kurznachrichten diktieren und auch die Musikwiedergabe steuern. Die Uhren können auch direkt untereinander kommunizieren. Man kann sie in einigen Hotels als Zimmerschlüssel benutzen und sich Informationen zu einem Flug anzeigen lassen.

„Wir glauben, dass dieses Gerät neu definieren wird, was die Menschen von dieser Produktkategorie erwarten“, sagte Cook. Die Uhr soll es in zwei Größen geben, sie hat einen quadratischen Bildschirm mit abgerundeten Ecken. Mit Rücksicht auf das kleine Display sei eine komplett neue Bedienung entwickelt worden. Die einzelnen Apps werden mit runden Symbolen angezeigt. In die Steuerung ist der typische Drehknopf an der Seite eingebunden. Er dient zur Navigation auf dem Bildschirm und übernimmt auch die Rolle des iPhone-typischen Home-Buttons. In einer Version ist das Gehäuse vergoldet.

Die Funktionen der Uhr erinnern an bisherige Modelle unter anderem von Samsung, LG und Motorola. Bei aktuellen Computeruhren kritisierten Branchenbeobachter oft die Bedienung und die Batterielaufzeiten. Es wird sich noch zeigen, ob es Apple gelang, die Vision eleganter umzusetzen.

Apple präsentierte auch wie erwartet zwei neue iPhone-Modelle mit größeren Display-Diagonalen von 4,7 und 5,5 Zoll (knapp 12 und knapp 14 cm). Sie heißen iPhone 6 und iPhone 6 Plus. „Sie sind größer, sie sind viel größer“, sagte Marketingchef Phil Schiller. Konkurrierende Smartphones mit dem Google-Betriebssystem Android haben schon länger größere Displays. Apple sperrte sich bisher gegen diesen Trend. Der Konzern begründete dies mit einer schlechteren Bildqualität auf größeren Displays sowie der Notwendigkeit, das Smartphone leicht mit einer Hand bedienen zu können. Die neuen iPhones sind mit 6,9 und 7,1 Millimetern auch etwas dünner als das vorherige iPhone 5s. Der Prozessor soll um 25 Prozent schneller laufen und die Batterie zum Teil deutlich länger halten. Das Display des größeren Modells hat eine Auflösung von 1920 mal 1080 Bildpunkten wie bei einem HD-Fernseher. Damit man auch auf dem großen Bildschirm mit einer Hand an die obere Menüleiste herankommt, ließ sich Apple einen Trick einfallen. Durch einen Doppel-Klick auf den Home-Button rutscht die obere Kante des Bildes in die Mitte.

Das iPhone ist das wichtigste Apple-Produkt. Es macht rund die Hälfte des Geschäfts des Konzerns aus. Apples Anteil am weltweiten Smartphone-Markt war zuletzt auf zwölf Prozent abgerutscht. Branchenbeobachter gehen davon aus, dass Apple mit den neuen i-Phone-Modellen im Weihnachtsgeschäft deutlich aufholen dürfte.

Die digitale Geldbörse im neuen iPhone 6 ist als Alternative zu Bankkarten und Bargeld gedacht. Damit soll es reichen, das Telefon an das Lesegerät an der Kasse zu halten und die Zahlung per Fingerabdruck auf dem iPhone-Sensor zu bestätigen. Das System heißt Apple Pay. Es nutzt wie erwartet den Nahfunk-Standard NFC, auf den die Finanzbranche bei mobilen Bezahldiensten setzt. Apple sammele dabei keine Daten, sagte iTunes-Chef Eddy Cue. „Apple weiß nicht, was Sie gekauft haben, wo Sie es gekauft haben und wie viel Sie dafür bezahlt haben.“

Auch mit dem Händler würden dabei keine Karten-Informationen geteilt werden. Der Konzern nannte als Partner die großen Kreditkarten-Konzerne Mastercard, Visa und American Express sowie mehrere US-Banken. Die Finanzbranche und Mobilfunk-Anbieter versuchen schon seit Jahren, eine digitale Brieftasche im Smartphone zu etablieren. Apple wird zugetraut, den Bemühungen einen kräftigen Schub zu geben. Ausgerechnet an dem wichtigen Abend leistete sich Apple eine Panne: Der Live-Stream im Internet brach immer wieder zusammen. Es war das erste Mal, dass Apple solche massiven Probleme bei einer Übertragung hatte.

Der große Apple-Rivale Samsung hatte bereits vor einem Jahr seine erste Computeruhr auf den Markt gebracht. Auch andere Anbieter wie LG, Sony und Motorola sind auf den Zug aufgesprungen. Von Google gibt es mit Android Wear eine speziell darauf angepasste Version des meistbenutzten Smartphone-Betriebssystems. Apple wird dennoch zugetraut, mit seiner Uhr für Aufsehen zu sorgen. Sie soll in den USA Anfang 2015 für knapp 350 Dollar (270 Euro) in die Läden kommen.