Energiedebatte

Klimawandel durch Energiewende – was nun tun?

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Angelika Hillmer

Die Michael Otto Stiftung lud zur Diskussion mit Umweltministerin Hendricks und Klimaökonom Edenhofer über Herausforderungen des Klimawandels. Auch der Trend zum Kohlestrom war Thema.

Hamburg „Wir erleben derzeit eine Renaissance der Kohle, die alle technischen Innovationen und sonstigen Klimaschutzanstrengungen mehr als kompensiert. Weltweit hatten wir im vergangenen Jahrzehnt den höchsten Anstieg an Treibhausgas-Emissionen überhaupt – trotz Wirtschaftskrise und Klimaschutzmaßnahmen.“ Mit diesen Worten beschreibt Prof. Ottmar Edenhofer, Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, ein globales Dilemma, zu dem Deutschland beiträgt. Denn auch hierzulande werde zunehmend Kohlestrom erzeugt, und das, obwohl der Anteil der erneuerbaren Energien inzwischen 26 Prozent der deutschen Stromproduktion ausmache, so Edenhofer. „Wenn die Sonne nicht scheint oder der Wind nicht weht, wird auf den billigsten Energieträger zurückgegriffen, und das ist die Kohle.“

Der Wirtschaftsforscher, der maßgeblich am kürzlich veröffentlichten Bericht des Weltklimarates IPCC mitgearbeitet hatte, ist auch Professor für die Ökonomie des Klimawandels an der Technischen Universität Berlin. Diesen Lehrstuhl hatte im Jahr 2008 die Michael Otto Stiftung initiiert und acht Jahre lang mitfinanziert. Anlässlich des Abschlusses der Stiftungsprofessur diskutierte Edenhofer am Dienstagabend auf Einladung der Stiftung mit Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks (SPD) und weiteren hochkarätigen Gästen in den Mozartsälen nahe der Universität Hamburg über die Herausforderungen des Klimawandels.

Dabei kritisierte Edenhofer die heute praktizierte Energiewende: Die Subventionierung der erneuerbaren Energie sei falsch, solange nicht gleichzeitig der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) aus fossilen Energieträgern (Kohle, Öl, Gas) mit Abgaben belegt werde: „Derzeit lässt ein höherer Anteil der erneuerbaren Energien den Strompreis steigen, nicht jedoch die Verbrennung der klimaschädigenden fossilen Energieträger.“ Edenhofer forderte eine CO2-Steuer; sie könnte Investitionen in die modernisierungsbedürftige Infrastruktur finanzieren.

Auch Jennifer Morgan, Klimaexpertin des World Resources Institute in Washington, plädierte für eine CO2-Steuer. In anderen Ländern, etwa den USA, China, Chile oder Südafrika sei eine solche Steuer im Gespräch oder schon eingeführt. Morgan wünscht sich von der Bundesregierung eine stärkere Abkehr von der Kohle – und nennt als Vorbild ausgerechnet die USA, die seit Jahrzehnten auf den Uno-Klimagipfeln als einer der wichtigsten Bremser gilt: „Präsident Obama reguliert inzwischen den Treibhausgasausstoß. Es sollen in den USA keine Kohlekraftwerke mehr gebaut und auch keine mehr exportiert werden.“ Auch in Deutschland müsse ein Kohleausstieg diskutiert werden, so Morgan. Dies sei auch deshalb wichtig, weil die Welt auf die deutsche Energiewende schaue und sehr genau beobachte, ob diese erfolgreich ist oder nicht.

„Wir können nicht gleichzeitig einen Ausstieg aus der Atomkraft und der Kohle diskutieren“, konterte Umweltministerin Hendricks. Sie sieht die Kohlekraftwerke als Brückentechnologie ins Zeitalter der erneuerbaren Energien. Heute und in nächster Zeit entstünde bei einem Ausstieg aus der Kohlekraft eine große Versorgungslücke.

„Wir brauchen einen Preis für CO2-Emissionen, sonst bekommen wir keine CO2-Reduktion“, sagte Michael Otto. Er bevorzugt jedoch einen reformierten Emissionshandel. Bei dem marktwirtschaftlichen Instrument werden Zertifikate für den Ausstoß von CO2 gehandelt. Europa startete damit als weltweit erste Region im Jahr 2005. Damals lag der Preis für das Recht, eine Tonne CO2 freizusetzen, bei 20 Euro. Heute dümpelt er um 4,50 Euro und bietet dadurch keinen Anreiz für Klimaschutz-Investitionen.

Den Hauptgrund für den Preisverfall sieht Edenhofer im Vertrauensverlust der Wirtschaft in die EU-Klimapolitik: Niemand rechne mehr mit strengen Vorgaben in den nächsten Jahren, die die CO2-Emissionen verteuern würden. Der Rückblick zeigt allerdings auch: Nur 2007/2008 übertrafen die tatsächlichen Emissionen die verteilten Emissionsrechte, sodass CO2-Einsparungen notwendig wurden. Damals erreichten die Zertifikate Spitzenpreise bei 22 Euro. Seitdem sind mehr Emissionsrechte für CO2 auf dem Markt, als gebraucht werden.

Ottmar Edenhofer sprach sich dafür aus, eine Bandbreite festzulegen, innerhalb der sich der Zertifikate-Preis bewegen kann. Der Mindestpreis für den CO2-Ausstoß sei ein „Signal für den Klimaschutz“, die obere Grenze gebe Investitionssicherheit. Barbara Hendricks könnte sich eine zentrale Agentur vorstellen, die die Menge der ausgegebenen Zertifikate steuert, „so wie die europäische und andere Zentralbanken je nach Lage die Geldmenge hoch- oder runtersteuern“.

Die Ministerin sieht Deutschland auf dem richtigen Weg, sagte aber auch, dass eine weit größere Transformation, ein Umbau der Energiewirtschaft nötig sei, um den Klimawandel auf ein beherrschbares Maß zu begrenzen. Auch die Energieeffizienz etwa von Altbauten oder Elektrogeräten müsse deutlich steigen, und die Emissionen des Verkehrssektors sinken.

Die Ministerin bringt gerade einen Klimaschutz-Aktionsplan auf den Weg: „Derzeit sammeln wir Vorschläge aus allen Bereichen der Gesellschaft. Das Programm soll im November vom Kabinett beschlossen werden. Alle Ressortkollegen müssen dazu Beiträge leisten, denn Klimaschutz beschränkt sich nicht nur auf mein Ministerium.“

Ottmar Edenhofer betonte, dass es für die Gesellschaft deutlich preiswerter sei, heute verstärkt in den Klimaschutz zu investieren, als in einigen Jahrzehnten die Folgen einer weitgehend ungebremsten Erwärmung bezahlen zu müssen. „Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten, aber dazu braucht es viel Klugheit und Mut“, sagte der Professor für die Ökonomie des Klimawandels. Seine Forschungsprofessur bleibt erhalten und wird nun von der TU Berlin getragen.

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