Die Moral von der Geschicht? Meist wirkt sie nicht

Kinder reagieren auf Moralkeulen in Erzählungen mit Desinteresse

Berlin. Pinocchio hat ein schweres Los gezogen: Bei jeder Lüge wächst seine ohnehin lange Nase noch weiter. Das Holzscheit wird erst ein richtiger Junge aus Fleisch und Blut, wenn Lügen und Ungehorsam der Hilfsbereitschaft und dem Fleiß weichen. Seit dem späten 19. Jahrhundert geistert diese Geschichte durch die Kinderbücher und erklärt: Gesellschaftlich nicht gewollte Eigenschaften werden bestraft. Kanadische Forscher um Kang Lee haben sich nun Kindergeschichten wie diese vorgenommen und untersucht, ob der moralische Zeigefinger das Verhalten ihrer Zielgruppe ändert.

Dazu luden die Forscher mehr als 260 Kinder im Alter zwischen drei und sieben Jahren ins Labor. Dort setzten sie die Probanden einzeln mit dem Rücken zum Tisch in einen Testraum. Auf dem Tisch platzierten die Forscher nacheinander Spielzeugtiere, die typische Geräusche machten, etwa eine schnatternde Ente. Die Aufgabe der Kinder war es, das richtige Tier zu erraten. Nach einer Weile stellte der jeweilige Versuchsleiter das nächste Tier auf den Tisch, sagte dann, dass er ein Buch draußen vergessen habe, und verließ kurz den Raum. Nach einer Minute kehrte er mit dem Buch zurück, verdeckte das noch zu erratende Tier und las dann eine Geschichte vor.

Neben einer relativ moralfreien Erzählung als Kontrolle kamen dabei unter anderem die Geschichte von Pinocchio sowie „George Washington and the Cherry Tree“ zum Einsatz. Letztere ist eine Anekdote über den sechsjährigen George Washington, der unerlaubt einen Kirschbaum mit dem Beil fällte, dies aber zugibt, als sein Vater ihn dazu befragt. Dieser bestraft ihn daraufhin nicht, sondern lobt seine Ehrlichkeit.

Videoanalysen ergaben, dass 88 Prozent der Dreijährigen und 68 Prozent der Siebenjährigen die Abwesenheit des Erwachsenen genutzt hatten, sich schnell umzudrehen und das Spielzeugtier anzusehen. Nach dem Ende des Vorlesens dazu befragt und um Ehrlichkeit gebeten, gab das aber nur ein Drittel der Kinder zu – gleichgültig, ob sie die moralfreie Geschichte oder eine über die negativen Folgen des Lügens vorgelesen bekommen hatten.

Die Erzählung vom ehrlichen und dafür gelobten George Washington hingegen schien es den Kindern einfacher zu machen: Gut die Hälfte der Kinder, die diese Geschichte gehört hatten, gaben zu, dass sie sich kurz umgedreht hatten. Negatives hören Kinder demnach gar nicht gern, und anscheinend beziehen sie die Geschichte nicht auf sich – lieber hören sie, wie es ihnen gelingt, Anerkennung zu bekommen.