Wie viel Schutz braucht das Meer?

400 Experten diskutieren auf Symposium in Hamburg über Nutzungsdruck auf Nordsee, Ostsee und die Arktis

Hamburg. „Ich halte den Pfad, auf dem wir uns befinden, für durchaus riskant“, sagte Heike Imhoff vom Bundesumweltministerium zur Eröffnung des 24. Meeresumwelt-Symposiums in Hamburg. Im Auftrag ihres Ministeriums hatte das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) die Veranstaltung organisiert, an der Dienstag und Mittwoch rund 400 Fachleute ihren Kenntnisstand zu einer großen Palette an Meeresthemen austauschen.

Immer geht es um die Gratwanderung zwischen Schutz und Nutzung der Meere. Diese führte auch zur kritischen Äußerung der „Deutschen Meeresdirektorin“ Imhoff – mit Blick auf die EU-Kommission: Dort machten Schlagworte wie „Blaues Wachstum“ oder „Blaue Energie“ die Runde, bei denen Meeresschutz darauf reduziert werde, die Basis einer nachhaltigen Nutzung zu bilden.

Auch Gastgeberin und BSH-Präsidentin Monika Breuch-Moritz sieht diesen Konflikt, verwies aber auf deutliche Erfolge in den zurückliegenden Jahren: „Heute kann kaum eine Aktivität ohne Umweltverträglichkeitsprüfung gestartet werden.“ So habe zum Beispiel der Bau von Offshore-Windparks viele ökologische Erkundungen angestoßen, etwa zur Frage, wie viele Robben und Schweinswale in der Nordsee leben und wo sie genau vorkommen. Als eine Herausforderung der Zukunft bezeichnete Breuch-Moritz die Schifffahrt in der Arktis: „Der Klimawandel lässt das Meereis zurückweichen. Das führt zu einer vermehrten Nutzung durch die Schifffahrt.“ Hier gebe es verschiedene Herausforderungen zu bestehen, etwa zur Eisvorhersage, Logistik und Notfallvorsorge.

Einer, der die Arktis kennt wie kein anderer Symposiumsteilnehmer, ist Arved Fuchs. Nach Ausbildung in der Handelsschifffahrt und dem Studium der Schiffsbetriebstechnik machte sich der Bad Bramstedter selbstständig und startete Expeditionen ins Eis der Arktis und der Antarktis. 2002 durchquerte er erstmals mit seinem Segelschiff „Dagmar Aaen“ die Nordostpassage entlang der sibirischen Küste. Auf der Hamburger Tagung hielt er ein engagiertes Plädoyer zum Schutz der Meere und speziell der arktischen Gewässer.

Mit Blick auf die Greenpeace-Aktion gegen eine Gazprom-Ölplattform, bei der 30 Aktivisten inhaftiert und das Schiff „Arctic Sunrise“ (bis heute) beschlagnahmt wurden, warnte er vor einer „Goldrauschzeit“ am Polarkreis: „Jede Nation steckt ihren Claim ab, und die sind alle weit größer als beim historischen Goldrausch. Die Havarie des Tankers ,Nordvik‘, der Anfang September in der Nordostpassage mit einer Eisscholle kollidierte, zeigt, wie schnell sich eine Umweltkatastrophe ereignen kann. Zum Glück schlitzte die Eisscholle bei dem einwandigen Schiff nur einen Ballastwassertank auf und nicht einen der Dieseltanks.“

2013 hatte Russland 372 Schiffen die Durchfahrt durch die Nordostpassage genehmigt, sagte Fuchs. Vermutlich seien nicht alle Frachter tatsächlich gefahren. Aber diejenigen, die sich auf den Weg machen, seien mehrheitlich Schiffe mit geringer Eisklasse. Fuchs: „Eisfreies Wasser heißt nicht, dass dort keine Eisschollen mehr treiben. Dennoch fahren die Schiffe mit 16, 17, 18 Knoten (gut 30 Kilometer pro Stunde). Bei solchen Geschwindigkeiten kann eine Kollision mit einer Eisscholle erheblichen Schaden anrichten.“

Neben der Schifffahrt im Eis bildete die Fischerei den zweiten Schwerpunkt des ersten Konferenztages. Sie ist ein andauernder Konfliktherd zwischen Meeresschützern und Fischereivertretern, auch auf den vergangenen Meeressymposien. Die Sicht der Fischer präsentierte Peter Breckling, Geschäftsführer des Deutschen Fischerei-Verbandes. Die „Nachhaltigkeitswende der europäischen Meeresfischerei“ verlaufe erfolgreich, so Breckling. Das Ziel einer nachhaltigen Befischung der meisten Bestände bis 2015 werde in vielen Fällen schon heute erreicht. Das ermögliche bereits größere Fänge.

Kritisch sieht der Fischereivertreter das EU-weite Rückwurfverbot für Fische und andere Meerestiere, die versehentlich mit ins Netz gingen (Beifang). Es soll 2015 in Kraft treten. Hier werden Detailregelungen und Ausnahmeoptionen über Erfolg oder Misserfolg entscheiden, betonte Breckling. So würde die Anlandung überlebensfähiger Jungfische „die Plausibilität eines Rückwurfverbotes infrage stellen“.

Für einige Arten kommen die Meeresschutzaktivitäten allerdings zu spät. Das zeigt die internationale Rote Liste der bedrohten Arten für die Ostsee, die Lena Avellan vom Sekretariat der Ostseeschutz-Konvention Helcom am Mittwoch vorstellt. Die große Mehrheit der 1750 erfassten Arten seien nicht gefährdet, so Avellan, aber drei Arten mindestens regional ausgestorben: der Atlantische Stör (für ihn läuft in der Oder ein Wiederansiedlungsprojekt), der Glattrochen und die Lachseeschwalbe. Zu den acht stark gefährdeten Arten zählen der Ostseeschweinswal und der Europäische Aal.

Sie alle litten auch heute noch unter einer Vielzahl von menschlichen Einflüssen, so Avellan. Die größten Gefahren seien die Überdüngung des Meeres durch Nährstoffeinleitungen (Stickstoff, Phosphat), die Fischerei, Bautätigkeiten und gebietsfremde Arten. Hier bleibe für den Meeresumweltschutz noch einiges zu tun.