Angesiedelte Störe kommen gut zurecht

Ob in Elbe oder Nordsee: Rückmeldungen von Fischern zeigen, dass die ausgesetzten Jungfische schnell an Gewicht und Größe zulegen

Hamburg. Der erste Schritt ins neue Leben ist ein Sprung ins kalte Wasser: 13.500 Jungstöre sind seit 2008 im Einzugsgebiet der Elbe ausgesetzt worden, um die in dieser Region ausgestorbene Art wieder anzusiedeln. Fast 2800 Fischlein sind markiert. Von 60 Tieren erhielten die Forscher des Projekts „Sturgeon“ (englisch Stör) inzwischen eine Rückmeldung – hauptsächlich von Nordseefischern, denen die freigelassenen Pioniere in die Netze gingen. Dabei zeigte sich: Die Elbe und ihre Nebenflüsse bieten den Stören nach vielen Jahrzehnten Abwesenheit wieder gute Lebensräume.

In der Elbe lebte einst der Europäische Stör (Acipenser sturio). Vor gut 100 Jahren war er noch weit an Europas Küsten und in den Flüssen verbreitet, doch im Laufe des 20. Jahrhunderts brachen die Bestände zusammen. Der (teils illegale) Fang, verbaute Flüsse und schadstoffreiches Wasser brachten den eindrucksvollen Fisch, der drei bis fünf Meter lang und bis zu 100 Jahre alt werden kann, an den Rand des weltweiten Aussterbens. Heute pflanzt sich der Europäische Stör nur noch im französischen Flusssystem Gironde-Garonne-Dordogne fort. Das soll sich in den kommenden Jahrzehnten ändern.

Bereits 1996 starteten Forscher des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin eine Kooperation mit den französischen Kollegen des Forschungsinstituts CEMAGREF. Ihr gemeinsames Ziel: Die letzten Individuen der Europäischen Störe zu sichern und deren Nachwuchs in der Gefangenschaft groß werden zu lassen, als Basis, um in der Gironde und der Elbe wieder Bestände aufzubauen.

Doch der urzeitliche Knochenfisch ist anspruchsvoll. Zum einen wird er erst nach zehn bis zwölf Jahren (Männchen) oder 13 bis 16 Jahren (Weibchen) geschlechtsreif und will über diese Zeit durchgefüttert und betreut werden. Zum anderen findet er wenig Gefallen an dem energiereichen Trockenfutter, das die Forscher ihm gerne reichen würden. „Bei den Elterntieren des Jahrgangs 1995 liegt der Schwerpunkt der Nahrungsversorgung daher immer noch bei gefrostetem Naturfutter“, heißt es auf der Website der Gesellschaft zur Rettung des Störs e.V.(www.sturgeon.de).

Dennoch ist „Störvater“ Dr. Jörn Geßner seit einigen Jahren fleißig dabei, junge Störe aus französischer und Berliner Zucht in der Elbe und ihren Nebenflüssen auszusetzen. In Mulde und Havel, in die Elbe bei Magdeburg und Bleckede, in Oste und Stör (Nomen est omen) wurden die Jungfische entlassen. Rund 50 trugen kleine Sender, etwa 20 Prozent waren markiert.

„Wir kooperieren mit Anglervereinen und Berufsfischern, bitten sie, uns versehentlich gefangene Störe mit möglichst vielen Informationen zu den Fischen und zum Fangort zu melden und die Tiere wieder auszusetzen“, sagt Geßner. „Gerade die Berufsfischer unterstützen uns sehr. Oft sind es Krabbenfischer, die uns detaillierte Rückmeldungen geben, inklusive Länge und Gewicht der Fische, gerne auch mit einem Beweisfoto.“

Aus diesen Daten und der Beobachtung der mit Mini-Sendern versehenen Stören geht hervor, dass die Elbe und ihre Nebenflüsse den Fischen wieder gute Lebensmöglichkeiten bieten. Die Wasserqualität hat sich seit der politischen Wende rapide verbessert, und seit 2010 verbindet eine mondäne Fischtreppe am Wehr Geesthacht die oberen Elbabschnitte und Nebenflüsse mit der Nordsee. Geßner: „Die Fischer erzählen uns, dass die gefangenen Störe rund und proper, also gut genährt waren. Viele Meldungen erreichen uns rund ein Dreivierteljahr nach dem Aussetzen. In dieser Zeit haben die Tiere etwa ihre Länge verdoppelt und das Sechsfache des Gewichts zugelegt.“ Fische aus der Mulde und der Region Magdeburg seien unter den Wiederfängen besonders oft vertreten, erzählt Geßner. Ein rekordverdächtig umtriebiger Stör aus der Mulde wurde in der Nähe des Tivoli aus dem Kopenhagener Stadthafen gefischt.

Da kann die Verwandtschaft aus der Oder locker mithalten. Auch dort gibt es ein Ansiedlungsprojekt, in dessen Rahmen bereits 600.000 Jungstöre in den deutsch-polnischen Grenzfluss ausgesetzt wurden. Oder-Störe sind schon im Bottnischen Meerbusen in der Nähe der schwedischen Stadt Umeå aufgetaucht – 1600 Kilometer vom Ort ihrer Freilassung entfernt. „Unsere Fische sind sehr mobil. Wir finden sie vor der schwedischen und polnischen Küste, haben Meldungen von Fehmarn und Bornholm“, sagt Gerd-Michael Arndt von der Gesellschaft zur Rettung des Störs. Er betreut die Ansiedlung in der Oder und im Ostseeraum und hat seit den ersten Freisetzungen im Jahr 2006 mehr als 1900 Rückmeldungen bekommen.

100.000 Jungfische jährlich sollen in den nächsten Jahren ausgesetzt werden

Die Oder-Störe sind Vertreter einer anderen Art, die sich vor rund 1000 Jahren im Ostseeraum ansiedelte: der Amerikanische Atlantische Stör (Acipenser oxyrhinchus). Seine nächsten Verwandten leben in Kanada. Anders als die wählerischen Europäer frisst der Amerikaner anstandslos Fertigfutter und lässt sich entsprechend leichter in Gefangenschaft halten. Allerdings legt er im Freien noch stärker zu – das sei angesichts des energiereichen Trockenfutters schon erstaunlich, sagt Arndt.

Die Atlantischen Störe werden inzwischen in einer Teichwirtschaft und einem Fischzuchtbetrieb in Odernähe groß. Das möchte Jörn Geßner auch für seine Europäischen Störe erreichen: „Wir streben eine Aufzucht im Einzugsbereich an. Dort können die Fische im Flusswasser groß werden, in dem sie später ausgesetzt werden. Außerdem sind unsere Kapazitäten am IGB ausgereizt. Wir wollen möglichst bald an der Elbe, wie derzeit schon an der Oder, jährlich 100.000 Jungfische aussetzen, besser noch 200.000. Die werden wir die nächsten 15 bis 20 Jahre kontinuierlich brauchen, bis sich die Art in der Elbe von sich aus sicher vermehrt.“

Die stolze Zahl zeigt, was für ein Aufwand betrieben werden muss, um der Art in deutschen Flüssen ein Comeback zu verschaffen. „Wenn Sie mit einer jährlichen Verlustquote von fünf Prozent rechnen, bleiben bis zur Geschlechtsreife im Alter von rund 15 Jahren nur wenige Fische eines Jahrgangs übrig, um sich zu vermehren.“ Die Rückmeldungen über muntere Jungfische geben den Forschern Anlass zur Hoffnung, dass sich der immense Aufwand eines Tages auszahlen wird.