Der ständige Schmerz im Becken

Viele Betroffene haben eine Odyssee von Arzt zu Arzt hinter sich, eine spezielle Sprechstunde im UKE soll ihnen helfen

Hamburg. Ständig Schmerzen im Unterbauch, die nicht wieder verschwinden – eine Odyssee von einen Facharzt zum nächsten, aber keiner findet eine Ursache. In solchen Fällen sprechen Mediziner von einem chronischen Beckenschmerz, dem chronic pelvic pain syndrome, kurz CPPS. „Die Betroffenen leiden erheblich unter diesen Beschwerden, die vor allem im Genitalbereich und im Bereich des Enddarmes auftreten. Häufig treten dabei auch Schmerzen beim Wasserlassen und sexuelle Störungen auf. Aber typischerweise findet man keine körperlichen Ursachen, wie zum Beispiel Infektionen oder Tumoren. Manchmal hat es früher eine Infektion gegeben. Diese ist aber längst abgeklungen, was geblieben ist, sind die Schmerzen, die sich verselbstständigt haben“, sagt Prof. Bernd Löwe, Chefarzt der Universitären Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Schön-Klinik Hamburg-Eilbek und Direktor des Instituts und der Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE).

Und dieses Syndrom ist gar nicht so selten. Betroffen sind laut Studien zehn bis 15 Prozent der Frauen und fünf bis zehn Prozent der Männer. Trotzdem fehlt es an ausreichenden Behandlungsmöglichkeiten „Deswegen unterstützt die Essener PRANA-Stiftung ein Projekt am UKE, in dem ein Diagnose- und Behandlungskonzept für diese Patientengruppe entwickelt wird“, sagt Löwe.

In einer Studie soll die Wirksamkeit einer neuen Behandlung geprüft werden

Teil dieses Projekts ist eine interdisziplinäre Sprechstunde, in der Patienten mit chronischen Beckenschmerzen untersucht werden können. Zudem soll demnächst eine Therapiestudie starten, in der die Wirksamkeit eines neuen Behandlungskonzepts geprüft wird.

An der interdisziplinären Sprechstunde sind Ärzte aus folgenden Fachgebieten beteiligt: Gynäkologie, Urologie, Chirurgie mit der Proktologie, Psychosomatik, Neurologie, Gastroenterologie, Anästhesie und Physiotherapie. „Wenn ein Patient in die Sprechstunde kommt, wird in einem ersten Gespräch ausführlich die Krankengeschichte erfragt, wie lange die Beschwerden bestehen, was schon alles unternommen worden ist, in welchem Rahmen die Beschwerden auftreten“, sagt Löwe. Dann wird in einer interdisziplinären Konferenz entschieden, ob noch weitere Diagnostik auf einem der Gebiete erforderlich ist. Wenn das nicht der Fall ist, erfolgt eine ausführliche psychosomatische Untersuchung.

Denn viele der Patienten, die meist schon jahrelang unter diesen Schmerzen leiden, haben auch psychische Probleme wie Depressionen oder Angststörungen. „Sie befinden sich in einem verhängnisvollen Teufelskreis. Angst und Depression tragen dazu bei, dass die Schmerzen durch die ebenfalls schmerzbedingten Verspannungen der Beckenbodenmuskulatur stärker wahrgenommen werden, dass die Patienten sich mehr auf die Schmerzen konzentrieren und weniger aktiv sind. Und je länger eine solche Schmerzbelastung besteht, umso höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Depression oder eine Angststörung entwickeln“, sagt Löwe.

Die beiden wesentlichen Ansätze der Therapie sind physiotherapeutische Verfahren und Psychotherapie. Der Physiotherapeut versucht, über eine manuelle Therapie von sogenannten Triggerpunkten die Schmerzsymptomatik zu behandeln. Die Psychotherapie ist darauf ausgerichtet, Schmerzen zu bewältigen. Es geht darum, dass der Patient lernt, wie Schmerzen entstehen und wie er damit umgehen kann. „In der Therapiestudie wollen wir genau messen, was die Psychotherapie bewirken kann und was die Physiotherapie“, sagt Löwe.

Mit dieser Therapie könnte auch eine Heilung erreicht werden, meint Löwe: „Die Psychotherapie hilft dabei, dass die Schmerzen nicht mehr so sehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen. Die Beschwerden sind zwar noch vorhanden, können aber so weit in den Hintergrund treten, dass sie nicht mehr stören. Es besteht eine relativ gute Chance, die Schmerzen zu überwinden und ihre Bedeutung so zu reduzieren, dass die Lebensqualität wieder steigt.“ Eine medikamentöse Behandlung gehört nicht zum Behandlungskonzept.

Patienten, die zur Abklärung ihrer Beschwerden die Sprechstunde in Anspruch nehmen möchten, können sich telefonisch (7410-54174) in der psychosomatischen Ambulanz des UKE einen Termin geben lassen, sollten aber dabei unbedingt erwähnen, dass sie die Sprechstunde für chronische Unterbauchschmerzen aufsuchen wollen. Außerdem brauchen sie eine Überweisung vom Hausarzt oder vom Facharzt. Angenommen werden können nur Patienten, die unter einem chronischen Unterbauchschmerz leiden, der vor mindestens sechs Monaten begonnen hat, und für den bisher keine körperliche Ursache gefunden wurde. Patienten, die die Aufnahmekriterien erfüllen und bereit sind, regelmäßig zu Behandlungsterminen ins UKE zu kommen, können auch an der geplanten Therapiestudie teilnehmen.