Neue Hoffnung bei Brustkrebs

Antikörper verbessern Therapie und können bestimmte Tumore jetzt gezielter bekämpfen. Studien auf dem Brustkrebskongress in den USA vorgestellt

Hamburg. Neue Therapiemöglichkeiten bei bestimmten Brustkrebsformen, Methoden, die eine Voraussage über den weiteren Krankheitsverlauf erlauben und Untersuchungen, die den Erfolg des Mammografie-Screenings belegen – das waren zentrale Themen auf dem Brustkrebskongress im amerikanischen San Antonio. Mehr als 7000 Experten aus 100 Ländern kamen auf diesem weltweit größten Treffen zum Thema Brustkrebs zusammen, um die neuesten Forschungsergebnisse zu diskutieren. Über die wichtigsten Erkenntnisse sprach das Abendblatt mit Dr. Ursula Scholz und Privatdozent Dr. Kay Friedrichs vom Mammazentrum Hamburg.

Besondere Erfolge gibt es bei der Behandlung von bestimmten Brustkrebsformen, die vermehrt Andockstellen (Rezeptoren) für den Wachstumsfaktor HER2 Neu auf ihrer Oberfläche tragen. „Durch die Kombination von Chemotherapie und Herceptin, einem Antikörper, der diese Rezeptoren blockiert, ist dieser Tumor deutlich besser behandelbar geworden“ sagt Friedrichs. Immer häufiger wird diese Kombination bereits vor der Operation des Tumors über einen Zeitraum zwischen 18 und 24 Wochen eingesetzt. „Seitdem man jetzt zusätzlich einen zweiten Antikörper, das Lapatinib, einsetzt, erreicht man, dass in 60 Prozent der Fälle der Tumor vor der Operation komplett verschwindet“, sagt Friedrichs. Lapatinib richtet sich auch gegen den HER2-Neu-Rezeptor, hat aber einen anderen Angriffspunkt. Das kleine Molekül dringt in die Zelle ein und blockiert dort die Zellteilungsaktivität.

Bei der Operation, die trotzdem noch nötig sei, finde man nach dieser Therapie keine Krebszellen mehr am ursprünglichen Sitz des Tumors und in den Lymphknoten. Bei dem Eingriff wird nur das Narbengewebe entfernt, das der Tumor hinterlassen hat. „Die Überlebensraten von denjenigen, die ein solches Ergebnis erzielen, liegt bei 85 Prozent. Das ist schon ein Quantensprung in der Therapie dieser Tumoren, die früher nur schlecht behandelbar waren“, sagt Friedrichs. An die Operation schließt sich eine sechswöchige Strahlentherapie an, und die Patientinnen erhalten für ein Jahr eine Antikörpertherapie. „Sie können berufstätig sein und haben eine hervorragende Lebensqualität“, sagt der Brustkrebsexperte. Man denke in diesem Zusammenhang erstmals an chemotherapiefreie Kombinationen von Antikörpern zur Behandlung dieser Brustkrebsform, wenn sie eine ähnliche Effizienz zeigen. Denn die schwersten Nebenwirkungen hat die Chemotherapie.

Auch wenn dieser Brustkrebs bereits weiter fortgeschritten ist, zeigt die Antikörpertherapie Erfolge: „Wir haben jetzt einige Patientinnen, die damit behandelt werden und seit sechs bis sieben Jahren mit diesem Tumor leben, ohne dass die Krankheit fortschreitet. Sie führen zum Teil ein ganz normales Leben“, sagt Friedrichs.

Schon länger suchen Wissenschaftler nach Faktoren, mit denen sich vorhersagen lässt, wie gut ein Tumor auf eine Behandlung anspricht. Jetzt hat man zum ersten Mal einen Zusammenhang gefunden zwischen dem Anteil der Abwehrzellen, die die Reste der abgetöteten Krebszellen beseitigen, und dem Ansprechen auf eine Therapie. „Man muss sich das so vorstellen, dass dort, wo der Tumor an gesundes Gewebe grenzt, ein Kampf zwischen Tumorzellen und normalen Zellen stattfindet. In dem Moment, in dem die Chemo- oder Antikörpertherapie einsetzt, werden die Tumorzellen schwer getroffen. Danach rücken die Abwehrzellen an und räumen die Trümmer ab. Je höher der Anteil dieser Zellen ist, desto größer ist die Chance, dass die Therapie anschlägt. Wächst der Tumor aber ohne Gegenwehr in das Gewebe hinein, auch unter der Therapie, ist das ein schlechtes Zeichen“, sagt Friedrichs. Diesen Zusammenhang habe man jetzt nicht nur für die Chemotherapie, sondern auch für die Antikörpertherapie und die Kombination von beiden nachgewiesen. Auch über das Brustkrebs-Screening, die Reihenuntersuchung von Frauen mit einer Mammografie, gibt es neue Erkenntnisse. Auf dem Kongress wurde eine Übersichtsstudie präsentiert, aus der hervorging, dass die Anzahl der Frauen, die untersucht werden müssen, um nur einen Brustkrebstod zu vermeiden, deutlich niedriger ist als bisher vermutet. „Man hat früher angenommen, dass 300 bis 400 Frauen untersucht werden müssen, damit man einen Brustkrebstod durch die frühzeitige Erkennung eines bis dahin unerkannten Brustkrebses erreichen kann.

Die neuen Studien zeigen, dass diese Zahl zwischen 50 und 150 Fällen liegt. Das bedeutet, dass ein bis zwei Prozent der Frauen, die an dem Screening teilnehmen, gerettet werden können“, unterstreicht Scholz und berichtet, dass diese Zahlen auch ihren subjektiven Eindruck bestätigen: „Wir sehen seit 2009 so viele kleine Brustkrebse wie noch nie zuvor und weniger große Tumoren.“ 2009 wurde das Screening in Hamburg für Frauen im Alter zwischen 49 und 69 Jahren eingeführt, die alle zwei Jahre zur Mammografie eingeladen werden. Hamburgerinnen sollten die Möglichkeit zur kostenlosen Vorsorgeuntersuchung unbedingt in Anspruch nehmen.

Zur Behandlung des fortgeschrittenen Brustkrebses ging es bei dem Kongress vor allem um Medikamente, die den Knochen vor den Krebszellen schützen sollen. „Die sogenannten Bisphosphonate haben sich vorteilhaft gezeigt bei Frauen, die älter als 55 sind oder therapiebedingt in die Wechseljahre kommen. In diesen Fällen konnten die Bisphosphonate das Risiko von Krebsabsiedlungen in die Knochen um 30 Prozent senken. „Das setzen wir als prophylaktische Maßnahme bei Risikopatientinnen ein. Hat eine Patientin bereits Knochenmetastasen, kann diese Therapie den Knochen stabilisieren. Wenn ein Brustkrebs auf eine Chemotherapie nicht anspricht, ist allerdings auch der Einsatz einer solchen Bisphosphonat-Behandlung wenig vielversprechend“, sagt Friedrichs. Ein weiterer Wirkstoff ist das Denusomab, ein Antikörper, der den Knochen stabilisiert und dafür sorgt, dass angegriffene Knochen wieder Knochensubstanz einbauen.

Neuigkeiten gibt es auch zur Strahlentherapie. So hat eine Untersuchung gezeigt, dass bei älteren Patientinnen möglicherweise auf eine Strahlentherapie verzichtet werden kann, wenn die biologischen Eigenschaften des Tumors günstig sind. „Danach kann man bei einem kleinen Brustkrebs, dessen Wachstum von dem weiblichen Geschlechtshormon Östrogen beeinflusst wird, und bei dem die Lymphknoten frei von Krebszellen sind, bei einer über 70-jährigen Patientin auch mal auf eine Bestrahlung verzichten. Es besteht zwar ein um zwei Prozent erhöhtes Risiko, dass es an der gleichen Stelle erneut zu einem Tumor kommt, aber die Lebenserwartung ändert sich nicht“, berichtet Friedrichs. Deswegen sollte bei solchen Patientinnen ab 70 Jahren und mit niedrigem Rückfallrisiko mit dem Strahlentherapeuten das Für und Wider diskutiert werden.

Bei Brustkrebspatientinnen, die sogenannte Aromatasehemmer einnehmen, kann sportliche Aktivität die Nebenwirkungen mindern. Diese Medikamente hemmen die Bildung von Östrogen. Dies kann bei Brustkrebsen, die auf ihrer Oberfläche Andockstellen für das Hormon tragen, das Wachstum fördern. „Mehrere Studien haben gezeigt, dass Sport bei diesen Frauen, insbesondere nach den Wechseljahren, das Risiko für schwere Knochen- und Gelenkschmerzen mindern“, sagt Friedrichs. Gemeint seien insbesondere Gymnastikübungen wie Stretching, Yoga, oder Tai-Chi, Übungen, die mit einer Dehnung der Muskulatur und einer moderaten Belastung der Gelenke einhergingen und zweimal pro Woche durchgeführt werden sollten.

Diese Aromatasehemmer werden auch zur Vorbeugung eingesetzt bei Frauen, die ein erhöhtes Brustkrebsrisiko haben. Je früher eine Frau in die Wechseljahre kommt, umso geringer ist das Risiko. „Man hat jetzt mehrere Studien durchgeführt, um bei den Frauen durch eine Reduktion der Östrogenproduktion ab dem 40. Lebensjahr das Risiko zu senken. Die Zwischenergebnisse sind Erfolg versprechend. Aber angesichts der Nebenwirkungen sollte jeder Einzelfall sorgfältig abgewogen werden“, betont Friedrichs.

Einen neuen Hoffnungsschimmer gibt es auch bei Tumorformen, die keine Angriffspunkte für Antikörper bieten und deswegen von allen Brustkrebsvarianten den ungünstigsten Verlauf haben. „Bei der Therapie dieser Tumoren treten wir seit einigen Jahren auf der Stelle. Jetzt wird eine neue Chemotherapie – oft auch schon vor der Operation – eingesetzt, bei der die Substanzen Carboplatin und Veliparib verwendet werden. Veliparib ist eine der Erfolg versprechenderen neuen Substanzen bei ansonsten vielen Fehlversuchen.“

Trotz weiterhin zunehmender Häufigkeit des Brustkrebses in Deutschland sinken die Sterblichkeitsraten immer weiter.