„Wikipedia ist mehr als eine Webseite“

Karlsruhe. Drei Tage lang haben rund 300 Wikipedia-Autoren in Karlsruhe über die Weiterentwicklung der Online-Enzyklopädie diskutiert. Der Vorstand des Vereins Wikimedia Deutschland, Pavel Richter, spricht über die Konferenz „WikiCon“, den geringen Frauenanteil unter den Autoren und frei verfügbares Wissen im Netz.

Hamburger Abendblatt:

Die Zahl der aktiven Wikipedia-Autoren ist rückläufig – ist die Luft raus aus dem Projekt der Online-Enzyklopädie? Welche Rolle spielt die Konferenz „WikiCon“ in Karlsruhe?

Pavel Richter:

Die „WikiCon“ ist eine Veranstaltung für Wikipedianer. Aber sie ist auch ein kleines Fenster für die Öffentlichkeit, um in die Wikipedia hineinzuschauen. Was sie da sehen, sind viele kluge und freundliche und engagierte Menschen. Wikipedia ist viel mehr als nur eine Webseite. Das zeigt sich auch bei diesem Treffen, wo spannende neue Projekte entwickelt werden. Nach der Konferenz werden ganz viele Sachen passieren. Wir haben eine Zukunft, davon bin ich überzeugt.

Die Community der Wikipedia-Autoren könnte größer sein, wenn mehr Frauen mitmachen würden. Was wird getan, um da etwas zu ändern?

Richter:

Wir müssen uns zwei Fragen stellen: Was hindert Frauen daran, in der Wikipedia mitzumachen? Was hält sie in der Wikipedia, was motiviert sie dazu? Zur ersten Frage: Wikipedia wird nie Mainstream in dem Sinne, dass jeder daran mitschreibt, es ist eine sehr spezielle Tätigkeit. Es gibt aber auch eine Reihe von geschlechtsspezifischen Gründen, die Frauen von einer Mitarbeit an dem Projekt abhält. Diese versuchen wir mit Mitmachangeboten für Frauen zu erkunden und gezielt zu adressieren. Und da suchen wir dann auch nach Anhaltspunkten, was Frauen an der Wikipedia besonders interessant finden.

Was sollte die Politik tun, um ein positives Umfeld für frei verfügbares Wissen im Internet zu schaffen?

Richter:

Staatlich finanzierte Werke müssen gemeinfrei sein, dürfen nicht dem Urheberrecht unterliegen. Das gilt auch für staatlich erhobene Daten. Es ist ein Skandal, dass diese teilweise nur gegen Bezahlung verfügbar sind. Die freie Verfügbarkeit staatlich erhobener Daten muss zum Standard werden, die Ausnahme muss begründet werden. Freies Wissen braucht eine gute Lobby-Arbeit, weil die Gegner von freiem Wissen eine hervorragende Lobby-Arbeit haben. So haben wir in diesem Jahr angefangen, und das werden wir im nächsten Jahr weiterführen, dass wir in Brüssel präsent sind.