Wie der Klimawandel die Erde verändert

Mehr Hitzewellen, ein schneller steigender Meeresspiegel – der Weltklimarat warnt in seinem neuen Bericht vor den Folgen der globalen Erwärmung

Stockholm. Wie könnte sich die globale Erwärmung künftig entwickeln? Auf der Suche nach Antworten haben 259 Hauptautoren aus 39 Ländern in den vergangenen vier Jahren Tausende von Studien gesichtet, unterstützt von mehr als 600 weiteren Forschern. Jetzt ist der erste Teil des fünften Berichts des Uno-Klimarats IPCC über den physikalischen Zustand unseres Planeten fertig. Das Werk umfasst rund 2000 Seiten; die Zusammenfassung für die Politik steht auf 36 Seiten. Dieses Résumé stellte der Rat am Freitag in Stockholm vor. Der vollständige Report soll am Montag erscheinen.

Anweisungen zum Handeln gibt der IPCC nicht; das Gremium will nur den Stand der Forschung zum Klimawandel darstellen. Welche Konsequenzen die Politik zieht, entscheidet sich auf Klimakonferenzen. Die nächste ist für November in Warschau geplant.

Im zweiten und dritten Teil des jüngsten IPCC-Berichts werden die Auswirkungen des Klimawandels behandelt und die politischen Möglichkeiten, die Erderwärmung zu bremsen. Sie sollen im Frühjahr 2014 in Japan und Berlin vorgestellt werden.

Im nun vorgestellten ersten Teil kommt die globale Forscherkollaboration zu dem Schluss, dass der Klimawandel ungebremst voranschreitet. Die jüngsten Annahmen über die Erwärmung der Erde, das Steigen des Meeresspiegels und das Schmelzen der Gletscher halten die Wissenschaftler für sicherer als je zuvor. „Es gibt sehr viele Erfassungssysteme, mehr Satelliten und neue Instrumente, sodass man das gesamte Klimasystem besser erfassen kann“, sagte Ulrich Cubasch von der Freien Universität Berlin, einer der federführenden Autoren.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Treibhausgase und globale Erwärmung

Die Konzentration an Kohlendioxid (CO2) hat sich seit Beginn der Industrialisierung um 40 Prozent erhöht. Gründe sind vor allem die Verbrennung fossiler Rohstoffe. Die Konzentration des Treibhausgases Methan stieg dem Bericht zufolge um 150 Prozent, die von Lachgas um 20 Prozent. CO2 trägt am stärksten zum Treibhauseffekt und damit zur globalen Erwärmung bei, aber auch andere Gase in der Atmosphäre sind daran beteiligt (siehe Infokasten).

Bei einem Temperaturanstieg um mehr als zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter fürchten Wissenschaftler kaum beherrschbare Umweltfolgen. So würde etwa das Risiko für Überflutungen, Dürren und Stürme steigen. Deshalb hatte sich die internationale Gemeinschaft in Beratungen über ein neues weltweites Klimaschutzabkommen, das bis 2015 stehen soll, grundsätzlich darauf verständigt, dass der Anstieg der Erderwärmung auf zwei Grad bis zum Jahr 2100 begrenzt werden müsse

Ist das zu schaffen? Im jüngsten IPCC-Bericht gehen die beteiligten Forscher von vier Szenarien des CO2-Ausstoßes aus. Auf dieser Basis berechneten sie den möglichen Temperaturanstieg. Demnach würden die Durchschnittstemperaturen bis 2100 um einen Wert zwischen 0,3 und 4,8 Grad steigen. Damit bestätigt sich im Groben, was die Forscher in ihrem vierten Bericht von 2007 prognostiziert hatten. Bei den Werten muss jeweils allerdings berücksichtigt werden, dass die Durchschnittstemperatur im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter bereits um etwa 0,8 Grad angestiegen ist. Lediglich mit den beiden niedrigsten Szenarien bliebe man unter der als kritisch angesehenen Zwei-Grad-Marke.

Nie seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war es dem jüngsten IPCC-Bericht zufolge wärmer als im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. „Es sind mehr Temperaturrekorde gebrochen worden als in jedem anderen Jahrzehnt“, sagte der Generalsekretär der Weltmeteorologieorganisation WMO, Michel Jarraud.

Hitzewellen und Starkregen

Im Zuge der Erwärmung könnten Hitzewellen sehr wahrscheinlich öfter auftreten. In den mittleren Breiten und Tropengebieten dürften starke Regenfälle heftiger ausfallen und öfter vorkommen. In bereits niederschlagsreichen Gebieten wird es wohl mehr regnen, in trockenen Gebieten weniger — Ausnahmen sind möglich.

Ozeane und Eis

Die Geschwindigkeit der Eisschmelze von Grönland und der Antarktis hat sich dem Bericht zufolge vervielfacht. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das arktische Eis weiter zurückgeht. Die Ozeane haben 90 Prozent der Energie aufgenommen, die das Klimasystem in den vergangenen Jahrzehnten gespeichert hat. Sie erwärmten sich von 1971 bis 2010 in bis zu 75 Metern Tiefe über 0,1 Grad pro Dekade.

Durch das Schmelzen der Gletscher und die Wärmeausdehnung der Ozeane ist der Meeresspiegel von 1901 bis 2010 um 19 Zentimeter gestiegen. Künftig könnte sich dieser Prozess beschleunigen: „Während sich die Ozeane erwärmen und Gletscher und Eisdecken schmelzen, wird der globale Meeresspiegel weiter steigen, aber schneller, als wir es in den letzten 40 Jahren erlebt haben“, sagte Qin Dahe, einer der Co-Vorsitzenden des IPCC. Bei größten Klimaanstrengungen würde sich der Meeresspiegel demnach bis zum Ende des Jahrhunderts (2080 bis 2100) wahrscheinlich um 26 Zentimeter erhöhen, im ungünstigsten Fall um 82 Zentimeter. Betrachtet man nur das Jahr 2100, könnten es sogar bis zu 98 Zentimeter sein. In seinem Bericht von 2007 hatte der IPCC noch Anstiege von 18 bis 59 Zentimetern vorhergesagt. „Beim letzten Bericht fehlten zum Meeresspiegel noch Daten“, sagte Ulrich Cubasch von der Freien Universität Berlin. „Jetzt hat man neue Techniken gefunden, um das abzuschätzen. Das ist ein wesentlicher Beitrag, und deshalb sind die Zahlen auch höher geworden. “

Einfluss des Menschen

Im Bericht von 2007 hieß es noch, dass die Menschheit die Erderwärmung „sehr wahrscheinlich“ mitverursache. Diesen Anteil der Menschheit bezifferten die Forscher mit mehr als 50 Prozent. Jetzt geht der Klimarat „mit allergrößter Wahrscheinlichkeit“ von einer Mitwirkung aus. Dass es einen menschlichen Einfluss geben muss, schließen Wissenschaftler unter anderem aus folgender Analyse: Rechnet man den vom Menschen verursachten Ausstoß von Treibhausgasen aus den Klimamodellen heraus, dann zeigt sich in den vergangenen 100 Jahren bis auf einige Fluktuationen langfristig kaum eine Änderung.

Verlangsamung der Erwärmung

Jahr für Jahr pustet die Menschheit mehr CO2 in die Luft, der Anteil der Treibhausgase in der Atmosphäre steigt, das sollte die globalen Temperaturen entsprechend weiter nach oben treiben — oder nicht? Tatsächlich haben sich die globalen Durchschnittstemperaturen seit dem Wärmerekordjahr 1998 auf hohem Niveau eingependelt, es gab keinen wesentlichen Anstieg mehr. „Das liegt aber im Rahmen der kurzfristigen Schwankungen, die seit jeher den Langzeit-Erwärmungstrend überlagern“, sagte Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Für Klima-Trends seien längere Zeiträume ab 30 Jahren entscheidend. Auch der IPCC betont, es sei nicht davon auszugehen, dass der Klimawandel eine Auszeit nehme.

Warum die Fieberkurve der Erde seit der Jahrtausendwende stagniert, ist unklar. Eine These: Es könnte mit den Ozeanen zusammenhängen. Denn die Meere sind der größte Wärmespeicher. Wenn senkrechte Meeresströmungen wie in den vergangenen Jahren für eine kältere Wasseroberfläche sorgen, könnten die Ozeane mehr Wärme aufnehmen. In der Folge würde sich die Luft in Bodennähe weniger erwärmen. „Der Treibhauseffekt hat nicht nachgelassen, es gibt nur mehr Wärme im tieferen Ozean und etwas weniger in Oberflächennähe“, sagte Rahmstorf.

Wolken

Die Klimawirkung von Wolken scheint vor allem von ihrem Aufbau abzuhängen und von der Höhe, in der sie schweben. So schirmen die flachen Schäfchenwolken die Erde von der Sonne ab; dadurch tragen sie zur Abkühlung der unteren Atmosphäre bei. Cirrus-Wolken hingegen, die sich in Höhen über 6000 Metern formen, lassen sichtbares Sonnenlicht fast ungehindert durch, blockieren aber die von der Erde zurückgeworfene Wärmestrahlung und tragen so dazu bei, Wärme in der unteren Atmosphäre zu speichern.

Welcher Effekt wird künftig überwiegen? Der IPCC hält es für „wahrscheinlich“, dass Wolken künftig den Treibhauseffekt eher verstärken werden, wenn sich die globale Erwärmung fortsetzt — dennoch bleiben Wolken ein bedeutender Unsicherheitsfaktor bei den Klimaprognosen.

Uno-Klimachefin Christiana Figueres sieht die Ergebnisse als „Weckruf“ für die internationale Staatengemeinschaft. „Der Bericht zeigt, dass es mehr Klarheit über einen vom Menschen erzeugten Klimawandel gibt als jemals zuvor“, sagte Figueres. Die bisherigen Bemühungen zur Begrenzung der Erderwärmung reichten nicht aus. Sie verwies auf das Zwei-Grad-Ziel und darauf, dass die Staaten vereinbart hätten, dieses Ziel im Lichte wissenschaftlicher Erkenntnisse bis zum Klimagipfel in Paris 2015 auf den Prüfstand zu stellen. Dort soll auch das neue Weltklimaabkommen beschlossen werden.

Forscher mahnten zur Eile. „Es gibt einen großen politischen Handlungsbedarf, sich endlich auf den Klimakonferenzen zu einigen“, sagte Mojib Latif vom Geomar-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Stefan Rahmstorf sagte: „Wir haben tatsächlich noch weniger Zeit als gedacht.“

Das Zwei-Grad-Ziel sei nur mit den richtigen Weichenstellungen zu erreichen, sagte Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) in Berlin. Während sich die Bundesregierung in ihrem Kampf gegen den Klimawandel bestätigt sah, stellten Umweltverbände der bisherigen schwarz-gelben Koalition ein schlechtes Zeugnis aus. Der CDU-Wirtschaftsrat warnte vor Wettbewerbsnachteilen bei deutschen oder europäischen Alleingängen.

„Der Klimawandel ist real, und er passiert in einem alarmierenden Tempo“, warnten die großen Nichtregierungsorganisationen WWF, Greenpeace, der Internationale Gewerkschaftsbund, Oxfam, Friends of the Earth, Actionaid und Christian Aid. In einer gemeinsamen Mitteilung forderten die Organisationen die Regierungen zu strengeren Klimaschutzmaßnahmen auf.