Flüsse wirken weit jenseits der Ufer

Insekten und Amphibien verbringen einen Teil ihres Lebens im Fluss, gehen aber auch an Land

Berlin. Der ökologische Wirkungskreis von Fließgewässern reicht weit über ihre Ufer hinaus. Gemeint sind nicht etwa Hochwasserereignisse, sondern die Bedeutung von Flüssen für das Nahrungsgefüge an Land. Noch in mehr als einem halben Kilometer Entfernung stammen zehn Prozent der Nahrungskette aus Tieren, die im Gewässer aufwuchsen. Das betrifft vor allem Insekten. Dies zeigt eine umfangreiche internationale Analyse, an der der Ökologe Prof. Klement Tockner vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie (Berlin) mitarbeitete.

Die Forscher untersuchten den sogenannten Fußabdruck von Fließgewässern. Er umfasst das Gebiet, in dem das jeweilige Gewässer einen messbaren Einfluss auf die Ökosysteme ausübt. Als Maßstab wählte das Forscherteam den Anteil der ehemaligen Flussbewohner an den Nahrungsnetzen der Landtiere. So schlüpfen Insekten und Amphibien in Gewässern, begeben sich dann aber auf Wanderschaft. Weitab von ihren Ursprungsstätten jagen sie nach Nahrung oder werden selbst gefressen, sind also Mitglieder der terrestrischen Nahrungsketten.

Ob ein Gewässer intakt ist, beeinflusst auch die weitere Umgebung

Die Ökologen maßen die Entfernungen, in denen die Hälfte beziehungsweise zehn Prozent der Nahrungsnetze aus Organismen stammt, die einstmals im Wasser lebten. Der Bereich, in denen die Hälfte der Beutetiere aus ehemaligen Wasserbewohnern besteht, reicht nur wenige Meter über die Ufer hinaus. Bereiche, in denen diese Tiere immerhin noch zehn Prozent des Nahrungsaufkommens ausmachen, liegen jedoch mehrere hundert Meter entfernt. Dabei ist die Reichweite von hochproduktiven Gewässern mit vielen Pflanzen, Bakterien und höheren Lebewesen größer als die von weniger produktiven.

Ob ein Gewässer intakt ist oder nicht, entscheidet also nicht nur über die Lebensbedingungen der Wassertiere und -pflanzen, sondern spielt auch für die umgebenden Lebensräume eine große Rolle. Dieses Ergebnis stelle bisherige Maßnahmen zur Renaturierung von Fließgewässern in ein neues Licht, urteilt Klement Tockner. Bisher habe der Fokus der Ökologen auf den Gewässern und ihren Uferbereichen gelegen, „wir beziehen das Umland zu wenig in die Maßnahmen mit ein“.