Studie: Jäger und Sammler führten keine Kriege

Bei tödlichen Konflikten gerieten hauptsächlich Einzelgänger aneinander

Vaasa. Ist der Krieg, also die kollektiv geplante Gewalt zwischen Gruppen, ein Teil der menschlichen Natur, ein Phänomen, das schon bei den ersten Jägern und Sammlern auftrat? Einige Forscher nehmen dies an, etwa der britische Primatologe Richard Wrangham, der 1997 in seinem Bestseller „Demonic Males“ einen Zusammenhang zwischen der Kriegsführung der Menschen und den Überfällen von Schimpansen auf ihresgleichen herstellte. Wenn Affen, von denen wir abstammen, gewaltsam gegen andere Gruppen vorgehen, dann war dieser Trieb wohl auch schon in den ersten menschlichen Gesellschaften verwurzelt, schrieb Wrangham.

Der US-Ökonom Samuel Bowles vertrat 2009 im Fachjournal „Science“ die These, dass Krieg erst Kooperation und Altruismus hervorbrachte, weil Individuen bei der Kriegsführung zum Vorteil der Gruppe kooperierten – was dazu führte, dass Gruppen mit mehr selbstlosen Mitgliedern überlebten. So wurde die Selbstlosigkeit im Laufe der Evolution ein Teil des menschlichen Verhaltens, argumentierte Bowles.

Zu einer anderen Einschätzung kommen nun die Anthropologen Douglas Fry und Patrick Söderberg von der Universität im finnischen Vaasa in einer neuen Studie, die ebenfalls im Fachjournal „Science“ erschienen ist. Ihnen zufolge gerieten bei tödlichen Auseinandersetzungen in Jäger und Sammler-Gesellschaften hauptsächlich einzelne Menschen aneinander. Ausschlaggebend dafür seien meist persönliche Gründe gewesen, aber nicht die Motive einer Gruppe. „Zum Beispiel kämpften zwei Männer um eine Frau“, sagt Douglas Fry. „Das kann man nicht als kriegerische Situation bezeichnen.“

Für ihre Studie untersuchten die Forscher 186 tödliche Auseinandersetzungen in 21 Band-Gesellschaften weltweit. Diese Gruppen, die höchstens 100 Mitglieder haben, als Jäger und Sammler leben und durch ein gemeinsames „Band“ zusammengehalten werden, gelten als Modell für den Mensch im Urzustand. Die von Fry und Söderberg analysierten Vorfälle ereigneten sich überwiegend im 19. und 20. Jahrhundert. Dennoch meinen die Forscher, dass die Ergebnisse auf urtümliche Jäger und Sammler übertragbar sind.

Die meisten der Tötungen ließen sich eher als Mord einstufen und weniger als Folge eines größeren Konflikts, schreiben die Autoren. In 85 Prozent der Fälle hätten Täter und Opfer aus derselben Gruppe gestammt. Zwei Drittel der Fälle ließen sich auf Familienfehden, Streitigkeiten um eine Partnerin, Unfälle und Bestrafungen zurückführen. Für ein kriegsähnliches Verhalten hätten sie nur wenige Anhaltspunkte gefunden, sagt Douglas Fry.

Dies lege nahe, dass Krieg ein Verhalten sei, das erst in jüngerer Zeit und in anderen Gesellschaftsformen entstand. „Jäger- und Sammler-Gesellschaften hatten nur wenig Besitz; es gab kaum etwas zu plündern“, sagt Fry. „In sesshaften Kulturen, die Landwirtschaft betrieben, häuften sich dagegen Güter an. Das konnte Begehrlichkeiten wecken. Und es war wohl ein Grund, warum es zu Kriegen kam.“