Therapie soll Missbrauch verhindern

107 Männer haben sich im vergangenen Jahr an die UKE–Ambulanz für Pädophile gewandt. Behörde finanziert Projekt

Hamburg. Vor einem Jahr nahm ein ungewöhnliches Präventionsprojekt gegen sexuellen Kindesmissbrauch seine Arbeit auf: Als Teil des Netzwerkes „Kein Täter werden“ bietet das UKE in einer Ambulanz in Altona Betroffenen mit pädophilen Neigungen kostenlos sexualtherapeutische Hilfe an. Ärztliche Schweigepflicht ist garantiert. Das Ziel der Hilfe: sexuelle Übergriffe auf Kinder zu verhindern.

Das Angebot richtet sich an alle, die befürchten, einen sexuellen Übergriff zu begehen oder Darstellungen von Missbrauch zu nutzen, zum Beispiel im Internet. Sie dürfen nicht im Visier der Justiz sein, etwa wegen eines Verfahrens oder in Form von Auflagen. Jetzt hat die Hamburger Behörde für Justiz und Gleichstellung die Finanzierung für ein weiteres Jahr übernommen und eine langfristige Finanzierung zugesichert. „Wir können feststellen, dass dieses Projekt erfolgreich gewesen ist“, sagte Dr. Ralf Kleindiek, Staatsrat der Behörde, am Donnerstag in Hamburg.

Prof. Peer Briken, Leiter des Projekts und Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Eppendorf, zog Donnerstag eine erste Zwischenbilanz. Danach haben sich im ersten Jahr 107 Männer mit pädophilen Neigungen sowie Angehörige und Fachleute an die Ambulanz gewandt. Mehr als 40 Männer nehmen an diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen teil. Unter den Betroffenen, die sich bei der Ambulanz meldeten, waren keine Frauen.

In der Ambulanz kümmern sich zwei Psychologen und eine Medizinerin um die Patienten, die in der Regel einmal in der Woche oder alle 14 Tage zur Einzeltherapie kommen. Seit September des vergangenen Jahres gibt es auch eine Gruppentherapie mit acht Personen. Eine zweite soll demnächst starten. Dabei richtet sich die Therapie auch danach, wie hoch das Risiko eines sexuellen Übergriffs ist. „Menschen mit höherem Risiko werden intensiver behandelt als Menschen mit niedrigem Risiko“, sagt Briken.

Relevante Themen in der Therapie seien unter anderem die Verbesserung des Selbstwertgefühls, das Erkennen von Risikosituationen, der Ausbau der Fähigkeit zur Impulskontrolle und die Entwicklung einer gesunden Sexualität.

Für eine erste wissenschaftliche Bilanz der Behandlungsergebnisse ist es in Hamburg noch zu früh. „Aber Ergebnisse aus Berlin zeigen, dass eine umfassende, längerfristige Therapie das Bewusstsein der Männer deutlich beeinflussen und damit die Risikofaktoren für eine sexuellen Übergriff senken kann“, sagte Briken. In Berlin war das Netzwerk „Kein Täter werden“ 2005 gestartet. Mittlerweile gibt es weitere Anlaufstellen in Hannover, Kiel, Stralsund, Leipzig und Regensburg. An allen Standorten sei die Zahl derer, die das Angebot in Anspruch nehmen, relativ vergleichbar, sagte Briken.

„Wir freuen uns sehr, dass dieses Projekt überhaupt realisiert werden konnte“, sagte Cordula Strucke, Leiterin des Kinderschutzzentrums Hamburg, das bei bestimmten Fragestellungen mit dem Projekt zusammenarbeitet. Das Kinderschutzzentrum ist eine Einrichtung des Hamburger Kinderschutzbundes, das sich um Kinder kümmert, die vernachlässigt, körperlich und seelisch misshandelt werden. Der sexuelle Kindesmissbrauch gehört zu den Arbeitsschwerpunkten der Beratungsstelle. Jede verhinderte Tat schütze ein Kind, sagte Strucke. Das Angebot der UKE-Ambulanz, in der sich Menschen mit ihrer pädophilen Problematik auseinandersetzen und diese behandeln lassen könnten, sei ein wichtiger Beitrag zum aktiven Kinderschutz.

Wie weit die Pädophilie verbreitet ist, darüber gibt es keine wissenschaftlichen Angaben. Nach Schätzungen erfüllt ein Prozent der Männer die diagnostischen Kriterien für diese psychische Störung. Auch die Zahl sexueller Übergriffe ist unklar. Experten schätzen, dass die Dunkelziffer mindestens achtmal höher ist als die Zahl der bekannten Straftaten. Laut der polizeilichen Kriminalstatistik wurden 2012 in Hamburg 189 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch registriert und 22 Fälle von versuchtem Missbrauch.

Wer das Angebot der Ambulanz in Anspruch nehmen möchte, kann sich unter der Telefonnummer 0152/22816628 oder der E-Mail-Adresse Prävention@uke.de melden.

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