Nach Loveparade-Katastrophe

Größtes Experiment zur Sicherheit von Groß-Events

Foto: dpa/ZGBZGH

Drei Jahre nach der Loveparade-Katastrophe läuft das weltweit größte Experiment mit 1000 Teilnehmern zur Sicherheit von Großveranstaltungen.

Düsseldorf. Mit ihren weißen Sonnenhütchen, den kurzen Hosen und T-Shirts sehen sie aus wie der Klischee-Sommerurlauber. Aber das hier wird alles andere als ein Sommerspaziergang. "Bevor es gefährlich werden kann, wird es ein Stoppsignal geben", sagt Prof. Armin Seyfried von einer Hebebühne per Mikrofon – und bläst kurz und kräftig in seine Trillerpfeife. "Wenn ich pfeife, alle stehen bleiben."

Vor drei Jahren starben 21 Menschen im Gedränge der Duisburger Loveparade, Hunderte wurden verletzt. So etwas kann im Extremfall passieren, wenn Menschenmassen zu wenig Platz haben. "Zuerst kommt der Stau – und dann das Gedränge", sagt Seyfried. Wie viel Platz brauchen Menschen bei einer Veranstaltung, damit es nicht zum Stau kommt? Das soll hier auf dem Messegelände in Düsseldorf geklärt werden: Am Mittwochmorgen waren für die ersten Experimente 350 Probanden in einer der Hallen, in den kommenden Tagen steigt die Zahl auf 1000 Teilnehmer an.

Armin Seyfried ist Professor am Jülich Supercomputer Centre (JSC). Das Forschungszentrum Jülich führt bis zum 22. Juni die weltweit größten Experimente im Zuge des Projektes "BaSiGo – Bausteine für die Sicherheit von Großveranstaltungen" durch. Dafür arbeiten 17 Partner aus Forschung und Industrie sowie von Feuerwehr und Polizei umfassende Konzepte für das Sicherheitsmanagement von Großveranstaltungen aus.

5,5 Millionen Euro stellt das Bundesministerium für Bildung und Forschung dafür bereit. Die Aufgabe der Jülicher Forscher ist es, Modelle zu entwickeln und zu verbessern, mit denen man in Computersimulationen Szenarien durchspielen und Unfälle voraussehen kann. Dabei können sie auf das Projekt "Hermes" aufbauen, das 2011 abgeschlossen wurde. Den Wissenschaftlern war es dabei gelungen, im Düsseldorfer Stadion ebenfalls mithilfe vieler freiwilliger Teilnehmer und einer Simulation vorherzusagen, wann und wo es innerhalb der nächsten 15 Minuten zu Stauungen kommt.

Die Annahmen zum Platzbedarf für einen reibungslosen Fußgängerverkehr schwanken zwischen vier und zehn Menschen pro Quadratmeter in einem Strom ohne Gegenverkehr. Die Jülicher Forscher gehen in ihren Modellen von fünf bis sieben aus. Das wollen sie jetzt in Versuchen prüfen und ihre Modelle nachjustieren.

Der Aufbau mit großen Kunststoffquadern markiert eine Kreuzung. Von allen vier Seiten sollen die Gruppen gerade auf die Kreuzung zulaufen, sie überqueren und über die andere Seite hinauslaufen. "Nicht bummeln, normal gehen", gibt Seyfried per Mikrofon von der Hebebühne Anweisungen. Es ist still. Spannung. "Und es kann losgehen", sagt der "Chef". Das Prozedere wird wiederholt. Die Zugänge werden breiter, das Durcheinander nimmt zu.

Die Wissenschaftler wollen Veranstaltern und Sicherheitskräften Zahlen an die Hand geben, mit denen sie den Platzbedarf für erwartete Zuschauermengen berechnen können. Ein wichtiger Faktor wird bei späteren Versuchen der Gegenverkehr wie bei der Loveparade sein, wo Besucher über dieselbe Rampe rein und raus wollten. In so einer Situation gehen Forscher von einer Staubildung schon bei 3,5 oder vier Menschen pro Quadratmeter aus. "Wir selber haben Messungen aus Standbildern der Loveparade gemacht, da sind wir bei sieben bis acht Personen pro Quadratmeter gelandet", sagt Seyfried.

Die Hütchen auf den Köpfen der Testgänger sind unscheinbar, aber wichtig, denn sie sind gekennzeichnet. Dies ist notwendig für die extra hierfür entwickelte Videotechnik: Die 24 Kameras unter der Hallendecke erkennen die Probanden an ihren individuellen Hüten, erfassen zentimetergenau die Laufwege und ordnen sie den einzelnen Menschen zu. Wenn die Hüte nur etwas schief sitzen, können die Kameras die schwarzen QR-Codes auf der Oberseite nicht lesen. Deshalb ertönt immer wieder die Anweisung: "Schaut bitte, ob die Mützen richtig sitzen."

Die meisten Freiwilligen sind Studenten. Warum sie mitmachen? "Wegen der 50 Euro", sagt Hilko, 26. Die Aufwandsentschädigung ist für die meisten das entscheidende Argument.

Irgendwann steht in der Mitte der Kreuzung eine Säule, es erscheinen Kreisverkehrsschilder. Die Probanden sollen rechts herum laufen und den Strom im Fluss halten. Ohne zusätzlich Ansage klappt das nicht. Prof. Gebhard Rusch von der Universität Siegen ist überrascht. Die Wissenschaftler des Instituts für Medienforschung testen zum ersten Mal den Einsatz digitaler und animierter Grafiken und Schilder. Bei einem Stau sollen sie eingeschaltet werden und den Fußgängern die Bewegungsrichtung anzeigen, um den Stau aufzulösen. "Wir wollen herausfinden: Wird das umgesetzt oder ist der Fluchtinstinkt der Menschen so stark, dass sie sich über diese Empfehlung hinwegsetzen?", sagt Rusch. In Düsseldorf brauchten die Teilnehmer dazu eine Anleitung.

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