Disneys „Schimpansen“

Affenmärchen um Waisenkind mit wahrem Kern

Der Film „Schimpansen“ aus der Naturfilm-Sparte von Disney erzählt in berührenden Bildern von der Adoption eines Jungtiers durch ein fremdes Männchen. Wirklichkeit oder modernes Dschungelbuch?

Leipzig. Es sei der Blick in die Augen, sagt Lorenz Knauer. Schon bei der ersten Begegnung mit Schimpansen im Gombe Nationalpark in Tansania sei es um ihn geschehen gewesen. „Ich war zu Tränen gerührt. Das ist, als ob einen ein Mensch anguckt“, erzählt der Dokumentarfilmer. Knauer, der 2008 in Tansania ein Kino-Porträt über die britische Primatologin Jane Goodall drehte, hat die Affenliebe seitdem nicht mehr losgelassen. Er hat das deutsche Jane-Goodall-Institut mitgegründet und ist zum Schimpansen-Schützer geworden. „Die Begegnungen im Bergwald haben mein Leben verändert“, sagt Knauer. „Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass Schimpansen unsere nächsten Verwandten sind.“

Das sind sie in der Tat – zu 98,6 Prozent stimmen das menschliche und das Schimpansen-Genom überein. Wissenschaftler haben im Urwald beobachtet, dass Schimpansen nicht nur äußerst geschickt Werkzeuge benutzen und ihr Wissen an den Nachwuchs weitergeben. Sie können auch Liebe, Hass und Trauer empfinden, Freundschaften schließen – und sie sind sehr individuelle Persönlichkeiten.

Nun hat die Naturfilm-Sparte von Disney die Tiere als Helden entdeckt. „Schimpansen“ (seit dem 9. Mai im Kino) erzählt in berührenden Bildern die Geschichte eines Jungtiers im Regenwald an der Elfenbeinküste, das seine Mutter verliert und in einem weißbärtigen Männchen des Clans einen liebevollen Pflegevater findet. Wirklichkeit oder modernes Dschungelbuch?

Christophe Boesch vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie erforscht seit 33 Jahren das Verhalten von Schimpansen im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste. Er hat etliche Studien über die Tiere mitveröffentlicht – über ihr Familienleben in Gruppen, über das liebevolle Lausen, Nussknacken, Ameisenangeln und das Honigessen. Aber auch über die systematische Jagd der Schimpansenmännchen auf kleine Äffchen und tödliche Grenzstreitigkeiten mit anderen Schimpansen-Clans. Boesch hat das Disney-Filmteam beim Dreh wissenschaftlich beraten.

„Wir haben mit den Jahren 35 Fälle von Waisenkindern bei Schimpansen beobachtet. Fast die Hälfte von ihnen wurde adoptiert“, sagt Boesch. „Normalerweise machen das ältere Brüder, Schwestern oder auch ein fremdes Weibchen. Wir haben aber auch einige Fälle von fremden Männchen gesehen, die sich gekümmert haben.“

Die von Disney beauftragten Filmleute um den Briten Alastair Fothergill hatte bei seinen 700 Drehtagen im Dschungel großes Glück: Sie stießen auf ein verwaistes, zweieinhalbjähriges Jungtier, dass sie Oskar nannten. Nachdem es bei allen Weibchen vergeblich um Schutz gebettelt hatte, sprang völlig unerwartet ein Männchen der Gruppe als Ziehvater ein – die Wissenschaftler nannten ihn Freddy. „Er hat den kleinen Schimpansen sogar auf seinem Rücken getragen. Das würde ein erwachsenes Männchen sonst nie machen“, sagt Boesch. Der riesige Schimpanse, nachweislich nicht der Vater des Jungtiers, teilte seine Nahrung mit seinem Adoptivsohn, lauste ihn zärtlich und ließ ihn in seinem Baumnest schlafen.

Doch damit ist das Dschungelmärchen auch schon zu Ende. Sieben Monate nach seiner Adoption verschwindet der kleine Filmheld spurlos. „Ein dreijähriger Jungschimpanse überlebt nicht allein im Dschungel. Da gibt es keine Hoffnung, sagt Boesch.

Der Erfolg einer Adoption hänge wahrscheinlich mit dem Alter der Tiere zusammen. „Wir haben schon vorher gedacht, dass es ein Waisenkind, das jünger als fünf Jahre ist, wahrscheinlich nicht schafft.“ Das liege aber nicht an der Unfähigkeit von Adoptiveltern, sondern an den harten Gesetzen des Dschungels. Rund die Hälfte aller Schimpansenkinder im Nationalpark werde nicht älter als fünf Jahre. Die Überlebenden lösen sich erst mit rund zehn Jahren von ihrer Mutter, mit 14 bis 16 Jahren gelten sie erwachsen. Nur alle vier bis sechs Jahre bringt ein Schimpansenweibchen ein Junges zur Welt.

Ein Hauptfeind der Schimpansen an der Elfenbeinküste sind Leoparden, außerdem gibt es Kämpfe mit anderen Clans – aber auch Infektionen, die von Menschen eingeschleppt werden. Schon ein Schnupfen könne einen Schimpansen umbringen, sagt Boesch. Deshalb achteten Forscher auf Hygiene. Wilderer scherten sich darum nicht. Hinzu kommt als größte Bedrohung die Abholzung des Regenwalds. Schimpansen stehen bei der Weltnaturschutzorganistation IUCN auf der Roten Liste gefährdeter Arten – auch, weil ihr Lebensraum schwindet.

Das sei der Hauptgrund, warum er das Disney-Team beraten habe, sagt Boesch. Er suche ebenso wie Jane Goodall nach einer Lobby für die bedrohten Tiere. Denn in den vergangenen 20 Jahren habe allein die Schimpansen-Population an der Elfenbeinküste um 90 Prozent abgenommen. Weltweit, so lauten Schätzungen, sind von den eine Million Schimpansen die es 1960 noch gab, nur noch 200.000 übrig.

Die Disney-Film ist keine reine Dokumentation. Die dargestellte Geschichte hat sich im Dschungel weder chronologisch noch immer an derselben Stelle abgespielt – einige Aufnahmen sind sogar aus Uganda. Und Oskars „Rolle“ übernahmen nach dessen Verschwinden andere Jungtiere. Dennoch wird der Film vom Verleih als „wahre Geschichte“ vermarktet. Der „Spiegel“ sprach deshalb von einem „Affenmärchen“, der „Stern“ von „Affentheater“.

Christophe Boesch wird nicht müde zu betonen, dass die wissenschaftlichen Fakten im Film korrekt seien. Schimpansen verhielten sich genauso – samt Adoption, auch wenn diese in der im Kino gezeigten Form sehr selten sei. Lässt sich also sagen, dass Schimpansen manchmal altruistisch, also selbstlos handeln wie Menschen? Boesch macht es sich mit der Antwort nicht leicht: „Man muss dafür sicher sein, dass es keinen Verwandtschaftsgrad zwischen Waisenkind und Adoptiveltern gibt. Bei dem Affenkind im Film war das der Fall.“ Es sei aber eine große wissenschaftliche Diskussion im Gange, ob eine solche Adoption Altruismus sei. „Vielleicht sieht es auch nur so aus“, sagt Boesch. „Das kann auch ein sogenannter reziproker Altruismus sein. Das bedeutet, dass ein Tier einem anderen in der Annahme hilft, später auch von ihm Unterstützung zu bekommen. Das kann man bei Tieren beobachten, die in kleinen sozialen Gruppen lange Jahre zusammenleben.“

Kann sich ein Schimpansenmännchen in die Nöte eines Waisenkindes hineinversetzen? Hilft es, weil das unerfahrene Jungtier sonst keine Überlebenschance hätte? Auch da ist Boesch nicht sicher. „Ein Tier kann sich in einem anderen sehen, ohne zu verstehen, dass dieses eine ganz andere und eigene Individualität hat“, erläutert er. „Es identifiziert sich und hilft deshalb.“

Eine solche Identifikation findet aber längst nicht immer statt. In Leipzig haben Forscher herausgefunden, dass Schimpansen keinen menschlichen Sinn für Fairness haben und zum Beispiel eine Portion Weintrauben nicht gerecht aufteilen. Und sie stören sich auch nicht daran, wenn ein Mitglied der Gruppe bestohlen wird. Es sei denn, es sind auch eigene Vorräte im Spiel.

Dann wieder helfen die Tiere einander, zum Beispiel im Kampf. Bei Schimpansen gibt es erste Anzeichen für systematische, hochaggressive Aktionen von Männchen, die beim Angriff gegen einen anderen Clan kooperieren. Oft gebe es bei solchen Streitigkeiten um Territorien und Nahrung sogar Tote, sagt Boesch. Solche Gruppen-Dynamiken und Kooperation seien sonst nur vom Menschen bekannt.