Hamburger Forscher

Wie sich Essstörungen verhindern lassen

Hamburger Forscher wollen ein Präventionsprogramm für Jugendliche entwickeln, das an Schulen eingesetzt werden könnte. Bei ihrer Untersuchung haben die Forscher bereits mehrere Risikofaktoren festgestellt.

Hamburg. Magersucht, Esssucht, Bulimie – das höchste Risiko, an einer solchen Essstörung zu erkranken, haben junge Menschen während der Pubertät. Wissenschaftler des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) untersuchen jetzt, welche besonderen Risikofaktoren es in dieser Altersgruppe für Essstörungen gibt. Das Ziel der Forscher ist, ein Präventionsprogramm zu entwickeln, das langfristig in den Unterricht an Hamburger Schulen aufgenommen wird.

An der Studie haben bisher 1200 Hamburger Schülerinnen und Schüler der achten und elften Klassen aus 18 Schulen im Alter von 13 bis 14 Jahren und von 17 bis 19 Jahren teilgenommen. „Das sind genau die Altersgruppen, in denen die Essstörungen am häufigsten beginnen“, sagt Professor Bernd Löwe, Direktor der Universitären Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Eppendorf sowie der psychosomatischen Abteilung der Schön-Klinik Hamburg Eilbek und Leiter des neuen Projekts.

Die Studie soll noch bis Juli 2014 weitergeführt werden, bis dahin sollen insgesamt 2500 Schüler befragt werden. An der Untersuchung sind neben der Klinik für Psychosomatik die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKE, das Suchtpräventionszentrum des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung sowie der Fachausschuss Essstörungen beteiligt. Finanziert wird das Projekt als Teil der Initiative „psychenet – Hamburger Netzwerk für psychische Gesundheit“ über das Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Bei ihrer Untersuchung haben die Forscher bereits mehrere Risikofaktoren festgestellt. „Ein wichtiger Risikofaktor ist die Auseinandersetzung mit dem westlichen Schönheits- und Schlankheitsideal. Je intensiver die Konfrontation damit ist, umso größer ist das Risiko für eine Essstörung“, sagt Maddalena Rossi, Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Projekt. „Problematisch sind auch die Schwierigkeiten der Schüler, mit negativen Gefühlen umzugehen und die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Und das Risiko ist umso höher, je stärker die Schüler unter depressiven Verstimmungen leiden“, ergänzt die Psychologin Angelika Weigel, die ebenfalls als wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Projekt arbeitet.

Bis heute ist es aber nicht möglich zu bestimmen, welche Risikofaktoren zu welcher Essstörung führen: Bulimie, Anorexie und Binge Eating. Das hat unter anderem den Grund, dass die voll ausgeprägten Essstörungen relativ selten sind. Nur ein Prozent der Bevölkerung leidet an einer Magersucht, drei Prozent leiden an Bulimie, aber in der KIGGS-Studie des Berliner Robert-Koch-Instituts zeigte jedes 5. Kind zwischen elf und 17 Jahren Symptome einer Essstörung.

Überrascht waren die Forscher über den unerwartet hohen Anteil von Jungen

„Der Hauptteil der Schüler entwickelt subklinische Symptome, das heißt, sie essen zu viel oder zu wenig, nehmen Abführmittel, treiben exzessiv Sport, aber im Vollbild haben sie keine Essstörung. Wir wissen viel darüber, welche Risikofaktoren es geben könnte, aber wir wissen nicht, warum nur so wenige eine Essstörung entwickeln“, sagt Weigel. Klar ist aber, dass es nie ein einzelner Risikofaktor ist, sondern immer eine Kombination von mehreren Faktoren, die die Anfälligkeit für eine Erkrankung erhöhen. „Dann kommen oft aktuelle Auslöser hinzu“, sagt Löwe.

Überrascht waren die Wissenschaftler über den unerwartet hohen Anteil von Jungen, die Symptome einer Essstörung hatten. In der Untersuchung zeigte sich für fast zehn Prozent der Jungen ein erhöhtes Risiko. „Es gibt klassische männliche Erscheinungsformen bei den Essstörungen. Bei den Jungen ist exzessives Sporttreiben eine gängige Variante, um Gewicht zu reduzieren. Erbrechen ist eher selten“, sagt Rossi.

Die Ermittlung der Risikofaktoren ist der erste Teilabschnitt des Projekts. Im zweiten Schritt soll mit der einen Hälfte der Schüler ein Präventionsprogramm durchgeführt werden, mit der anderen nicht. Im letzten Abschnitt werden nach sechs Monaten beide Gruppen verglichen, um festzustellen, ob sich durch das Präventionsprogramm die Risikofaktoren verändert haben.

Kritische Auseinandersetzung mit Medien und Werbung

Das Präventionsprojekt teile sich in drei Doppelstunden, verteilt auf zwei Wochen, erläutert Angelika Weigel. „Im ersten Block geht es um die Frage: Was finden wir schön, und wie kommt es, dass wir das schön finden? Es soll eine kritische Auseinandersetzung mit den Medien und der Werbung sein, mit Kommentaren aus der Schule, von Familie und Freunden, und den Unterschieden zwischen Jungen und Mädchen. Der zweite Block befasst sich mit der Bearbeitung von Risikofaktoren und der Stärkung von Ressourcen, wie einer Verbesserung des Selbstwertgefühls und dem Umgang mit Gefühlen. Im dritten Block geht es darum, verschiedene Formen von Essstörungen und Hilfsangebote für junge Menschen in Hamburg kennenzulernen.“

Mit dem Programm wollen die Forscher den Schülern auch helfen, über Essstörungen zu sprechen, ihnen Mut machen, darüber zu reden, wenn sie das Gefühl haben, einer ihrer Freunde sei davon betroffen. „Das Ziel ist, eine Möglichkeit zu schaffen, das Thema ohne Scheu anzusprechen und aufzuzeigen, dass es wichtig ist, auch als Angehöriger oder Freund Hilfe in Anspruch zu nehmen“, sagt Psychologin Hanna Wendt, ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Projekt

Auf lange Sicht geht es den Wissenschaftlern darum, ein Präventionsprogramm für alle Hamburger Schulen zu entwickeln. „Wenn wir sehen, dass das Programm wirksam ist, wird das Material dafür an möglichst viele Schulen weitergegeben. Optimalerweise soll es langfristig von Spezialisten weggehen und von Lehrern in den Unterricht übernommen werden“, sagt Projektleiter Bernd Löwe.

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