Nach Rückruf

In Hamburg wird der Grippe-Impfstoff knapp

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Claudia Sewig und Marc Hasse

Fünf Chargen von Grippeimpfstoffen wurden zurückgezogen. Nun fehlen in der Hansestadt und Schleswig-Holstein 300.000 Dosen.

Hamburg. Erst verzögerte ein Lieferengpass bei den von den Krankenkassen festgelegten Impfstoffen die diesjährige Grippeimpfung. Jetzt verschlechtert sich die Situation weiter: Am Donnerstagnachmittag hat das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) als zuständiges Bundesinstitut für Impfstoffe seine Freigabe für fünf Chargen der Mittel Begripal und Fluad zurückgenommen. Am Vorabend hatten bereits Italien und die Schweiz die Auslieferung der beiden von dem Pharmaunternehmen Novartis hergestellten Impfstoffe gestoppt, nachdem sich in einigen Behältnissen weiße Flocken gebildet hatten. Jetzt entschied sich das PEI als "Maßnahme der Risikovorsorge" ebenfalls zu diesem Schritt. Ärzte befürchten nun einen noch stärkeren Engpass bei den Grippeimpfungen - und fordern die Krankenkassen auf, den Exklusivvertrag mit Novartis umgehend zu kündigen.

Betroffen sind nach Angaben des PEI der Grippeimpfstoff Begripal mit den Chargennummern 126201, 126102A, 126101, 126202A und eine Charge des Impfstoffs Fluad mit der Chargennummer 128902. Der Rückruf diene "dem Schutz der Patienten vor möglichen Nebenwirkungen, die nach der Verabreichung von Impfstoffen, die Ausflockungen zeigen, auftreten könnten", so die Aussage des Bundesinstituts. Zwar seien solche Ausflockungen in Deutschland bei den genannten Impfstoffen bisher noch nicht beobachtet worden. Zurückgerufen würden aber jene Chargen, bei deren Produktionsvorstufen Ausflockungen aufgefallen seien. Fluad und Begripal werden von Novartis Vaccines in Italien produziert und durch das staatliche italienische Kontroll-Labor geprüft. Die Ausflockungen waren dem Unternehmen bei Prüfungen einer noch nicht freigegebenen Charge aufgefallen.

Nach Verabreichung der betroffenen Grippeimpfstoffe könnten innerhalb weniger Stunden Unverträglichkeitsreaktionen auftreten. Dies können allergische bis hin zu anaphylaktische Reaktionen sein - akute Reaktionen des Immunsystems bis hin zu einem lebensgefährlichen Schock -, so das PEI. Spätere Reaktionen oder Spätfolgen wurden bisher nicht beschrieben.

Nach Angaben des Hamburger Apothekervereins sind Teile von allen fünf betroffenen Chargen auch in Hamburg ausgeliefert worden. Vergangene Woche Freitag hatten 100 Hamburger Apotheken zusammen 7000 Einheiten Begripal und 200 Einheiten Fluad erhalten. Das ergab eine Befragung des Apothekervereins, auf die 100 von den 430 Apotheken in Hamburg geantwortet hatten. Da alle Apotheken wahrscheinlich ähnliche Mengen erhalten hätten und Novartis in der Zwischenzeit weitere Einheiten geliefert habe, könne man die Angaben hochrechnen und so davon ausgehen, dass in Hamburg bis jetzt mindestens 28 000 Einheiten Begripal und 800 Einheiten Fluad Hamburg ausgeliefert worden seien, sagte der Vorsitzende des Hamburger Apothekervereins, Jörn Graue. Wie viel noch bei den Apotheken und bei Ärzten lagere und wie viele Einheiten bereits Patienten verabreicht worden seien, werde sich wahrscheinlich erst bis Ende der Woche genauer sagen lassen.

Die Apotheken beziehen die Impfstoffe entweder direkt vom Hersteller oder über den pharmazeutischen Großhandel. Die Rückgabe der Impfstoffe koordinieren nun die Kassenärztliche Vereinigung und der Apothekerverein. "Uns wurde diktiert, welchen Impfstoff wir beziehen mussten. Leider hatte der Hersteller erhebliche Produktionsprobleme", sagte Graue. Nach seiner Einschätzung wird sich der bestehende Engpass nun erheblich verschärfen: "Der Markt ist leer gefegt. In Zukunft sollten die Kassen Ausschreibungen bei Impfungen vermeiden."

Zu dem Engpass was es ursprünglich gekommen, da die Krankenkassen in Hamburg und Schleswig-Holstein einen Rabattvertrag mit Novartis abgeschlossen hatten - doch der Konzern nicht rechtzeitig und in ausreichender Menge Impfdosen von "Begripal ohne Kanüle" geliefert hatte. Vor zwei Wochen hatten die Krankenkassen dann schließlich alle 16 in Deutschland zugelassenen Impfstoffe gegen die saisonale Grippe freigegeben - vorerst jedoch nur bis zur flächendeckenden Versorgung mit dem Rabatt-Impfstoff.

"Die jetzige Situation zeigt einmal mehr, was passiert, wenn man rein aus ökonomischen Gründen Verträge abschließt", sagte Prof. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer und Präsident der Ärztekammer Hamburg, gegenüber dem Abendblatt. "Die Kassen müssen vom Vertrag mit Novartis zurücktreten, damit die Bevölkerung vernünftig versorgt werden kann."

Von einem "unhaltbaren Zustand" sprach auch Dr. Michael Späth, Vorsitzender der Vetreterversammlung aus dem Beirat der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg. "Der Vertrag muss mit sofortiger Wirkung weg. Es ist ein dilettantischer Vertrag, bei dem am Ende jetzt alles teurer wird - und das bei einer schlechteren Versorgung für die Patienten. Die Kassen sind noch nicht so weit, dass sie solche Verträge schließen sollten."

Insgesamt 14,2 Millionen Impfdosen seien in dieser Grippesaison bisher freigegeben und mehr als eine Million Dosen davon verabreicht worden. Laut Apothekerverband Schleswig-Holstein fehlen durch den Rückruf in Schleswig-Holstein und in Hamburg zusammen jetzt rund 300 000 Impfdosen. Der Schweizer Hersteller Novartis hat eine enge Zusammenarbeit mit den Gesundheitsbehörden angekündigt. Dabei sollten die Fragen zum Stopp der Auslieferung von Begripal und Fluad geklärt werden, teilte das Unternehmen gestern Abend mit.