Archäologie

Rügen: Ausgrabung im Wettlauf mit der Zeit

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Martina Rathke

Sondereinsatz: Am Kap Arkona auf Rügen legen Archäologen Überreste der slawischen Tempelburg frei - bevor sie ins Meer stürzen.

Kap Arkona. Mit dem Metalldetektor in den Händen stemmt sich Heide Großnick dem Sturm entgegen. Rund 40 Meter unter ihr schlägt die Ostsee krachend an den Klifffuß vom Kap Arkona. Milchige Kreideströme ergießen sich aus dem Hang in das Meer. Der Sturm heult laut. Oben auf dem Kliff, nur zwei Meter von der Abbruchkante entfernt, wo vor rund 1000 Jahren die Slawen zu Kult- und Opferhandlungen zusammenkamen, hört Heide Großnick konzentriert auf die Geräusche ihres Metallsuchgerätes. In einer 30 Zentimeter tiefen Grube ortet sie ein kleines Stück Eisen, kartografiert den Standort und legt es dann zu den anderen vielen Funden: Keramikscherben, Pfeilspitzen, Reitersporne, eine Glasperle und Münzfragmente aus dem arabischen Raum. "Die Funddichte ist beeindruckend", sagt Grabungsleiter Fred Ruchhöft.

Die Tempelburg, in der zwischen dem 6. und 12. Jahrhundert die Slawen dem Gott Swantevit huldigten, ist nach Einschätzung der Historiker und Archäologen ein kulturhistorisches und archäologisches Denkmal europäischen Ranges. "Mit der Eroberung der Burg im Jahr 1168 durch die Dänen fiel die letzte Bastion des Heidentums im westlichen Ostseeraum", sagt der Historiker Ruchhöft. Die Dänen brachten rund 40 Jahre nach Otto von Bamberg, der das pommersche Festland friedlich missionierte, das Christentum auf blutige Art nach Rügen. Den Christen galt Arkona als "schauriger Hort der Abgötterei". Als heidnisches Zentralheiligtum steht die Tempelburg neben dem legendären Haithabu, Birka und dem bisher nicht gefundenen Rethra.

Retten, was noch zu retten ist - das ist derzeit das Motto der Archäologen des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege für das Zentralheiligtum der Slawen an der Nordspitze Rügens. In den vergangenen 15 Jahren holte sich die Ostsee an dieser Stelle rund 15 Meter Kliff. In den Jahren 2008 und 2011 stürzten mit den Kreide- und Mergelmassen auch Teile der historischen Anlage, darunter der kurz zuvor archäologisch gesicherte zentrale Kultplatz, unwiederbringlich ins Meer.

Historiker gehen davon aus, dass heute nur noch ein Drittel, wenn es hochkommt die Hälfte der Tempelburg erhalten ist. "Mit der Sicherungsgrabung wollen wir uns Vorlauf für die kommenden Jahre schaffen", sagt Mecklenburg-Vorpommerns Chefarchäologe Detlef Jantzen. "Es ist wie eine Notsicherung einer beschädigten Festplatte - in wenigen Jahren ist das weg." Nur wenige Hundert Meter von der Grabungsstelle entfernt starb vor einem dreiviertel Jahr ein zehnjähriges Mädchen bei einem Kliffabbruch. Die slawische Burganlage ist aus Sicherheitsgründen schon seit Jahren für Spaziergänger gesperrt.

Systematisch arbeiten sich die Wissenschaftler seit Mitte September über das erste, rund 300 Meter große Grabungsfeld. Auf jeweils fünf mal fünf Meter großen Arealen tragen sie vorsichtig Erdschicht um Erdschicht ab. Damit ihnen kein Fundstück verloren geht, sieben sie jede Schaufel Erde. "Dieser Boden ist ein Informationsspeicher erster Güte", sagt Chefarchäologe Jantzen. Land, Deutsche Stiftung Denkmalschutz und die Gemeinde Putgarten finanzieren die auf zwei Jahre angelegte Grabung mit 280 000 Euro.

Lebten Menschen auf der Tempelburg? Die Forscher fanden erste Fundamente

Als Heiligtum mit Opferstätte und Kultplatz galt die Tempelburg bislang als siedlungsfrei. Geradezu elektrisiert hat die Archäologen deshalb der Fund eines Grubenhausfundaments innerhalb des Burgwalls mit Resten von Eisenschlacke, Doppelnieten und Spinnwirteln. Die Beifunde deuten laut erster Einschätzung auf eine Nutzung als Schmiede und Wohnplatz hin. Mit der Interpretation halten sich die Wissenschaftler allerdings zurück. Gibt es weitere Hinweise auf Häuser, waren sie ständig besiedelt oder nur in Zeiten von Kulthandlungen? "Diese Fragen zu klären, wird eine echte Detektivarbeit", sagt Jantzen.

Noch im Oktober stößt eine Restauratorin zu dem Ausgrabungsteam. Als erstes Artefakt wird sie sich einer arabischen Glasperle annehmen, die in einer Bodenschicht des 9. Jahrhunderts gefunden wurde. Gerade die Fundstücke aus dem arabischen Raum belegen laut Jantzen die weitreichenden Handelsbeziehungen vor 1200 Jahren. "Globalisierte Warenströme gab es schon damals - auch wenn der Handel etwas länger dauerte."

Vielleicht zehn Jahre Vorsprung wird den Archäologen die jetzige Grabung am bekanntesten Bodendenkmal des Nordostens geben. Die Verlustrate am Kliff hat sich in den vergangenen Jahren beschleunigt, sagen die Wissenschaftler. Aus den 50 Zentimeter pro Jahr sind inzwischen bis zu ein Meter geworden. "Wir müssen genau beobachten, wie es weitergeht", sagt Landesarchäologe Jantzen.

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