Schwangerschaft

Rettende Eingriffe schon im Mutterleib

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Christiane Löll

Bei einigen Erkrankungen können die Überlebenschancen steigen, wenn die Babys vor der Geburt operiert werden.

Hamburg. "Die Entscheidung war klar: Wenn nichts getan würde, dann würden die beiden Mädchen vermutlich sterben", erinnert sich Miriam R. an die schweren Stunden vor etwa dreieinhalb Jahren. Die damals 38-jährige Münchnerin und ihr Ehemann erwarteten Vierlinge - zwei Jungen und zwei Mädchen, jeweils eineiige Zwillinge. Bis zur 20. Schwangerschaftswoche ging alles gut - doch dann gab es schlechte Nachrichten über eine Komplikation: Zwischen beiden Mädchen hatten sich Blutgefäße gebildet, die da nicht hingehörten. Während das eine Mädchen schlecht mit Blut versorgt wurde und kaum Fruchtwasser um sich herum hatte, hatte das andere Mädchen zu viel davon. Eine Woche lang beobachteten die Ärzte, was da vor sich ging, dann entschied sich das Ehepaar zur Reise nach Hamburg. Am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) arbeitet Prof. Kurt Hecher, einer der wenigen Experten in Deutschland, die in solch einer Situation im Mutterleib operieren.

"Das Phänomen nennt sich Zwillingstransfusionssyndrom. Es kommt bei einer von 2500 Schwangerschaften vor und bei einer von 50 Mehrlingsschwangerschaften", sagt Hecher. Meistens trete es zwischen der 16. und 26. Schwangerschaftswoche auf. "Unbehandelt sterben die Kinder in 80 bis 90 Prozent der Fälle, früher wurde immer wieder Fruchtwasser abgelassen als Therapie." 1992 gelang Gynäkologen in London (darunter auch Hecher) erstmals die Verödung der überflüssigen Verbindungsgefäße mit einem Laser. "Es war bekannt, dass die Blutgefäßverbindungen zwischen den Kindern das Problem sind, da war es nur logisch, diese unterbinden zu wollen." Die Idee dahinter: "Das Fruchtwasser und die Versorgung der Kinder mit Blut sollen sich wieder gleichmäßig verteilen."

Jährlich macht Hechers Team am UKE rund 100 solcher Eingriffe. Der 56-Jährige ist dort Direktor der Klinik für Geburtshilfe und Geburtsmedizin. Der Fall der Münchner Vierlinge bleibt auch für ihn einzigartig. "Wir arbeiten mit einem sogenannten Fetoskop, das ist ein schmaler Stab mit etwa 3,5 Millimetern im Durchmesser, durch den die verschiedenen Instrumente, zum Beispiel die Optik, geführt werden", erklärt Hecher. Dieses Fetoskop werde in die Gebärmutter durch einen kleinen Schnitt in der Bauchdecke eingeführt. Die Frauen erhielten nur eine lokale Betäubung, und könnten während des rund 30- bis 40-minütigen Eingriffs auf einem Monitor alles mitverfolgen.

Laut Hecher erreichen spezialisierte Zentren inzwischen, dass bei 90 Prozent der behandelten Frauen zumindest ein Kind nach solch einem Lasereingriff überlebt. "In 70 Prozent überleben beide." In den Anfängen der Methode lag die Überlebensrate noch deutlich darunter. Hecher glaubt nicht, dass sich die Überlebensrate mit einer ausgefeilteren Technik noch entscheidend verbessern ließe. "Während des Eingriffs kommt es ganz selten zu Komplikationen, aber es besteht ein erhöhtes Risiko für eine Fehlgeburt oder eine extreme Frühgeburt danach", sagt Hecher. Man könne jedoch insgesamt daran arbeiten, die Mehrlingsschwangerschaften möglichst lange zu erhalten. Laut Hecher können neurologische Spätfolgen durch Schäden im Gehirn vorkommen. Der Prozentsatz liegt mit 14 Prozent laut einem Artikel im Deutschen Ärzteblatt etwas über dem von eineiigen Zwillingen ohne das Transfusionssyndrom (sechs Prozent), was ausgeprägte Schäden angeht.

Den Artikel verfasste Hechers Team mit dem belgischen Experten Prof. Jan Deprest aus Leuven, mit dem der Gynäkologe auf mehreren Gebieten intensiv zusammenarbeitet. So fliegen regelmäßig Mitarbeiter nach Leuven, um dort Operationen bei noch ungeborenen Kindern mit einer Zwerchfellhernie zu erlernen. Bei diesem angeborenen Defekt des Zwerchfells verschieben sich die Bauchorgane in den Brustraum, der für Herz und Lunge gedacht ist. Die Lungen der Feten können sich dadurch nicht richtig entwickeln, dies kommt bei etwa einem von 2500 bis 5000 ungeborenen Kindern vor.

Bei einer Operation im Mutterleib wird die Luftröhre der Feten mit einem Ballon verschlossen, zwischen der 26. und 32. Schwangerschaftswoche. "Dann wird der Ballon wieder entfernt. Man hat gesehen, dass dies das Lungenwachstum fördern kann." Hecher will diesen Eingriff auch bald in Hamburg anbieten, im Rahmen einer Studie. "So etwas macht ja nur Sinn, wenn die Chancen für die Kinder durch einen Eingriff vor der Geburt besser sind, als wenn sie danach behandelt werden. Daher brauchen wir größere Studien, um Aussagen darüber machen zu können." Ein ernstes Problem bei diesem Verfahren sei es auch, wenn der Ballon notfallmäßig entfernt werden müsse, weil das Kind zu früh auf die Welt komme. "Nach Beobachtungen weiß man jetzt: Zehn bis 15 Prozent der schwer betroffenen Kinder überleben, wenn sie nach der Geburt operiert werden, 50 Prozent überleben mit der Ballontechnik." Doch müsse dies noch bestätigt werden.

Zu weiteren Verfahren der "intrauterinen Chirurgie" gehört die Behandlung einer Spina bifida, umgangssprachlich offener Rücken genannt. Dabei liegen die Nervenfasern und ein Teil der Wirbelsäule frei, die Fehlbildung kommt bei etwa einer von 800 Schwangerschaften vor. "Studien haben gezeigt, dass die Kinder, die vor der Geburt operiert werden, eine bessere Prognose haben", sagt Hecher, der dieses Verfahren selbst nicht durchführt. Hamburger Patienten verweist er daher an Zentren in Gießen oder Leuven.

Doch zurück zu den Vierlingen: Miriam R. war inzwischen Aufregung gewohnt, was ihren Nachwuchs anging. "Ich stand ohnehin etwas neben mir, seitdem wir wussten, es sind vier Kinder. Und dann hieß es für uns: Da müssen wir jetzt irgendwie durch, damit die Mädchen eine Chance haben." Auch sie schaute im Operationssaal gespannt auf den Bildschirm, ihr Mann war an ihrer Seite. "Man konnte aber nur kurz einen Fuß sehen." Hecher gelang es schließlich, die "schädlichen" Gefäße zwischen den Mädchen zu unterbinden. Die 48 Stunden nach der Operation sind laut dem Spezialisten besonders wichtig, um Aussagen über ein Ergebnis machen zu können. Doch die angehende Familie blieb noch eine Woche zur Beobachtung am UKE. "Man wollte unter anderem ausschließen, dass die Jungs auch das Transfusionssyndrom entwickeln." Zum Glück war dies nicht der Fall.

Am 14. Juni 2009 kamen Anna, Marlene, Aaron und Jakob schließlich in der 30. Schwangerschaftswoche in einer Münchner Klinik zur Welt - einige Wochen zu früh. Auch das Abendblatt berichtete über das Glück hoch vier. "Marlene hatte durch das Syndrom zu wenig Blut abbekommen, sie war mit 745 Gramm deutlich kleiner als ihre Geschwister, die mehr als 1000 Gramm wogen", sagt Miriam R. Auch jetzt sei Marlene noch kleiner als ihre Schwester. "Sonst merkt man aber keinen deutlichen Unterschied." Im Juni wurden die Vierlinge drei Jahre alt, gehen in den Kindergarten und halten die Eltern auf Trab. Lachend berichtet ihre Mutter davon, wie schwierig es sei, ein Gruppenfoto von ihnen zu bekommen. "Einer haut immer ab oder hat keine Lust."