Wasserspar-Technik

Humus vom Hamburger Hauptbahnhofs-WC

Die Pionier-Technik der Toilettenanlage am Ausgang der Mönckebergstraße recycelt Wasser und Nährstoffe - und produziert so Dünger.

Hamburg. Die Arbeit von Peter-Nils Grönwall, Gewässerschützer in der Umweltbehörde, wirkt auf den ersten Blick etwas anrüchig: Er beschäftigt sich mit der Frage, wie sich menschliche Exkremente ökologisch verwerten oder zumindest umweltfreundlich und preiswert beseitigen lassen. Zunächst ließ Grönwall Ende der 1990er-Jahre in öffentlichen Toilettenhäuschen Wasser sparende Sechs-Liter-Klosetts einbauen. 2009/2010 folgte das 3,5-Liter-WC. Jetzt entstand am Hauptbahnhof eine Toilettenanlage, die aus den menschlichen Hinterlassenschaften wertvollen Dünger produziert - und damit weltweit einzigartig ist.

Der Eingang zum Zukunftsprojekt am Ausgang Mönckebergstraße des Hauptbahnhofs ist ebenso unspektakulär wie die aufgereihten stillen Örtchen, die jährlich rund 200.000 Besucher empfangen. Ihnen ist ihr Pilotcharakter nicht anzumerken. Richtig interessant wird es im Technikbereich der Anlage. "Sie birgt das Potenzial, gleich zwei Kreisläufe zu schließen", schwärmt Grönwall. "Wir recyceln das eingesetzte Wasser, indem wir es so gut reinigen, dass wir es wieder zur Toilettenspülung nutzen können. Und wir gewinnen die im Abwasser enthaltenen Nährstoffe zurück. Mit ihnen lassen sich Dünger produzieren, die, in der Landwirtschaft eingesetzt, wieder Pflanzen zur Verfügung stehen und über die Nahrungsmittel letztendlich auch wieder beim Menschen landen."

Am Anfang stand eine Überzeugung, die Grönwall mit vielen Ökologen teilt: Das Wasserklosett muss neu erfunden werden. Es kann nicht sein, dass in unserem hochtechnischen Zeitalter weiterhin Exkremente mit großen Mengen kostbaren Trinkwassers weggespült werden und damit das wichtigste Lebensmittel in jedem Haushalt täglich hektoliterweise vergeudet wird. So wurde die Wasserarmut zur Basis der unterirdischen Vorzeigetechnik. Die Hauptbahnhof-Urinale kommen ganz ohne Wasser aus, die Toiletten werden per Spartaste mit zwei, ansonsten mit 3,5 Litern sauber gespült - eine spezielle Wasserführung macht's möglich.

+++ Die Wasserspar-Techniken +++

+++ Mönckebergstraße erhält voll recycelte Asphaltdecke +++

Als Ergebnis fließen relativ gering verdünnte Abwässer durch den Verwertungsprozess, das lässt die einzelnen Stationen effektiver arbeiten. Station Nummer eins ist der Separator, der Feststoffe (Papier, Fäkalien) aus dem Abwasserstrom abtrennt. Zusammen mit anderen ambitionierten Fachleuten suchte Grönwall nach einer einfachen, möglichst wartungsfreien Apparatur, die die Trennung vollzieht - und fand sie in einem Fettabscheider.

Die Feststoffe rutschen durch ein Fallrohr in ein blaues 60-Liter-Fass. Zwei davon füllen sich pro Woche. Dabei werden von Zeit zu Zeit automatisch Holzkohleschnitzel zugegeben, die zur Vergärung mit einem speziellen Mikroben-Mix geimpft werden. Peter-Nils Grönwall zeigt ein kleines Gefäß mit einer kaffeebraunen Flüssigkeit: "Hier sind 89 Arten von Mikroorganismen aktiv, das Präparat stammt aus Japan." Auch dort arbeiten Forscher an dem Ziel, aus organischen Stoffen einen höchst wertvollen Dünger herzustellen, die Terra preta (portugiesisch: schwarze Erde).

Schon frühe Amazonas-Völker mischten Asche, verkohlte Holzreste, Dung und Kompost, fügten ein paar Tonscherben, Knochen oder Muschelschalen hinzu und ließen das Gemisch zur fruchtbaren schwarzen Erde verrotten. Diese ließe sich nun auch mit Hilfe des Inhalts der blauen Kunststofffässer herstellen. Dazu sind zunächst weitere Ingredienzien nötig: Die dunkle, relativ trockene Masse muss mindestens mit der gleichen Menge Bioabfall und Holzschredder versetzt werden. Noch eine Prise Gesteinsmehl, weitere Mikroorganismen und Würmer machen die Verrottung zur Terra preta perfekt.

Noch fehlen dem Behördenmitarbeiter Abnehmer für seine Fässer. Er hofft darauf, dass die Hamburger Gärtner von Parks, Friedhöfen und anderen Grünanlagen den Rohstoff zusammen mit Pflanzenresten kompostieren und damit preiswerten und hochwertigen Dünger erzeugen werden. Doch bislang werden die Fässer zwischengelagert. Oder sie gehen an die Forscher um Prof. Ralf Otterpohl im Institut für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH). Sie standen bei der Entwicklung des Verwertungsprozesses Pate, untersuchen nun das Material und verbessern das Verfahren weiter.

Auch der von den Feststoffen befreite Abwasserstrom wird recycelt. Zunächst zerlegen Mikroorganismen organische Bestandteile im Abwasser. Dann fließt das bereits weitgehend gereinigte Wasser durch einen Nanofilter, der kleinste Moleküle zurückhalten kann. Er trennt die Nährstoffe Stickstoff und Phosphor sowie Spurenelemente ab - der Nährstoffmix sei am Markt gut abzusetzen, so Grönwall.

Auch Arzneimittelrückstände bleiben im Nanofilter hängen. Im Gegensatz dazu passieren sie kommunale Kläranlagen fast ungehindert und werden deshalb zunehmend zu einem Umweltproblem. Nach Angaben des Umweltbundesamts wurden bereits mehr als 130 medizinische Wirkstoffe in Bächen, Seen und Flüssen gefunden, vereinzelt sogar im Grundwasser. Das Abwasser der Hauptbahnhof-Toiletten würde über die Kanalisation keine Arzneimittelreste in die Kläranlage eintragen. Aber dort soll es gar nicht landen. Denn es habe am Ende des Prozesses in etwa Badewasserqualität, schmunzelt der Gewässerschützer, und fließt zurück in die Toilettenspülung.

Vor einigen Monaten war die Anlage komplett und lief seitdem störungsfrei. Derzeit liegt sie allerdings still, doch das liegt nicht an der Technik: Eine undichte Fernwärmeleitung überflutete kürzlich die Installationen, das mehr als 60 Grad heiße Wasser legte Sensoren und Mikroben lahm. Aber der Schaden soll bald behoben sein.

Geht es nach Nils-Peter Grönwall, ist die Nährstoffquelle unter dem Steintorwall erst der Anfang. Der Berliner Botanische Garten habe sein Konzept übernommen, erzählt er. Auch in Hamburg hat er bereits weitere Projekte im Visier, die aber noch nicht spruchreif seien. Gut 50 öffentliche Toilettenhäuschen laufen unter der Regie des engagierten Abwasserpioniers, weitere lohnende Kandidaten sind größere WC-Anlagen in Schulen, Hochschulen und anderen öffentlichen Gebäuden.

Die von ihm und den TU-Wissenschaftlern entwickelte Prozesskette sei gerade auch für Entwicklungsländer interessant, betont Grönwall. Sie verbessere durch den Dünger die Ernteerträge und bekämpfe gleichzeitig das Abwasserproblem - Durchfallerkrankungen durch unreines Wasser sind in armen Ländern die Haupttodesursache bei Kleinkindern. Gleichzeitig verbraucht sie nur wenig Trinkwasser und ist relativ preiswert nachzubauen. So könnten auch die Bewohner ferner Länder vom neuen Umgang mit den anrüchigen Geschäften der Hamburger profitieren.

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