Geisteswissenschaften 2.0

Wie Wissenschaftler Texte, Bilder und Musik digital aufbereiten und so unser kulturelles Erbe auf neue Weise nutzbar machen

Hamburg. "Praxisfern", "technikfeindlich", "irgendwie unmodern" - so oder ähnlich negativ urteilen nicht Wenige über die Geisteswissenschaften. Fächer wie Germanistik und Geschichte geraten zunehmend unter Rechfertigungsdruck, während die Natur- und Technikwissenschaften in der Öffentlichkeit einen immer größeren Stellenwert genießen. Da hilft auch nur bedingt der Hinweis, dass bereits 1949 die elektronische Datenverarbeitung Eingang in die Geisteswissenschaften fand, als nämlich der italienische Jesuitenpater Roberto Busa und IBM-Gründer Thomas J. Watson auf Lochkarten eine Konkordanz der Werke des Heiligen Thomas von Aquin erstellten, also eine alphabetisch geordnete Liste der wichtigsten Wörter und Phrasen aus dessen Werk. Damit schufen die beiden die Grundlage für die sogenannten Digitalen Geisteswissenschaften.

Doch während in Großbritannien und den USA bereits seit 20 Jahren der Einsatz von computergestützten Analysen in den traditionellen Fächern der Dichter und Denker gefördert werden, sind solche Methoden hierzulande erst an wenigen Hochschulen etabliert. Das soll sich nun ändern: Auf der größten internationalen Konferenz für Digitale Geisteswissenschaften, die noch bis Sonntagabend in Hamburg stattfindet, haben Forscher jetzt den Regionalverband Digital Humanities Deutschland (DHD) gegründet. Als Vorsitzenden ihres Vorstands wählten sie Jan Christoph Meister, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Uni Hamburg. Der ruft zum Aufbruch: "Immer mehr kulturelle Objekte, zum Beispiel Bücher, Briefe, Bilder und Musik stehen uns in digitaler Form zur Verfügung. Gerade wenn Geisteswissenschaftler auch die Gegenwart in den Blick nehmen wollen, sollten sie die Chancen der Digitalisierung nutzen."

Dass es hier offenbar ein großes Potenzial gibt, zeigt das Engagement bedeutender Sponsoren: Die Volkswagen-Stiftung sponserte die Gründung; zudem will sie 2013 eine weitere große Digital-Humanities-Konferenz in Hannover ausrichten. Google fördert mit umgerechnet 80 000 Euro die Weiterentwicklung der Software CLÉA, die das Team um Jan Christoph Meister (ein Informatiker, eine Philologin sowie eine Koordinatorin) entwickelt hat. Das Programm basiert auf CATMA, einer ebenfalls von den Hamburgern entwickelten Software, die digitale Texte analysieren kann.

Meister, der an der Universität Computerphilologie lehrt, macht mit seinem Team also vor, was er fordert: "Die Geisteswissenschaften müssen sich stärker anderen Disziplinen wie der Informatik öffnen."

Im Prinzip geht es immer darum, digitales Material zu erschließen und dann nutzbar zu machen. Die Möglichkeiten sind so vielfältig wie die Geisteswissenschaften selbst. Eindrucksvolle Beispiele liefern US-Forscher: Ein Team von der Universität Stanford (Kalifornien) analysierte die "Republic of Letters", jene intellektuelle Gemeinschaft im Europa des 18. Jahrhunderts, deren Mitglieder über Briefe miteinander kommunizierten, unter ihnen Schriftsteller wie John Locke und Voltaire. Für ihre Studie fütterten die Forscher ein Computerprogramm mit allen verfügbaren Daten aus Tausenden von Briefwechseln und bildeten deren Verlauf auf einer Karte ab. So konnten sie grafisch darstellen, wie sich Ideen während der Aufklärung in Europa ausbreiteten - oder auch nicht: Voltaire, so zeigte sich etwa auf einen Blick, korrespondierte kaum mit England, obwohl er das Land selbst besuchte und obwohl viele Franzosen England für ein Land hielten, in dem Werte der Aufklärung wie Toleranz und politische Freiheit einen hohen Stellenwert haben.

Forscher der Universität von Virginia sammelten Daten über die Reisen von Thomas Jefferson nach England und integrierten sie in eine interaktive Karte, die sie ins Internet stellten. Dort kann jetzt jedermann nachvollziehen, wann der dritte US-Präsident und Verfasser der Unabhängigkeitserklärung sich wo aufhielt und was über seine jeweiligen Aktivitäten bekannt ist ( www.viseyes.org ). Für Nicht-Amerikanisten ist das allerdings eher eine Spielerei als ein Informationsgewinn.

Gut haben es all jene Forscher, die auf eindeutige Daten zugreifen können, also beispielsweise auf klar lesbare Texte in Büchern, Briefen und Urkunden. Manchen stellt sich allerdings das Problem, dass wichtige Informationen nicht mehr sichtbar sind, etwa weil Zeichen getilgt wurden oder von Schmutz und anderen Substanzen verdeckt werden. Dann setzen die Forscher neben Software auch Spezialinstrumente ein.

Mitarbeiter der Goethe-Universität Frankfurt, der Technischen Universität Darmstadt und des Freien Deutschen Hochstifts arbeiten etwa daran, mithilfe von Multispektralkameras die verdeckten Buchstaben alter Handschriften wieder aufzudecken. An der Universität Hamburg haben Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs "Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa" ein archäometrisches Labor eingerichtet. Dort analysieren sie etwa das Material alter Manuskripte, um etwas über deren Geschichte zu erfahren.

Nicht nur in die Forschung, sondern auch in die Lehre findet die Digitalisierung zunehmend Eingang. Beispiele dafür sind Studiengänge wie Computerlinguistik und Medieninformatik oder Fächerkombinationen, die früher nur selten möglich waren. An der Universität Köln können Studenten etwa angewandte Informatik und Geschichte kombinieren. Die Absolventen könnten dann nicht nur als Historiker arbeiten, sondern auch beispielsweise digitale Bibliotheken aufbauen oder 3-D-Visualisierungen für Museen erstellen, etwa virtuelle Rundgänge durch Ausstellungen, sagt Manfred Thaller, Professor für historisch-kulturwissenschaftliche Informationsverarbeitung an der Hochschule. Allerdings, so Thaller, fänden die meisten Absolventen einen Job in der Wirtschaft und nicht in geisteswissenschaftlich geprägten Einrichtungen. Das sehe er mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Wo wird die Digitalisierung die Geisteswissenschaften hinführen? Werden Literaturwissenschaftler Bücher künftig nur noch mit Software "scannen" und auswerten? Nein, sagt Jan Christoph Meister von der Uni Hamburg. Computergestützte Analysen könnten nur eine Ergänzung der herkömmlichen Forschung sein. "Algorithmen sind blind für die Semantik, die Bedeutung von Texten. Andererseits ist die Tatsache, dass sie nichts im Hinterkopf haben wie wir Menschen, gerade interessant."

Zwar mache die künstliche Intelligenz Fortschritte, sagt Meister. "Dennoch sind wir weit davon entfernt, das Kerngeschäft der Geisteswissenschaften - das Verständnis und die Interpretation von Texten - den Computern zu überlassen."

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