Erhöhtes Krebsrisiko

Gefährliche Brustimplantate – deutsche Behörden alarmiert

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Die französische Regierung rät 30.000 betroffenen Frauen, sich die Silikonkissen entfernen zu lassen. Deutsche Experten warnen vor Panik.

Paris/Bonn. Die 37-jährige Linda aus Paris will nicht "mit zwei Bomben in der Brust" herumlaufen. Eine junge Krankenschwester aus Straßburg "wacht jede Nacht auf und befühlt ihren Busen", aus Sorge, es könnte etwas Gefährliches geschehen sein. Die beiden Frauen sind keine Einzelfälle: Insgesamt 30.000 Frauen in Frankreich tragen Silikonkissen des Herstellers Poly Implant Prothesis (PIP) in der Brust. Die Implantate stehen im Verdacht, schneller als andere Modelle zu platzen - und möglicherweise Krebs auszulösen. Mindestens acht Frauen mit solchen Implantaten sind in Frankreich inzwischen an Krebs erkrankt, zwei weitere sollen bereits daran gestorben sein. Am Freitag hat das französische Gesundheitsministerium allen betroffenen Frauen empfohlen, sich die Implantate herausoperieren zu lassen.

Gesundheitsminister Xavier Bertrand sagte, eine Entfernung solcher Implantate solle vorsorglich erfolgen, sei aber nicht dringlich. Zwar sei bislang keine erhöhte Rate von Krebsfällen nachgewiesen worden, doch es bestehe das Risiko, dass die Implantate platzen und ein bedenkliches Silikongel austritt. Betroffen sind auch Frauen in Großbritannien, Spanien, Portugal - und in Deutschland. Die Gesundheitsbehörden dieser Länder könnten nun ähnliche Empfehlungen aussprechen.

Das in Deutschland zuständige Bundesinstitut warnt unterdessen vor Panik. Man wisse noch nicht, ob es einen Zusammenhang zwischen den geplatzten Implantaten der Firma und den Krebserkrankungen gebe, sagte der Sprecher des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), Maik Pommer, am Freitag. "In Deutschland haben wir keine vergleichbaren Krebsfälle." Pommer konnte keine Angaben machen, wie viele Frauen in Deutschland ein PIP-Implantat erhalten haben. Bisher seien hierzulande 19 Fälle von Rissen in solchen Brustimplantaten bekannt geworden.

"Es ist nicht auszuschließen, dass wir uns der generellen Empfehlung der französischen Behörden anschließen, sollte sich das Risiko in dieser Form auch für Deutschland bestätigen", sagte Pommer. Wann diese Entscheidung fallen werde, stehe allerdings noch nicht fest. "Uns liegen noch nicht alle Daten aus Frankreich vor. Sobald wir sie haben, werden wir sie so rasch wie möglich analysieren."

Pommer ergänzte: "Keine Frau sollte jetzt in Panik verfallen. Aber eine rasche Aufklärung ist ganz wichtig. Wir sind in ernster Sorge um die Sicherheit der Patientinnen." Eine Frau mit Brustimplantat bekomme in der Regel ein Zertifikat, auf dem der Hersteller des Implantats stehe.

Sorge wegen Silikonimplantaten: Deutsche Behörden alarmiert

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Dr. Isabell Witzel, Oberärztin im Brustzentrum des Universitätsklinikums UKE Eppendorf, rät Frauen, die ein solches PIP-Implantat erhalten haben, abzuwarten, wie die deutschen Behörden entscheiden. Am UKE werden die Implantate nicht benutzt "Mir ist nicht bekannt, dass sie im UKE verwendet wurden", sagte die Gynäkologin.

Sie erklärt auch, was im Körper passiert, wenn ein Silikonkissen platzt: "Dann tritt ein Teil des Silikons in das umliegende Gewebe aus und verursacht Fremdkörperreaktionen: Der Körper versucht, das Silikongel abzukapseln. Dadurch kommt es zu Verhärtungen und unter Umständen auch zu Schwellungen der angrenzenden Lymphknoten." Je länger ein Implantat liege, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass es kaputtgehe.

Das Hauptrisiko bei Silikonimplantaten ist aber ein anderes: "Die größte Komplikation ist eine Kapselfibrose, bei der sich eine Bindegewebshülle um das Silikonkissen bildet. Das ist der häufigste Grund, warum ein Implantat gewechselt werden muss, und tritt in fünf bis zwölf Prozent der Implantationen auf", sagte Witzel.

Komplikationen mit den PIP-Implantaten gab es schon länger: Seit 2009 beobachteten Ärzte, dass die Prothesen sehr viel häufiger platzten und nässten als vergleichbare Prothesen anderer Hersteller. Am 29. März 2010 wurden die PIP-Modelle vom französischen Markt genommen. Die Kontrollbehörde Afssaps stellte damals fest, dass "zahlreiche Fehler die dauerhafte Rücknahme vom Markt" rechtfertigten. Das Gel im Implantat war von minderer Qualität, und es war nicht fest und widerstandsfähig genug. Die Firma aus Marseille, die das Gel für die Implantate herstellte, ist inzwischen geschlossen. Sie hat für die gefährlichen Produkte ein zehnmal billigeres Material verwendet als es handelsüblich war.

Die Kosten für die Operation und Nachsorgeuntersuchungen für die Frauen in Frankreich werden die Krankenkassen tragen. Denjenigen, die sich nach einer Krebserkrankung die Implantate haben einsetzen lassen, wird auch eine neue Brustoperation bezahlt. Für die kosmetische Brustvergrößerung allerdings wird der Staat nicht aufkommen. Eine solche Operation kostet zwischen 3000 und 5000 Euro. Mehr als 2000 Frauen haben seit März 2010 in Frankreich wegen der defekten Implantate vor Gericht geklagt.

Auch in Großbritannien klagen viele Frauen gegen Krankenhäuser und Ärzte sowie gegen gegen die Aufsichtsbehörde für Medizinprodukte. Auf der Insel sind nach Schätzungen der Gesundheitsbehörden bei mehr als 40 000 Frauen die PIP-Implantate eingesetzt worden.