Immunschwächekrankheit

Kasensero: Das Dorf, in dem Aids begann

Morgen ist Welt-Aids-Tag: Vor 32 Jahren trat die Seuche im afrikanischen Dorf Kasensero auf. Zuerst dachten die Bewohner, es sei Rache der Nachbarn.

Nantongo Rose war die Erste. Ihre Haut wurde gelb, ihr Haar ergraute, sie magerte ab, während ihre Arme und Beine anschwollen. Sieben Monate später erlöste ein Fieberschub sie von ihren Qualen. Die Bewohner des kleinen Fischerdorfes Kasensero am Ufer des Victoriasees in Uganda dachten zunächst, die 30-Jährige sei von einem Muteego-Fluch, der ganze Familien auslöschen kann, belegt. Vielleicht hatte sie einen Händler im nur wenige Kilometer entfernten Tansania bestohlen? War der tödliche Fluch die Rache? Erst Jahre später erklärten Forscher den Dorfbewohnern, dass die Händlerin nicht einem Fluch, sondern einer neuen Krankheit zum Opfer gefallen sei. Vor 32 Jahren brach in Kasensero Aids erstmals als Epidemie aus - und auch heute sind viele der Bewohner des trostlosen Dorfes mit der tödlichen Krankheit infiziert. Ein Ortsbesuch.

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"Mr. Kawnaga war der Zweite. Er hatte die gleichen Schwellungen wie Nantongo. Doch seine Haut wurde nicht heller, sondern immer dunkler. Er magerte ab, hatte immer Durchfall, ein paar Monate später war auch er tot. Wer Nummer drei war, weiß ich nicht mehr", erzählt Abdu Senkima, während der Regen auf das Wellblechdach seiner armseligen Hütte trommelt. Mit seinen 60 Jahren gehört der Bauer zu den Ältesten in Kasensero. Mehr als 20 seiner Familienangehörigen sind an Aids gestorben.

Im Oktober 1978 hatte der ugandische Diktator Idi Amin das Nachbarland Tansania angegriffen. Ab 1979 drangen tansanische Truppen in das nur wenige Kilometer von der Grenze entfernte Kasensero ein, konnten Idi Amis Truppen bald schlagen, der Gewaltherrscher floh nach Saudi-Arabien. "Idi Amin hatte uns gewarnt, dass die Tansanier uns mit einem schrecklichen Tripper infizieren würden und uns die Haare ausfallen würden. Genau das passierte", erzählt Abdu Senkima.

Der Bauer erinnert sich, wie Familienangehörigen und Freunden Gliedmaßen abfaulten, während Ärzte hilflos zusahen; wie Töchter ihre Eltern verloren und später selbst Kinder zur Welt brachten, die bald als Waisen aufwuchsen. "Weil die Kranken so schrecklich abmagerten, haben wir die unheimliche Krankheit, die bald jede Familie befallen hatte, Slim genannt. Das Leben in unserem Dorf kam fast ganz zum Erliegen. Kaum jemand hatte noch Kraft, zum Fischen auf den See zu fahren. Die, die noch Kraft hatten, mussten die Toten begraben", sagt Abdu Senkima.

Da lange niemand wusste, woher die Krankheit kam und wie sie übertragen wurde, breitete die Seuche sich schnell im ganzen Dorf, von dort über die Fischer an den Ufern des Victoriasees in Uganda, Kenia und Tansania, über Trucker und Prostituierte auf dem East African Highway in ganz Ostafrika aus. "Ich glaube, in einem Jahr starben in unserem Dorf über 300 Menschen. Wenn wir irgendwo anders hinziehen wollten, wurden wir geächtet. Die Ärzte spritzten den Leuten irgendwelches wirkungsloses Zeug und benutzen immer dieselbe Nadel. Wir wussten nicht, dass es dadurch nur noch schlimmer wurde. Und Kondome gab es hier damals nicht", sagt Abdu Senkima.

Heute gibt es Kondome, aber der Gebrauch ist nicht populär. "Mit kostet 5000 bis 10 000 Schilling (umgerechnet 1,44 bis 2,89 Euro), ohne ab 20 000 Schilling (5,78 Euro). Die meisten wollen es ohne", erzählt Proscovia Birungi. Bis zu fünf Männer empfängt sie jeden Tag in ihrer Hütte, die nicht viel größer als ihr Bett ist. Dass sie HIV-positiv ist, erzählt sie ihren Freiern nicht. Die meisten wollen es ohnehin nicht wissen. Seit drei Jahren arbeitet die 25-Jährige als Prostituierte in Kasensero. "Viele Mädchen machen es ohne Kondom, ich nur mit, auch wenn ich dafür weniger Geld kriege und eigentlich nichts zu verlieren hätte", flüstert die Frau mit den ausgeschlagenen Schneidezähen. Nur mit dem Vater ihres Sohnes will sie ungeschützten Sex gehabt haben. "Erst hat er mich angesteckt, dann hat er mich verlassen", sagt Birungi. Eigentlich war die gelernte Friseurin ins nach Hoffnungslosigkeit und vergammelndem Fisch stinkende Kasensero gekommen, um in einer der vielen Bars den Durst der Fischer zu stillen, doch als ihr Chef ihr mehrere Monate keinen Lohn zahlte, begann die alleinerziehende Mutter, sich für ihren Sohn zu verkaufen.

"Ich habe meine Würde verloren. Ich weiß, dass Gott mich jederzeit zu sich nehmen kann. Aber mein Sohn ist erst fünf Jahre alt. Er ist gesund. Er soll einmal Arzt werden und Aidskranken helfen", sagt die hübsche Frau. Dann muss sie los. Die Männer sind zurück vom See. Am schmutzigen Strand heben die Fischer ihren Fang - Victoria-Barsche und Tilapia - aus ihren Holzbooten. Viele der Männer sind betrunken, einige von ihren werden heute noch Proscovia oder eine ihrer Kolleginnen in ihren dunklen Kammern aufsuchen. "Natürlich nur mit Kondom", lallen der 27-jährige Vincent Kiyimba und seine Kollegen, die alle Familienmitglieder und Freunde an Aids haben sterben sehen. Sie lachen und klopfen sich auf die Schultern. Ob Kiyimba es ernst oder ironisch gemeint hat, verrät er ebenso wenig wie die Tatsache, ob er HIV-positiv ist. Einer seiner Kollegen ist da offener. "Ich benutze nie ein Kondom", brüllt Dan ins Gelächter. "Das bringt doch überhaupt keinen Spaß", grölt der Fischer. Der 45-Jährige weiß seit sieben Jahren, dass er HIV-positiv ist. Was mit seinen oft wechselnden Partnerinnen passiert, ist dem nach Schnaps und Fisch stinkenden Mann egal.

Männer wie Dan sind es, die Moses' Kampf wie einen Kampf gegen Windmühlen erscheinen lassen. Der ehemalige Fischer erfuhr vor acht Jahren, dass er HIV-positiv ist, seitdem arbeitet er ehrenamtlich als HIV-Berater in Kasensero. "Ich kläre über die Ansteckungsgefahren auf, verteile Kondome und achte darauf, dass die Patienten ihre Medikamente nehmen. Aber die Fischer sind oft völlig verantwortungslos. Vor allem wenn sie HIV-positiv, betrunken oder beides sind", stöhnt der 42-Jährige, der selbst nicht so genau weiß, wann und wie er sich angesteckt hat. Moses sah drei seiner Kinder sterben. Die Todesursache ist nie untersucht worden, aber Moses kann es sich denken. Jetzt teilt der hustende Mann sich seine sechs Quadratmeter große Wellblech-Hütte nur noch mit seiner Katze.

Weltweit gibt es im Kampf gegen Aids Erfolge. 2,7 Millionen Menschen infizierten sich im Jahr 2010 mit dem HI-Virus - 1997 waren es noch 3,4 Millionen. Das geht aus dem gerade vorgestellten Bericht des Aidsbekämpfungsprogramms der Vereinten Nationen (Unaids) hervor. In Kasensero ist von diesem positiven Trend nicht viel zu spüren. Zwar setzte Ugandas Präsident Mouseveni den Kampf gegen Aids früh ganz oben auf die Agenda. Doch Professor Joseph Konde-Lule, renommierter Seuchenforscher an der Makerere-Universität in der Hauptstadt Kampala, findet, dass im Kampf gegen HIV und Aids immer noch nicht genug getan wird. "Wir wissen nicht, wie man Aids heilen kann. Aber wir wissen seit 30 Jahren, wie man neue Ansteckungen verhindern kann. Wir müssen durch Aufklärungsarbeit die Prävention verbessern. Doch das ist teuer, und Uganda ist ein armes Land. Wir brauchen mehr Unterstützung aus dem Ausland", sagt der HIV-Experte.

Unaids-Geschäftsführer Michel Sidibé pflichtet dem ugandischen Experten bei, fordert, dass in Zukunft mehr Geld zur Aidsbekämpfung nach Afrika fließen solle, schließlich leben allein 70 Prozent der Neuinfizierten in Afrika südlich der Sahara.

Laut Unaids hatten Ende vergangenen Jahres 47 Prozent der Bevölkerung in den armen Ländern Zugang zu Aidsmedikamenten, ein Jahr zuvor waren es nur 39 Prozent. Seit 1995 seien mit den Medikamenten in den Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen 2,5 Millionen Todesfälle verhindert worden. Die Zahl der Aidstoten sei 2010 auf 1,8 Millionen gefallen. Fünf Jahre vorher waren es noch 2,2 Millionen. Weil immer weniger Menschen an Aids sterben, leben immer mehr Menschen damit. Unaids schätzt, dass es 2010 weltweit 34 Millionen Infizierte gab, so viele wie nie zuvor.

In dem zu trauriger Berühmtheit gelangten Fischerdorf Kasensero freuen sich nicht alle über die verbesserte Versorgung mit Medikamenten. Dorfvorsteher Abdu Senkima: "Als wir Aids noch Slim nannten, konnte man zumindest sofort sehen, wer gesund und wer krank ist. Jetzt ist es gefährlicher."