Fauna

Werden Quallen die Herrscher der Ozeane?

Foto: picture alliance / WaterFrame / picture alliance / WaterFrame/WaterFrame

Die Tiere haben einen ähnlich effektiven Lebensstil wie Fische. Sie könnten die Oberhand gewinnen, wenn der Mensch weiter die Fischwelt schädigt.

Kiel. Wenn Quallen wie ein durchsichtiger, aber zart gefärbter Schirm durchs Wasser schweben, wirken sie zwar elegant, aber nicht gerade wie Herrscher über die Weltmeere. Stromlinienförmige, flinke Fische eignen sich scheinbar viel besser für die Regentschaft der Ozeane. Der Eindruck aber täuscht: Fische und Quallen stehen sich in der Effektivität ihres Lebensstils wenig nach, stellen José Luis Acuña von der Universität im spanischen Oviedo, Àngel López-Urrutia vom Meeresinstitut in Gijón (Spanien) und Sean Colin von der Universität in Bristol in den USA in der Zeitschrift "Science" fest. Und dort, wo der Mensch in die maritimen Ökosysteme eingreift, könnten Fische sogar den Kürzeren ziehen.

Der Kieler Meeresökologe Juan-Carlos Molinero vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften IFM-Geomar nennt ein Beispiel: "Als die Fangflotten in den 1980er-Jahren die riesigen Sardinenschwärme vor der Küste Namibias überfischten, übernahmen rasch Quallen deren Rolle als wichtige Räuber in diesen Gewässern", berichtet der mexikanische Forscher. Das sollte nach Ökologen-Lehrmeinung aber nur klappen, wenn beide Organismentypen ähnlich effizient sind.

"Zwar waren die Quallen vor rund 500 Millionen Jahren bereits einmal die Oberräuber der Weltmeere", sagt Molinero. Als aber vor rund 470 Millionen Jahren Lebewesen in den Ozeanen auftauchten, aus denen sich später die Fische entwickelten, dominierte bald diese Gruppe das Leben im Wasser.

***Warnung vor Quallen an den Stränden von Phuket***

***Quallen suchen Nahrung ähnlich gezielt wie Fische***

Das scheint nachvollziehbar, weil Quallen einen viel gemächlicheren Lebensstil pflegen, mit dem sie erheblich weniger Beute machen als die meisten Fische. Selbst die größte bisher gefundene Quallen-Art, die immerhin einen Durchmesser von 150 Zentimetern erreicht und rund 70 Kilogramm wiegt, lässt sich oft passiv von den Strömungen durch die Meere tragen. Bewegen sich Quallen aus eigener Kraft, ziehen sie ihren Schirm zusammen, stoßen dabei Wasser nach unten aus und schwimmen so langsam schräg nach oben.

Sonderlich effektiv sieht das nicht aus. "Allerdings wissen wir nur sehr wenig über das Leben von Quallen", erzählt Juan-Carlos Molinero. Denn im Gegensatz zu Fischen lassen sie sich kaum in Aquarien halten. Und auch nicht mit Forschernetzen fangen. Molinero: "Holen wir die Netze ein, zerstören wir gefangene Quallen, bevor wir sie an Bord bekommen."

Mittlerweile behelfen sich die Biologen mit besonders grobmaschigen Netzen, in denen das Wasser beim Einholen langsamer strömt, sodass die Quallen deutlich bessere Überlebenschancen haben. Andere Forscher schwimmen in kompletter Tauchermontur mit den Schwärmen, um mehr über ihr Leben herauszubekommen. Graeme Hays von der Universität in Swansea in Wales hat dabei Wurzelmundquallen eine Plastikschlinge um den einen halben Meter großen Schirm gelegt. Ein daran befestigter Sensor lieferte dem Forscher wichtige Daten aus dem Quallenleben. Die Nesseltiere schwammen demnach häufig auf und ab. Dabei folgten sie einem Bewegungsmuster, das auch Haie, Pinguine und Fangschiffe der Menschen anwenden, um auf diese Weise möglichst optimal Beute zu machen.

Diese Jagdstrategie erwies sich im Laufe der Evolution als erfolgreich, ein Gehirn brauchen Quallen dazu nicht. Bedeutet die Jagdmethode aber auch vergleichbare Effektivität? Offensichtlich ja, zeigen José Luis Acuña und seine Kollegen mit ihrer gerade veröffentlichten Studie: Wenn Quallen ihren Schirm zusammenziehen, erzeugen sie dabei kleine Wasserwirbel, die Beute zu ihren Tentakeln schwemmen. Eine Qualle macht so zwar erheblich weniger Beute als ein ähnlich großer Fisch. Aber Quallen sind Energiesparer. In einem Kubikmeter Qualle stecken nur 1,5 Kilogramm Kohlenstoff, der mit Energie versorgt werden muss. Der Rest ist fast nur Wasser, das praktisch keinerlei Energiebedarf hat. In einem Kubikmeter Fisch stecken dagegen 100 Kilogramm Kohlenstoff. Das macht Fische energiehungriger. Da Kohlenstoff der zentrale Stoff allen Lebens ist, sollte sich die Effektivität des Lebens also nicht auf die Größe beziehen, sondern auf das Verhältnis der aufgenommenen Nahrung zur Menge des im Tier enthaltenen Kohlenstoffs. Bei dieser Rechnung schneiden die Quallen gleich viel besser ab.

Zudem profitieren sie von überfischten Meeresgebieten. Schließlich wachsen Algen und Kleinkrebse in diesen Gewässern nach wie vor, und die Quallen müssen sich die Nahrung mit viel weniger Fischen teilen. Obendrein gibt es weniger Fische, die ihrerseits Quallen erbeuten. Und oft genug ziehen die Fangnetze ungewollt auch Meeresschildkröten aus dem Wasser, deren Leibspeise die Glibbertiere sind.

Juan-Carlos Molinero nennt weitere Faktoren, die die Quallen begünstigen: Erwärmt der Klimawandel das Wasser, können sie sich viel besser und schneller vermehren. Obendrein sind die Wasserschichten stabiler, die Quallen können also leichter auf und ab schwimmen und besser Beute machen. Auch von Nährstoffen, die mit Abwässern in die küstennahen Meeresregionen fließen, profitieren Quallen enorm. Der Nährstoffreichtum lässt andere Lebensformen und damit das Nahrungsangebot kräftig wachsen. Sterben die Algen ab, verbraucht ihre Zersetzung viel Sauerstoff - Fische kommen mit sauerstoffarmem Wasser schlecht zurecht, Quallen haben kaum Probleme und vermehren sich rasch weiter. Daher können sie auch bei Überdüngung die Vorherrschaft übernehmen.

Es kommt aber auch darauf an, wie man die erbeutete Energie einsetzt, betont José Luis Acuña. Fische verwenden relativ viel Kraft darauf, Beute zu entdecken und sie dann mit blitzschnellen Bewegungen zu fangen. Quallen bewegen sich dagegen viel langsamer, brauchen dafür weniger Energie und kommen so mit viel weniger Beute aus. Weniger effektiv als Fische aber sind sie in der Endrechnung kaum. Auch deshalb können sie zu den wahren Herrschern der Meere werden, wenn menschliche Einflüsse die Fischwelt weiterhin stark schädigen.