Beziehungen

Wenn Mutter und Sohn ihre Bindung verlieren

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Susanna Andrick

Eine gestörte Beziehung in der Kindheit lässt Jungen als Teenager eher straffällig werden, wie eine US-Studie in Pennsylvania nun heraus fand.

Hamburg. Ein "Muttersöhnchen" zu sein kann vor dem Gefängnis bewahren. So lässt sich zugespitzt das Ergebnis einer neuen US-Studie zusammenfassen. Ein enges, von Vertrauen und Verständnis geprägtes Verhältnis zwischen Mutter und Sohn ist offenbar wichtiger als bisher angenommen, wenn es darum geht, wie gut Jungen später negativen Einflüssen widerstehen können. Dabei spielen die ersten Lebensjahre eine Schlüsselrolle: Führen Sohn und Mutter schon früh eine gespannte, konfliktreiche Beziehung, würden die Jungen als Teenager eher straffällig, schreiben Forscher um Christopher Trentacosta im Fachblatt "Child Development".

Für die Langzeitstudie begleitete Trentacosta, Psychologieprofessor an der Wayne State University, 265 sozial schwache Familien im US-Staat Pennsylvania. Über zehn Jahre untersuchte er mit seinem Team die Beziehung der Frauen zu deren Söhnen, die zu Beginn der Studie fünf Jahre alt waren. Mütter seien gerade in sozial schwachen Familien meist die wichtigste Bezugsperson für die Söhne, sagen die Wissenschaftler. Sie fanden heraus, dass die Bindung zur Mutter das Verhalten der Jungen bis ins Teenager-Alter hinein maßgeblich prägt. So hatten etwa Jungen mit einer engen Bindung an ihre Mutter als Jugendliche auch eine enge Bindung zu ihren Freunden.

All das gelte nicht nur für die USA: "Die Entwicklung von Mutter-Sohn-Beziehungen ist in den meisten westlichen Ländern ähnlich, also lassen sich die Ergebnisse auch auf Deutschland beziehen", sagte Trentacosta dem Abendblatt.

Tatsächlich trifft die Studie auch hierzulande den Kern eines gesellschaftlichen Problems: Die meisten kriminellen Jugendlichen sind Jungen. Sie machten 2009 rund 85 Prozent der verurteilten 14- bis 17-Jährigen aus, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Deshalb treibt das Thema auch deutsche Wissenschaftler um. "Eine gestörte Mutter-Sohn-Beziehung kann zu kriminellem Verhalten führen", bestätigt Prof. Gerhard Suess, Entwicklungspsychologe von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Gestört sei die Beziehung zum Beispiel dann, wenn die Mutter ihrem Sohn ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittle, ihn andererseits aber verunsichere oder gar erschrecke - zum Beispiel, wenn sie depressive Phasen durchleide. "Desorganisiert" nennen Forscher diese Art der Beziehung.

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"Solche Kinder fallen im Kindergarten oder in der Schule häufig durch aggressives Verhalten auf. Wenn sie nicht aufgefangen werden, schließen sie sich meist mit anderen zusammen, die ebenso durch das soziale Raster fallen wie sie", sagt Suess. Im ungünstigsten Fall werde damit der Weg in die Kriminalität geebnet.

Der Hamburger Verein "Augenblicke" hilft frühzeitig. Seine Mitarbeiter betreuen sogenannte hoch belastete Mütter - vor allem junge Frauen aus armen Verhältnissen, mit geringer Bildung und schwierigem familiären Hintergrund. Im Rahmen des Frühinterventionsprogramms STEEP haben die Mitarbeiter in den vergangenen drei Jahren 33 Mütter begleitet. In den ersten drei Lebensjahren des Kindes besuchten sie die Frauen zu Hause und zeichneten auf Video auf, wie die Mütter mit ihren Kindern umgingen. So sollen die Frauen lernen, die Signale ihrer Kleinen richtig zu deuten und darauf angemessen zu reagieren.

Die Geschäftsführerin des Vereins, Heidi Rosenfeld, war von Anfang an dabei; sie kennt viele Schicksale. "Eine Mutter hat ihrem Kind Essen gegeben. Doch es hat sich immer wieder abgewendet, weil es satt war. Die Mutter hat das gesehen und ihm trotzdem immer wieder die Flasche in den Mund gedrückt. Als sie sich die Situation auf dem Video angeschaut hatte, brach sie in Tränen aus. Dann fanden wir heraus: Sie selbst hatte in ihrer Familie nur beim Essen positive Begegnungen." Deswegen wollte die Frau ihr Kind besonders gut füttern - zu gut. Rosenfeld hilft solchen Frauen mit schweren Voraussetzungen, eine sichere Bindung zu ihren Kindern aufzubauen.

Wie effektiv das vom Bundesfamilienministerium geförderte Programm in Hamburg ist, fanden die Forscher um HAW-Professor Gerhard Suess in einer Studie heraus, deren Ergebnisse sie in dieser Woche präsentierten. Vier Jahre lang hatten sie dokumentiert, wie die 33 jungen Frauen in dem Projekt mit ihren Kindern umgingen. Dabei erhielt ein Teil der Frauen sozialpädagogische Unterstützung, der andere Teil nicht. Von den Frauen, die keine Hilfe bekamen, hatte nach einem Jahr nur die Hälfte eine sichere Bindung zu ihrem Kind - bei der betreuten Gruppe waren es dagegen fast drei viertel.

Heidi Rosenfeld sieht das Projekt als starken Beleg, was eine frühzeitige Unterstützung leisten kann, um die wichtigen Bande zwischen Mutter und Sohn zu stärken. Sie findet allerdings, dass in Hamburg mehr getan werden könne: "Die Jugendämter verordnen frühe Erziehungshilfen immer weniger, weil sie sparen sollen. Prävention wird kaum noch finanziert, stattdessen handeln die Jugendämter oft erst bei akuten Krisen", sagt die Sozialpädagogin.

Auch Gerhard Suess ist der Meinung, dass viele Hilfsangebote zu spät greifen: Für bereits straffällige Jugendliche gebe es in der Stadt ein großes Netz von Erziehungsberatungsstellen - frühzeitige Hilfen kämen jedoch bisher zu wenigen Müttern zugute. Vor allem sozial schwache Familien - und ganz besonders alleinerziehende Mütter - bräuchten mehr Unterstützung bei der Erziehung, um Jungen vor einer kriminellen Laufbahn zu schützen. Geschehe dies künftig nicht, werde das die Gesellschaft teuer zu stehen kommen, warnt der Entwicklungspsychologe.

Die Hamburger Sozialbehörde weist die Kritik zurück: "Den Jugendämtern in den Bezirken stehen ausreichende Mittel zur Verfügung, um in jedem Fall ein bedarfsgerechtes Angebot zu finanzieren. Uns liegen keine Erkenntnisse darüber vor, dass Jugendämter entsprechende Hilfen verweigern", sagt Sprecherin Nicole Serocka.