Gastbeitrag

Atomkraft ist klimaschonend, aber ...

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Martin Kalinowski

Foto: KlimaCampus

... mit unwägbaren Risiken verbunden. Hamburger Wissenschaftler vergleichen verschiedene Methoden der Energiegewinnung auf ihre CO2-Emissionen

Ist die Atomwirtschaft ein unverzichtbarer Klimaschützer? Müssen konsequente Umweltaktivisten jetzt also die CO2-arme Kernspaltung befürworten? In der Debatte um Atomkraft kochen die Emotionen derzeit hoch, und Fakten werden dabei oftmals verwischt. Am KlimaCampus gehen meine Kollegen und ich deshalb der Frage nach, welchen Beitrag zur Reduktion von Kohlendioxid die Kernenergie tatsächlich leistet.

Verschiedene Methoden der Energiegewinnung erzeugen unterschiedlich viel klimaschädliches Kohlendioxid. So produziert der aktuelle deutsche Energiemix aus Kohle, Erdöl, Atom, Wind und Sonne insgesamt knapp 600 Gramm CO2 pro Kilowattstunde. Vergleichbar werden diese Energieformen, wenn wir deren Werte einzeln entschlüsseln. In eine solche Berechnung gehen sämtliche CO2-Emissionen ein, vom Bau des jeweiligen Kraftwerks über die Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung nach der Stilllegung. Demnach erzeugt Atomkraft 50 bis 100 Gramm CO2 pro Kilowattstunde. Niedriger liegen Wind- und Wasserkraft sowie Biogaskraft mit zehn bis 30 Gramm. Braunkohle besetzt dagegen mit etwa 1200 Gramm CO2 pro Kilowattstunde den letzten Rang.

Mit Atomkraft produzierte Energie erzeugt also eine vergleichsweise geringe Menge Treibhausgase. Machen mehr Atomkraftwerke das Land also klimafreundlicher?

Hierzu verglichen wir in 30 Ländern die Entwicklung der Energiepolitik von 1997 bis 2005. Ergebnis: Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Anteil an Kernkraft und dem CO2-Ausstoß. Länder mit einem hohen Atomanteil von 70 bis 80 Prozent - etwa Frankreich und Litauen - produzieren nur 100-150 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde.

Dies ist aber kein Automatismus. Denn gleichzeitig können Schweden und die Schweiz mit noch geringeren CO2-Werten punkten und setzen dazu verglichen mit Frankreich nur die Hälfte bzw. ein Drittel der Atomenergie ein. Die Schweiz reduzierte im Untersuchungszeitraum ihren Atomanteil sogar um weitere zehn Prozent, bei gleichbleibend niedrigem CO2-Wert. Deutschland konnte dagegen durch den Ausbau von Windkraft seine Emissionen pro Kilowattstunde deutlich vermindern, auch ohne den Atomstromanteil von 30 Prozent auszubauen.

Für die Nutzung der Kernkraft benötigt man Uran, das praktisch komplett außerhalb Europas gewonnen wird. Einerseits werden dort Umweltstandards teils drastisch unterlaufen - radioaktive Strahlung wird frei. Zusätzlich entsteht beim Uranabbau weiteres CO2, das im Nutzerland selbst nicht in die Bilanz eingeht. Unsere Berechnungen ergeben, dass für jede in Europa erzeugte Atom-Kilowattstunde zuvor 25 Gramm CO2 im Ausland emittiert werden. Weil uranfördernde Länder wie zum Beispiel Niger oder Kasachstan keine bindenden Ziele zur Reduktion von Emissionen haben, kann dies Industriestaaten dazu verführen, ihre Emissionen dorthin auszulagern.

Atomkraft ist demnach zwar klimaschonend. Es gibt aber ausreichend Alternativen, die bei noch besserer Klimaleistung sicherer sind, ohne dass sich zusätzlich Fragen zur radioaktiven Endlagerung oder zur Produktion von atomwaffenfähigem Material stellen.

+++ Hamburger Klimaforscher berichten über ihre Erkenntnisse +++

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