Faustkeil-Beweis

Über das Rote Meer in die neue Welt

Foto: dpa / dpa/DPA

Bereits vor 125.000 Jahren erreichten unsere direkten Vorfahren den Südosten Arabiens. Unscheinbare Faustkeile liefern den Beweis.

Tübingen. Zunächst war der Felsüberhang in den Vereinigten Arabischen Emiraten für Hans-Peter Uerpmann von der Universität Tübingen und seinen Kollegen nur ein schattiger Rastplatz in der Wüste. Der deutsche Archäozoologe wunderte sich allerdings, dass er keine Überbleibsel aus der Steinzeit fand, die andernorts in dieser Gegend überall herumliegen. "Vielleicht sind die Artefakte von Ablagerungen aus späterer Zeit bedeckt", grübelte der Forscher. Und tatsächlich: Als sie mit Grabungen begannen, fanden sie uralte Steinklingen und Handäxte. Und damit eine wissenschaftliche Sensation: Auf völlig anderen Wegen und viel früher als bisher gedacht brachen die modernen Menschen aus ihrer Wiege in Afrika auf, belegen die Funde. Das berichten Uerpmann und Kollegen jetzt in "Science".

Normalerweise bekommen Archäologen nur sehr vage heraus, in welcher Epoche solche Funde hergestellt wurden. Am Berg Jebel Faya im Sultanat Sharja aber lagen die Steinklingen offensichtlich noch immer in den Sandschichten, in denen sie ein Steinzeitmensch fallen ließ. Mit einer "optisch stimulierten Lumineszenz" genannten Analyse-Methode konnten die Forscher ermitteln, wann die Sandkörner unmittelbar neben den Funden zum letzten Mal mit Sonnenlicht beschienen worden waren, bevor sie unter anderen Sandschichten begraben wurden.

Die Analyse zeigte, dass Steinzeitmenschen ihre Klingen vor rund 125 000 Jahren dorthin gebracht hatten. Damit war die Sensation perfekt. Denn Fossilienfunde hatten nahegelegt, der moderne Mensch wäre vor rund 110 000 Jahren aus seiner Heimat im Osten Afrikas durch das Niltal ans Mittelmeer gelangt, von dort dann aber wieder verschwunden. Erst vor höchstens 65 000 Jahren hätte sich die Art Homo sapiens dann wieder aufgemacht und es diesmal bis nach Europa und Asien geschafft. Lange vorher aber müssen Menschen im Süden der Arabischen Halbinsel gelebt haben, beweisen jetzt die archäologischen Funde in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Warum und auf welchen Wegen kamen die Menschen damals bis in diese Region? "Eine Antwort auf diese Fragen liefert die Klimageschichte", sagt Uerpmann. In dieser Zeit ging nämlich die vorletzte große Kaltperiode zu Ende, in der Gletscher weit nach Mitteleuropa und Nordamerika vorgedrungen waren. Schon vorher aber waren die Temperaturen kräftig gestiegen. Dadurch verdunstete mehr Wasser aus den Ozeanen, und in vielen Regionen gab es deutlich mehr Niederschläge als vorher.

"Vermutlich wuchs die Bevölkerung der vorher wenigen Menschen in ihrer Heimat im Osten Afrikas in dieser Zeit kräftig", sagt Uerpmann. Bedeutete doch mehr Regen auch mehr Vegetation und damit eine bessere Ernährung. Durch das schnelle Wachstum aber gab es bald mehr Menschen, als das Land ernähren konnte. In solchen Situationen machen sich Menschen gern auf, um eine neue Heimat zu suchen, zeigt die Geschichte.

Als die frühen Entdecker die Region in den heutigen Ländern Eritrea und Djibouti erreichten, in der heute die 27 Kilometer breite Meeresstraße Bab al-Mandab Afrika von der Arabischen Halbinsel trennt, sahen sie auf der anderen Seite des Wassers eine vielversprechende Welt: "Von Afrika aus dürften die Jäger noch die Antilopen erkannt haben, die an der Küste des heutigen Jemen weideten", beschreibt Uerpmann die damalige Landschaft.

Schon vor ungefähr 135 000 Jahren war es nämlich im Süden der Arabischen Halbinsel feuchter geworden. Statt der lebensfeindlichen Wüste gab es zumindest in den Küstenregionen Seen, Flüsse und saftig grüne Vegetation. Damals aber hatten die steigenden Temperaturen die mächtigen Eisschilde im Hohen Norden noch kaum angeknabbert. Dort steckten also noch gigantische Wassermengen gefroren im Eis, die heute die Weltmeere füllen. Daher lag der Meeresspiegel noch mehr als hundert Meter niedriger als heute.

"Die Meerenge Bar al-Mandab war damals höchstens fünf, vielleicht auch nur einen Kilometer breit", erklärt Hans-Peter Uerpmann. Die Menschen brauchten also keine guten Boote, sondern konnten wohl einfach über das Meer schwimmen. Tatsächlich ähneln die Klingen und Handäxte, die am Jebel Faya gefunden wurden, den Werkzeugen, die Frühmenschenforscher aus dem Osten und Nordosten Afrikas in dieser Zeit kennen.

"Im Süden der Arabischen Halbinsel könnte sich damals ein Schwerpunkt der Menschheit entwickelt haben", vermutet Uerpmann. Und diesen Menschen stand die Welt offen. Denn der Grund der Meeresstraße von Hormuz, die den Persischen Golf mit dem Indischen Ozean verbindet, liegt heute nur 40 Meter unter dem Wasserspiegel; dort sollte es während der Eiszeit also eine Landbrücke gegeben haben, über die weite Teile Asiens, aber auch der Osten Europas und die Mittelmeerländer erreichbar waren. Obendrein gab es solche Zyklen zwischen Kalt- und Warmzeiten mit niedrigen und hohen Meeresspiegeln in den Jahrhunderttausenden zuvor schon mehrmals.

Die Vorfahren des modernen Menschen könnten also bereits früher für ihren Weg "Out of Africa" die Route über die Arabische Halbinsel genommen haben. Tatsächlich finden sich Spuren des Frühmenschen Homo erectus vor 1,8 Millionen Jahren auch in Südostasien und im Kaukasus.