Wissenschaft

Internationales Jahr der Chemie - zwischen Curie und CSI

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Hochschulen und Unternehmen wollen im Internationalen Jahr der Chemie verstärkt weiblichen Nachwuchs für das Fach begeistern.

Berlin/Hamburg. Nennen Sie eine bedeutende Chemikerin. Diese Frage bringt Sie ins Grübeln? Kein Wunder: Wissenschaftlerinnen standen in den vergangenen Jahrhunderten meistens im Schatten ihrer männlichen Kollegen. Immer noch sind Professorinnen in der Chemie unterrepräsentiert. Heute eröffnen die Vereinten Nationen (Uno) in Paris das Internationale Jahr der Chemie 2011. Sie wollen dabei besonders die Leistungen der Frauen würdigen - und zugleich Nachwuchs für die Wissenschaft gewinnen.

Doch um junge Menschen für Naturwissenschaften zu begeistern, braucht es vor allem eins: Vorbilder. Daher ist es kein Zufall, dass die Uno gerade 2011 als Chemie-Jahr auserkoren haben: Vor 100 Jahren erhielt Marie Curie als erste Frau den Chemienobelpreis, für die Entdeckung der radioaktiven Elemente Radium und Polonium. Es war bereits ihr zweiter Nobelpreis, nach der Auszeichnung für Physik 1903.

"Curies Errungenschaften inspirieren auch weiterhin besonders Frauen, eine Laufbahn in der Chemie einzuschlagen", heißt es auf der Website des Chemiejahres. Dennoch werden auch heute die Naturwissenschaften eher mit Männern assoziiert, wie ein internationales Forscherteam 2009 bei einer Online-Umfrage mit über 500 000 Teilnehmern aus 34 Ländern herausfand. "70 Prozent aller Männer und Frauen tendieren dazu, Frauen eher mit freien Künsten zu assoziieren", schreiben die Forscher in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften.

Deutsche Gymnasiastinnen wollen Sprachen oder Kunst studieren, Rechtsanwältin werden oder Ärztin. Chemie studieren? Eher nicht: "70 Prozent der von uns befragten Gymnasiastinnen haben sich ein Jahr vor dem Abitur gegen Technik- und Naturwissenschaftsberufe entschieden", sagt Marion Esch von der Technischen Universität (TU) Berlin, Leiterin des Projekts "Mathematik, Informatik, Natur- und Technikwissenschaften und Chancengleichheit im Fiction-Format". Ärztinnen und Rechtsanwältinnen wirkten auf junge Leute "sexy", Naturwissenschaftlerinnen hätten ein eher schlechtes Image: "Frauen mit diesen Berufen gelten eher als uncool und nicht in dem Sinne weiblich", sagt Jennifer Grosche, Medienwissenschaftlerin von der TU Berlin.

23 Prozent der befragten Jugendlichen gaben an, über Fernsehserien auf ihren Traumberuf aufmerksam geworden zu sein. Dort sind Naturwissenschaftlerinnen jedoch Mangelware. Vor allem Mädchen bräuchten jedoch Vorbilder, sagt Esch: "Seit vermehrt Kommissarinnen im TV zu sehen sind, haben sich viele junge Frauen auf den Weg in diesen Beruf gemacht, der ehemals eine Männerdomäne war."

TV-Serien sollten aber auch zeigen, dass solche Frauen nicht zu asexuellen Wesen mutierten, sagt Esche. Ein positives Beispiel sei die amerikanische TV-Serie "CSI: Den Tätern auf der Spur". Hier ermittelten starke und doch frauliche Wissenschaftlerinnen in der Spurensicherung. Seit CSI läuft, ist der Anteil der Forensik-Studentinnen in den USA um 64 Prozent gestiegen.

Zumindest in Hamburg zeigt sich allerdings, dass es auch anders gelingen kann, junge Frauen für Chemie zu begeistern. "Bis vor fünf Jahren waren Frauen bei uns noch unterrepräsentiert, dann gab es einen Umbruch", sagt Dr. Thomas Behrens, Planer des Fachbereichs Chemie an der Uni Hamburg. "Heute sind die Hälfte der Studierenden Frauen." Behrens führt das zum Teil auf verschiedene Aktionen zurück. Seit 2003 bietet der Fachbereich jedes Jahr im Oktober ein Ferienpraktikum an, für das sich zuletzt über 300 Schüler bewarben, "darunter mehr Mädchen als Jungen", sagt Behrens. Seit zwei Jahren wählen Oberstufenschüler statt Leistungskursen sogenannte Profile. "Schülergruppen, die Chemie in ihrem Profil haben, können bei uns experimentieren. Auch dieses Angebot wird gut angenommen", sagt Behrens.

Und es gibt weitere Förderprogramme, etwa die "Initiative NaT", die von fünf Hamburger Hochschulen, der Körber-Stiftung und der Hamburger Technologie-Stiftung getragen wird. NaT vermittelt Kooperationen mit Unternehmen und Hochschullehrern, um Praxisbezug in den naturwissenschaftlichen Unterricht zu bringen.

"Dabei geht es jedoch nicht nur um die reine Technik, die hauptsächlich Jungen interessiert", sagt NaT-Geschäftsführerin Sabine Fernau. "Wir versuchen auch, menschliche und gesellschaftliche Bezüge herzustellen: Wie arbeiten die Chemiker in einem Labor zusammen? Wie wirkt ein Produkt auf die Umwelt? Über solche Fragen gewinnen wir zunehmend auch Mädchen für die Naturwissenschaften."