Einblicke in die Urzeit

Bonner Forscher entdeckten in indischen Braunkohletagebauen Bernsteine mit außergewöhnlich gut erhaltenen Fossilien

Bonn. Sie sind 50 Millionen Jahre alt und im Bernstein nahezu perfekt konserviert: Forscher der Universität Bonn haben in Braunkohlegruben im Nordwesten Indiens gut erhaltene Fossilien von Insekten aus einer Zeit gefunden, in der Indien auf den asiatischen Kontinent gestoßen ist. Dadurch sind die Funde auch geologisch interessant.

Bis zum Kinofilm "Jurassic Park", in dem Forscher aus Bernstein-Mücken Erbgut von gestochenen Sauriern isolierten und die Tiere zu neuem Leben erweckten, sei es jedoch noch weit, betont Prof. Jes Rust vom Steinmann-Institut für Geologie, Mineralogie und Paläontologie der Uni Bonn: "Das älteste Erbmaterial, das bisher aus Fossilien isoliert werden konnte, ist 400 000 Jahre alt und wurde im Permafrost konserviert."

Doch auch die indischen Urzeitinsekten, Spinnen, Milben und Pflanzenreste versprechen reiche neue Kenntnisse. Rust: "Die Tiere sind erst vom Harz eingeschlossen worden, als sie bereits mumifiziert waren. Der ausgetrocknete Zustand bewahrte sie vor weiterer Verwesung. Deshalb finden wir sehr gut erhaltene Körper vor - im Gegensatz zu den Einschlüssen im baltischen Bernstein. Dort sind die Tiere weitgehend verwest, man sieht von außen quasi nur noch ihre Hüllen."

In den indischen Sammlerstücken, die die Forscher in mehreren aktiven Braunkohlegruben in einem Gebiet von 100 Kilometer Länge auflasen, sind die Fossilien annährend komplett erhalten. Als Schmuckstücke eignen sie sich jedoch weniger. Denn der Bernstein ist sehr dunkel, ähnelt - auch in Größe und Form - Kräuterbonbons. Um die eingeschlossene Fauna und Flora genauer unter dem Mikroskop betrachten zu können, schneiden die Paläontologen das Harz vorsichtig Schicht für Schicht ab und stabilisieren die Probe anschließend in Kunstharz - 700 Gliederfüßer aus 55 verschiedenen Tierfamilien haben sie auf diese Weise bereits unter die wissenschaftliche Lupe genommen.

Eine besondere Eigenschaft der dunklen Harzklumpen erleichtert die Forschung: "Der indische Bernstein ist nur schwach polymerisiert, das heißt, er ist weniger stabil als beispielsweise der Bernstein, den man an den Ostseestränden findet", sagt Rust. Die Forschungsobjekte hinterließen eine ölige Substanz an den Fingern, wenn man mit ihnen gearbeitet habe, erzählt er, doch der Clou sei: "Das Harz lässt sich in Toluol auflösen und gibt dann die Fossilien frei." Ähnliche Forschungsansätze fanden sich bislang nur bei Bernsteinen aus dem Libanon. Dort lösten die Wissenschaftler vor einigen Jahren die Fossilien mit Chloroform aus dem Harz, doch die Forschungen verliefen anschließend im Sande.

Nicht nur die Einschlüsse, auch die Verpackung erzählt von der Zeit vor 53 Millionen Jahren. "Das Harz stammt von Flügelfrucht-Gewächsen; das sind Laubbäume, die heute das Gerüst der asiatischen Regenwälder bilden. Indien ist heute ihr westlichstes Verbreitungsgebiet. Bislang war man davon ausgegangen, dass die Wälder vor ungefähr 20 Millionen Jahren entstanden. Nun deuten unsere Funde darauf hin, dass sie deutlich älter sind. Deshalb sind die Fossilien auch in Bezug auf die Entwicklung von Regenwäldern sehr interessant."

Die Wesen der Vergangenheit könnten sogar Erdgeschichte schreiben: Als sie starben, driftete Indien auf den asiatischen Kontinent zu - die Fossilien entstanden erdgeschichtlich einen Wimpernschlag vor dem großen Crash, der den Himalaja auffaltete. Nach der allgemein anerkannten Hypothese soll sich Indien vor 160 Millionen Jahren von der ostafrikanischen Landmasse, vom Riesenkontinent Gondwana, abgelöst haben. Sollte die These zutreffen, so müsste der Bernstein viele Arten eingeschlossen haben, die allein auf dem driftenden Indien zu finden waren, weil sie sich in den 100 Millionen Jahren entwickelten, in denen der heutige Subkontinent isoliert nach Nordosten driftete; erst danach vermischte sich die Tier- und Pflanzenwelt Asiens und Indiens. Die Bonner Forscher wollen dies nun überprüfen.

"Die Auswertungen machen wir nicht allein", betont Prof. Rust, "wir reichen die Funde an die Spezialisten für die jeweiligen Tiergruppen weiter. So bekommt ein Team vom amerikanischen naturhistorischen Museum in New York zum Beispiel Bernsteine mit Ameisenfossilien."

Natürlich werden auch die Bonner die eingeschlossenen Insekten befreien und ausgiebig untersuchen. Und sie werden weitere Proben heranschaffen. Einmal im Jahr, meist im Januar, fliegen sie in die nordwestindische Provinz Gujarat und durchsuchen die feuchte, torfähnliche Braunkohle nach den Bernsteinschätzen. Einige sind klein und tropfenförmig, andere bilden größere Klumpen, die die Forscher in Hustenbonbon-Format zerschneiden - Material für weitere spannende Forschungen, auch wenn es zu einem Jurassic Park nicht ganz reicht.