Hirnforscher am UKE

Auf der Suche nach Worten

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Claudia Sewig

Foto: Frank Hasse

Hirnforscher am UKE entdecken für Schlaganfallpatienten mit Sprachverlust neue Möglichkeiten des Spracherwerbs

Hamburg. Jedes Jahr erleiden rund 200 000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Knapp ein Viertel der Betroffenen behält schwerwiegende Sprachstörungen zurück. Wie es gelingen könnte, Patienten beim Wiedererlernen der Sprache zu unterstützen, fanden jetzt Wissenschaftler um Dr. Gianpiero Liuzzi und Dr. Friedhelm Hummel vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) heraus. Sie zeigten, dass man auch durch Hirnstimulation von nicht klassischen Spracharealen, wie zum Beispiel dem motorischen Kortex, Spracherwerb entscheidend beeinflussen kann.

"Bis ins 20. Jahrhundert hat man sehr an der Idee festgehalten, dass einzelne Hirnregionen für bestimmte Funktionen zuständig sind. Heute sieht man das menschliche Gehirn mehr als Netzwerk", sagt Hummel. Ausgehend von dieser Grundlage suchten die Neurologen, gemeinsam mit Kollegen der Uni Münster, nach Hirnregionen außerhalb der klassisch identifizierten Sprachzentren wie Broca- und Wernicke-Region, die ebenfalls an Sprachprozessen beteiligt sein könnten.

Sie nahmen dabei besonders den motorischen Kortex ins Visier. Dabei stellte sich heraus, dass diese Region der Großhirnrinde nicht nur Bewegungen kontrolliert, sondern auch beim Verarbeiten und Erlernen von bestimmten Sprachaspekten beteiligt ist. Das bedeutet konkret: Liest oder hört man ein bewegungsassoziiertes Verb wie zum Beispiel "treten" oder "rennen" oder erlernt es, wird neben dem eigentlichen Sprachzentrum auch das motorische Beinareal aktiviert.

Der Nachweis gelang dem Forscherteam mithilfe einer Studie am UKE. Dazu untersuchten sie 63 gesunde Probanden auf ihre Fähigkeit, Sprache (neu) zu erlernen. Während des Sprachenlernens sollten die Testpersonen die Verknüpfung von Kunstwörtern (zum Beispiel "akin") mit der Bedeutung von Bildern aus dem Bereich Bewegung (etwa dem einer tretenden Person) erlernen und sich einprägen.

Bei der Untersuchung wurde bei einem Teil der Probanden der motorische Kortex der linken Gehirnhälfte mittels nicht-invasiver Hirnstimulation gehemmt. Hummel: "Das geschah über eine Gleichstrom-Stimulation, bei der wir den Probanden zwei Elektroden auf der Schädeloberfläche angelegt haben und über 20 Minuten schwachen Gleichstrom zwischen den Elektroden fließen ließen." Mit dieser Methode könne man, abhängig von der Polarität des Stroms, Hirnregionen aktivieren oder hemmen. In diesem Fall wurde der Motorkortex gehemmt.

Das Ergebnis: Die Testpersonen, bei denen der motorische Kortex gestört wurde, erlernten die Bedeutung der Fantasiewörter deutlich schlechter als diejenigen ohne Hirnstimulation. So konnte erstmals bewiesen werden, dass neben den klassischen Spracharealen auch der motorische Kortex am Spracherwerb beteiligt ist.

"Aphasiker, also Schlaganfallpatienten mit Sprachstörungen, müssen die Sprache wieder neu lernen", sagt Hummel. Und da der motorische Kortex bei einem Schlaganfall nicht immer mitgeschädigt würde, ist die vielversprechende Hypothese der Wissenschaftler, dass die aktivierende Beeinflussung dieser intakten Hirnregion bei Schlaganfall-Patienten auch den Sprach(wieder)erwerb erheblich fördern könnte.

Die Neurologen sehen die Entdeckung als mögliche Ergänzung zu den bisherigen Ansätzen, nach Schlaganfällen die geschädigten Sprachareale zu stimulieren. Noch müssten jedoch viele weitere Studien in diese Richtung folgen. Die Forschung wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt. Von einer neuen Form der Therapie sei man aber noch weit entfernt, so Friedhelm Hummel.

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