Die Nöte der Eskimos

Foto: Kamphausen Verlag

Ein Schamane vom Stamm der Kalaallit erzählt vom Leben in Grönland, das durch die Erderwärmung drastisch verändert wurde

Hamburg. Als er geboren wurde, im Jahr 1947, war die Welt von Angaangaq Angakkorsuaq noch heil. Als Kind lebte der Eskimo nomadisch, zog mit seiner Familie den Tieren und damit der Nahrung nach, wohnte in Iglus und ging, wenn er in Städte kam, sporadisch zur Schule. Heute lebt der Schamane wieder nomadisch. Als Heiler reist er durch die halbe Welt, sucht Kontakte zu Menschen aus anderen Kulturen, um ihnen vor allem eines nahezubringen: Der Klimawandel, überhaupt der Umgang mit Mutter Erde, gefährdet sein Volk und Menschen in vielen anderen Regionen dieses Planeten.

Die Erderwärmung trifft Grönland besonders. "Früher lagen die Temperaturen im Sommer bei fünf bis zehn Grad. Dann zogen die Leute ihre Jacken aus. Inzwischen liegt der Rekord bei 37 Grad. Das halten die Menschen nicht aus, sie haben nichts mehr auszuziehen, können sich nicht auch noch häuten", sagt Angaangaq. Noch größer seien die Probleme im Winter: "Bei minus 40, minus 50 Grad ist die Luft angenehm trocken. In den milden Wintern haben wir jedoch oft nur fünf Grad Frost. Dann ist die Luft unerträglich feucht."

Der weichere Schnee verändert alles: die Jagd, das Fortkommen, das Bauen

Die vergleichsweise warmen Temperaturen machten den Schnee so weich, dass die Schlittenhunde in ihm versackten - das erschwere die winterliche Jagd. Zudem ließen sich mit dem Schnee keine Iglus mehr bauen. "Wenn wir auf Jagd gehen, müssen wir jetzt Zelte mitnehmen. Sie sind schwer, ihr Transport verbraucht viel Energie", erzählt der 62-jährige Eskimo vom Stamm der Kalaallit. Er bezeichnet sich als Eskimo, nicht als Inuit; dies sei der Name der Ureinwohner Nordkanadas.

Die winterliche Luftfeuchtigkeit mache die sesshaften Landsleute obdachlos, fährt Angaangaq fort: "Die von den Dänen erbauten Holzhütten verrotten - wo sollen die Menschen jetzt wohnen?" Im selben Atemzug betont der Grönländer, dass in naher Zukunft auch die Hamburger zu leiden haben werden: "Wenn Grönlands Festlandeis schmilzt, wird die Stadt überflutet."

Wenn der Heiler und Geschichtenerzähler in esoterischen Kreisen in Deutschland zu Gast ist, erzählt er nicht nur vom schmelzenden Eis in Grönland, sondern auch vom Eis in den Herzen der Menschen, die er in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern trifft. Die sich weit von der Natur, von Mutter Erde entfernt haben, so weit, dass seine Landsleute fast nicht glauben können, wenn er ihnen von Deutschen erzählt, die Angst vor einem Braunbären haben, der aus Österreich nach Bayern kam. So große Angst, dass sie ihn erschossen.

"Die Menschen hier kennen keine Wildtiere", sagt der Heiler. "Sie kennen nur Hund, Katze, Schwein, Kuh und Huhn." Für Menschen, die von und mit der Natur leben, ist dieses Unwissen unbegreiflich. Jedoch werden auch sie gerade damit konfrontiert, auf andere Weise. Angaangaq: "Durch die Erwärmung kommen Insekten nach Grönland, die wir nicht kannten. Und wir haben 37 neue Fischarten, von denen wir nicht wissen, ob man sie jagen sollte oder besser nicht." Nicht nur die Tiere, die Menschen müssten sich anpassen, betont Angaangaq. "Wir können jetzt Kartoffeln selbst anbauen und müssen sie nicht mehr importieren", sagt er schmunzelnd, und es bleibt offen, wie viel Ironie dabei mitschwingt. Mit der Erdknolle kann er sich anfreunden, damit, dass die Europäer den Grönländern die Robbenjagd verbieten und sie dazu bringen wollen, Schwein zu essen, jedoch nicht: "Schweine fressen Dreck. So etwas isst man nicht."

Einige seiner Landsleute - etwa 50 000 der knapp 60 000 Grönländer sind Eskimos, der Rest Einwanderer vor allem aus Dänemark - sehen die Erwärmung als Chance. Sie setzen darauf, dass das Eis Bodenschätze freigibt. So wurde am heiligen Berg Kuannersuaq Uranerz gefunden. Hier bahnen sich Konflikte an. Angaangaq: "Unsere Regierung will keinen Uranerzabbau. Aber das dänische Parlament hat sich dafür ausgesprochen. Ich hoffe, meine Regierung ist stark genug, um Nein zu sagen." Schließlich hat sich seine Heimat auch ohne großflächige Rohstoffgewinnung dramatisch verändert.

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