Umwelt

Pflanzenreich Hamburg

Foto: Dölling und Galitz Verlag

1643 Arten findet man in der Hansestadt. Keine andere Stadt dieser Größe wurde bisher so genau botanisch kartiert

Hamburg. Wildtulpe, SumpfLäusekraut oder Schwanenblume: Ihre Heimat heißt Hamburg. Der Ruf als grüne Metropole, ja bald als europäische Umwelthauptstadt, begründet sich nicht allein in der großen Anzahl der Straßenbäume der Hansestadt. Mit 1643 kartierten Pflanzenarten und -unterarten nimmt Hamburg eine Ausnahmestellung unter den Großstädten ein, was den Pflanzenreichtum betrifft. "Doch nicht nur unter den Großstädten, sondern auch aus der gesamten norddeutschen Tiefebene sticht Hamburg heraus", sagt Hans-Helmut Poppendieck, Erster Vorsitzender des Botanischen Vereins zu Hamburg. Er muss es wissen: Der Botaniker brachte jetzt mit Kollegen den "Hamburger Pflanzenatlas" heraus, der heute erscheint - die erste detaillierte botanische Kartierung einer Großstadt.

Messtischblatt 2426 - so heißt Hamburg bei Kartierern. In 843 Rasterfelder, jedes genau einen Kilometer auf einen Kilometer groß, teilten die Wissenschaftler das Untersuchungsgebiet Hansestadt auf. Poppendieck: "Von 1995 bis 2008 waren knapp 80 Ehrenamtliche und 50 Kartierer von der staatlichen Biotopkartierung im Einsatz, um die Daten zusammenzutragen. Jedes Rasterfeld wurde dreimal kartiert: im Frühjahr, im Sommer und im Herbst." Ein datenintensives Verbundprojekt des Botanischen Vereins und der Umweltbehörde.

Mit den unterschiedlichsten Gewächsen bekamen es die Datensammler zu tun: Mit dem endemischen (nur hier vorkommenden), äußerst seltenen Schierlings-Wasserfenchel und der Wibelschmiele entlang der Elbe. Mit der Wildtulpe, die in Süddeutschland bedroht ist, bei uns aber unter anderem die Grabenränder im Alten Land ziert und nicht gefährdet ist. Mit Mauerfarnen, die "stark zugenommen haben, zum Beispiel auf alten Mauern in der Speicherstadt", so Poppendieck. Oder den Neubürgern, ursprünglich gebietsfremden Arten, die bei uns Fuß gefasst haben, wie Giftbeere, Kartoffel-Rose oder dem Großen Algenfarn.

Eine Erklärung für die Artenvielfalt sind die vielen unterschiedlichen Lebensräume und Böden, die in Hamburg zusammenkommen. Vom Geesthang über (Binnen-)Dünen, alte Wälder, das Elbufer, frühere Moore, die Marschen bis in die Innenstadtbereiche bieten sie Nischen für die unterschiedlichsten ökologischen Ansprüche der Pflanzen. Dazu kommen drei sogenannte Bodenformengesellschaften auf Hamburger Gebiet: Böden der Jungmoränenlandschaft im Nordosten, Böden der Altmoränenlandschaft großräumig nördlich der Elbe und ganz im Süden Hamburgs sowie Böden des Elbtals entlang und südlich der Elbe. "Zudem sind hier früher viele Fremdpflanzen aus Übersee aufgetaucht, eingeschleppt besonders im Hafenbereich", sagt Poppendieck. Natur und Kultur kombiniert, erklärt der Wissenschaftler, mache die besondere Artenvielfalt in Hamburg aus.

So sei auch der "urban-industrielle Halbmond", wie Poppendieck das Gebiet von Billbrook über die Veddel, den Reiherstieg und die Köhlbrandachse bis zum Harburger Hafen nennt, ein extrem lohnendes Areal für Botaniker. Viele Ruderalpflanzen - kurzlebige und schnellwüchsige Pflanzenarten, die nähr- und mineralstoffreiche, vormals vegetationslose oder gestörte Gebiete besiedeln - kämen hier vor. "Und außerdem die meisten Ackerpflanzen in Hamburg - durch die Getreide- und Ölmühlen." Allerdings verarme das Gebiet mittlerweile immer stärker durch die Zunahme an Container-Stellplätzen, so Poppendieck.

Die Kartierung brachte auch überraschende Erkenntnisse: So wurde den Wissenschaftlern erst jetzt richtig klar, wie bedeutend die Kirchwerder Wiesen auch botanisch sind. Poppendieck: "Das Naturschutzgebiet kannte ich bisher überwiegend durch seine Bedeutung für die Vogelwelt." Auf den Kirchwerder Wiesen wachsen jedoch 25 bundesweit gefährdete Pflanzenarten, darunter Trauben-Trespe, Sumpf-Wolfsmilch, Fieberklee oder in den Gräben Wasserschlauch und Krebsschere.

Nach der ersten Hamburger Artenliste aus dem Jahr 1780 und vielen erstmals in Hamburg beschriebenen Arten, wie unter anderem 1798 der Mittlere Sonnentau aus dem Eppendorfer Moor, ist mit dem Hamburger Pflanzenatlas jetzt ein Fachbuch entstanden, das auch interessierten Laien die Tür ins Pflanzenreich Hamburg öffnet.

Hans-Helmut Poppendieck u. a. (Hg.): "Der Hamburger Pflanzenatlas von A bis Z"; 568 Seiten, 200 Farbabbildungen und ca. 1100 Verbreitungskarten; Hardcover, 21 x 26,8 cm, ISBN978-3-937904-93-1, 29,90 Euro