Meeresforschung

Nordseekrabben erobern Islands Küsten

Dank steigender Wassertemperaturen können die Garnelen jetzt dort leben. Forscher untersuchen, ob sie angestammte Arten bedrohen

Reykjavik. Frische Krabben direkt vom Kutter - köstlich! Doch die wenigsten, die sich die leckeren rosa Würmchen holen, haben die Tiere schon mal lebend gesehen. Ungekocht ist die Nordseegarnele bräunlich und eher unscheinbar. Sie bewohnt die flache Nordseeküste, hat die gesamte Atlantikküste erobert, von Nordnorwegen bis Nordafrika, dazu Ostsee und Mittelmeer. Nur einen weißen Fleck gab es bisher auf ihrer Landkarte: Island. Doch jetzt machen sich die kleinen Krebse auf, auch diesen nördlichen Außenposten Europas zu besetzen. Ob das die Fischbestände rund um Island bedroht und man in Büsum bald auch Krabben aus Reykjavik bekommen wird, wollen isländische und deutsche Meeresforscher jetzt herausfinden.

Gelandet ist Crangon crangon, so ihr wissenschaftlicher Name, auf der Insel vermutlich um 2003. Zunächst blieb sie unbemerkt. 2005 entdeckte sie der Fischereibiologe Björn Gunnarsson in der Bucht von Blikastaðir bei Reykjavik. Er war damals gerade am staatlichen isländischen Meeresinstitut Hafrannsoknastofnunin in Reykjavik eingestellt worden und auf der Suche nach jungen Schollen und Seezungen. Sein Job ist es, die Plattfischbestände rund um Island im Auge behalten und Prognosen über ihre Entwicklung zu erstellen. Dazu nimmt er regelmäßig Proben in den Wattgebieten um Island, der Kinderstube von Scholle, Seezunge und Co. Bei seiner ersten Bestandserfassung im Sommer 2005 gingen Gunnarsson massenweise die in Island bis dahin unbekannten Nordseegarnelen ins Netz: "Es war reiner Zufall, dass ich sofort wusste, was das für Tiere sind, ich kannte sie aus meiner Studienzeit in Schweden."

Der Biologe wandte sich mit seinem Fund an einen Kollegen der Universität von Island, der seit 1974 jedes Jahr Proben aus dem Watt bei Reykjavik nimmt. Der durchforstete diese daraufhin nochmals akribisch und fand eine Garnele in der Probe von 2003, jedoch keine in den Jahren davor.

Doch wie haben es die Tiere bis nach Island geschafft? "Ihre Larven sind im Ballastwasser von Schiffen gereist, da bin ich ziemlich sicher", so der Meeresbiologe "Als Erwachsene leben sie am Boden und schwimmen nur ungern. Und die Strömungen im Nordatlantik machen es sehr unwahrscheinlich, dass ihre Larven im Plankton von Nordnorwegen oder Russland bis nach Island verdriftet worden sind." Die Nordseegarnele wäre nicht das erste Meerestier, das mittels Schiffstransfer fremde Welten erobert. Viele Arten werden so um den Globus verbreitet, in Deutschland landete zum Beispiel die Chinesische Wollhandkrabbe an.

Entscheidend für den Erfolg der Neuankömmlinge ist aber, ob sie an ihrem Ziel Bedingungen vorfinden, unter denen sie gut leben und sich fortpflanzen können. Bisher war es für die Nordseegarnele rund um Island zu kalt. Doch seit rund 15 Jahren steigen dort die Wassertemperaturen. So haben es die Einwanderer mit der Zeit geschafft, stabile Populationen zu bilden.

Was das für die Artengemeinschaft in den Isländischen Watten und speziell für die Plattfische bedeutet, ist noch unklar. "Ein bisschen beunruhigt sind wir schon", gibt Gunnarsson zu, denn "Nordseegarnelen lieben junge Plattfische. Sie greifen sie sich mit den Vorderbeinen, halten sie mit ihren kleinen Zangen und fressen sie wie eine Pizza." Gefährlich sind die Garnelen für Jungfische, die kleiner als 22 Millimeter sind. Danach dreht sich das Kräfteverhältnis bald um, und die jungen Schollen und Zungen holen sich noch nicht ausgewachsene Garnelen. "Wie der Wettbewerb ausgeht, können wir noch nicht absehen, aber ein paar vorläufige Ergebnisse haben wir schon", so Gunnarsson. "Danach sieht es so aus, als würde die junge Plattfischgeneration besser gedeihen in den Gebieten, wo es keine Crangon gibt."

Wie lange es solche Gebiete noch geben wird, ist unklar. 2006 nahm Gunnarsson bei einer Expedition rund um die Insel Proben an 30 Stationen. Das Ergebnis: Die Nordseegarnele hatte den gesamten Süden und Westen der Insel besiedelt, den Norden und Osten jedoch noch nicht. Gunnarsson plant für Juli 2012 wieder eine Probentour und bekommt dafür Unterstützung vom Alfred Wegener Institut in Bremerhaven.

Dort forscht der Meeresbiologe Reinhard Saborowski an der Nordseegarnele. Er vergleicht Populationen von verschiedenen geografischen Standorten. Gemeinsam wollen die beiden Biologen die 30 Stationen von 2006 beproben und so die weitere Ausbreitung der Nordseekrabbe nachvollziehen. Drei Wochen haben sie dafür Zeit - und damit ein ziemlich strammes Pensum. Saborowski begleitete schon im Sommer 2011 eine Probennahme in Gunnarssons Hausbucht bei Reykjavik. Dort haben die beiden viele junge Plattfische und Nordseegarnelen gefunden. Wer hier mehr von wem profitiert, wollen die Biologen nun durch Analysen des Mageninhalts und der Verdauungsenzyme beider Arten herausfinden.

Wie der Siegeszug der Nordseegarnele rund um Island weitergeht, interessiert auch Reinhard Saborowski: "Die Wasserströmung rund um die Insel verläuft im Uhrzeigersinn. Es kann also gut sein, dass die Garnelen mit ihr wandern oder verdriftet werden und dass ihre Ausbreitung von Westen über Norden und Osten wieder in den Süden verläuft. Andererseits sind die Strömungen im Norden deutlich kühler, da ist es schon spannend zu sehen, wie weit sie kommen."

Egal wie weit die Garnelen es um Island herum schaffen: Dass sie für die Isländer ein lohnendes Fischereiobjekt werden, ist unwahrscheinlich. Die flachen Wattgebiete rund um die Insel sind durch die Gletscherausflüsse mit ihrem vielen Geröll für die Fischerei mit Krabbenkurren ungeeignet. Die Büsumer Krabbenbrote werden wohl weiterhin mit heimischen Garnelen belegt.

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