Der Mann aus dem Eis

Genetiker öffnen Ötzis Krankenakte

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Marc Hasse

Er litt an Arterienverkalkung, Milchunverträglichkeit und Borreliose. Was am Erbgut der 5.300 Jahre alten Mumie noch abzulesen ist.

Hamburg. Man kann wohl ausschließen, dass Ötzi sich von Fast Food wie Hamburgern und Pommes frites ernährte, von all jenen Dickmachern also, die als eine wichtige Ursache für Arterienverkalkung gelten. Und doch litt der Mann aus dem Eis an ebendieser Erkrankung - weil er eine genetische Veranlagung dafür hatte. Verstärkt wurden die Symptome womöglich durch eine Infektion mit Borrelien, Bakterien, die durch Zecken übertragen werden. Damit nicht genug: Ötzi plagte eine Milchunverträglichkeit. All das herausgefunden hat in mühsamer Kleinstarbeit ein 41-köpfiges Forscherteam unter der Leitung des Instituts für Mumien und den Iceman der Europäischen Akademie Bozen und der Institute für Humangenetik der Universität Tübingen und des Saarlandes. Über ihre Ergebnisse berichten die Forscher im Journal "Nature Communications".

Kaum ein Mensch ist so intensiv untersucht worden wie Ötzi. Nicht einmal das Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen, wo die 5300 Jahre alte Mumie liegt, hat noch einen Überblick, wie viele Forscherteams sich mit den Überresten beschäftigt haben, die 1991 in den Ötztaler Alpen entdeckt worden waren. Hunderte Wissenschaftler haben Ötzi geröntgt, in Computertomografen geschoben, seinen Mageninhalt analysiert, seine Muskeln rekonstruiert, seine Knochen untersucht, um zu erklären, wie der Mann in der Jungsteinzeit lebte. In einer Epoche, in der die Menschen von Jägern und Sammlern zu sesshaften Bauern wurden.

+++Erbgut entschlüsselt: Ötzi litt an Laktose-Intoleranz+++

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Trotz aller Studien gelang es erst vor eineinhalb Jahren einem Team um den Bozener Anthropologen Albert Zink und den Tübinger Humangenetiker Carsten Pusch, Ötzis Erbgut nahezu vollständig zu erfassen. Dazu untersuchten die Forscher eine winzige Knochenprobe (ein Zentimeter lang, ein Millimeter Durchmesser) aus dem Becken der Mumie mit sogenannten NGS-Geräten (next-generation sequencing), den modernsten Apparaten für die Genomanalyse. Aus den Daten erstellten sie drei Milliarden DNA-Abschnitte. Danach begannen sie mit der Auswertung. Im vergangenen Herbst machten sie erste Ergebnisse öffentlich. Demnach hatte Ötzi braune Augen und braune Haare. Das ließ sich feststellen, weil mittlerweile bekannt ist, welche Gene für die Augenfarbe sorgen.

Bei den weiteren Analysen überraschte vor allem der Blick in die "Krankenakte". "Ötzi war vermutlich 45 oder 46, als er starb. Für dieses Alter - im alten Rom starben einige Menschen schon mit Anfang 30 - war er sehr gut in Form; er war muskulös und durchtrainiert, er hatte kein Übergewicht und bewegte sich offenbar viel. Dass er trotzdem an Arterienverkalkung litt, zeigt, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen keineswegs moderne Zivilisationskrankheiten sind", sagt Carsten Pusch. Der Nachweis für die Veranlagung konnte erbracht werden, weil heute Hunderte sogenannter Risiko-Gene bekannt sind, die durch geringere oder stärkere Aktivität die Entstehung von Krankheiten begünstigen können. Erstaunlich sei auch der Nachweis von Borreliose-Erregern, so Pusch. "Es ist der älteste Beleg für diese Bakterien und dafür, dass sie bereits vor 5300 Jahren übertragen wurden."

Auch Ötzis genetischer Herkunft ging das Team um Zink und Pusch nach. Dazu verglichen sie sein Erbgut mit der DNA von modernen Menschen, 1300 Europäern, 125 Afrikanern und 20 Arabern. Deren Genome sind in frei zugänglichen Datenbanken gespeichert, erstellt von Forschern, die beispielsweise zu klinischen Zwecken das Erbgut bestimmter Menschen entziffert haben. "Mit dieser Auswahl wollten wir den Mittelmeerraum abdecken", erläutert Carsten Pusch.

Die Untersuchung ergab, dass Ötzi einer bestimmten sogenannten Haplogruppe des Y-Chromosoms angehört, die heutzutage in der Bevölkerung im Norden Sardiniens, im Süden Korsikas und im Kaukasus zu finden ist. Daraus folgten zwei Annahmen, sagt Pusch: Entweder seien Ötzis Vorfahren im Zuge der Ausbreitung von Ackerbau und Viehzucht aus dem Nahen Osten über den Mittelmeerraum nach Europa eingewandert - oder sie stammten von den besagten Inseln. Von Sardinien und Korsika aus hätte sich die Linie dann unter anderem bis ins heutige Südtirol ausgebreitet. Denn dort - das ist nahezu sicher- wurde Ötzi geboren, dort lebte er bis zu dem Moment, als er von einem Pfeil getroffen und dann vermutlich mit einer Keule erschlagen wurde.

Dass Ötzi wohl in Südtirol lebte, wissen die Forscher durch eine sogenannte Isotopenanalyse des Zahnschmelzes der Mumie. Stark vereinfacht dargestellt, zeige die mineralische Zusammensetzung des Zahnschmelzes eine bestimmte Signatur, erläutert Carsten Pusch. "Diese wird durch die Umgebung und die Lebensbedingungen, etwa durch die Ernährung, beeinflusst. Bei Ötzi stimmte die Signatur mit dem Ötztal überein, der Region, in der er gefunden wurde."

Trotz der neuen Erkenntnisse aus der Erbgutauswertung sei völlig offen, ob Ötzi ein typischer Vertreter der Jungsteinzeit sei oder eine Ausnahme, sagt Pusch. Ein Beispiel ist Ötzis Milchunverträglichkeit: Womöglich zeigt sie, dass sich viele Menschen vor 5300 Jahren genetisch noch nicht darauf eingestellt hatten, auch als Erwachsene Milch zu vertragen, obwohl eine bäuerlich Lebensweise damals schon weit verbreitet war. Vielleicht hatte Ötzi aber nur als einer von wenigen mit Milchzucker zu kämpfen.

Bisher sind keine weiteren Mumien aus der Jungsteinzeit gefunden worden, allerdings gibt es Skelette. Das Erbgut dieser Überreste möchten Pusch und seine Kollegen künftig untersuchen, um mehr über die damaligen Lebensumstände zu erfahren. "Das wird sehr spannend", sagt Pusch, "ich kann es kaum erwarten."