Erderwärmung

Sind die Klima-Warnungen völlig übertrieben?

Eine schwache Sonnenaktivität bremse die Erderwärmung, behauptet Fritz Vahrenholt. Wissenschaftler widersprechen vehement.

Hamburg. Der Zeitpunkt hätte nicht passender sein können. Heute erscheint im Verlag Hoffmann und Campe das Buch "Die kalte Sonne - Warum die Klimakatastrophe nicht stattfindet". Es hält die Warnungen vor einer starken Erderwärmung für falsch. Vielmehr prognostiziert es - während Europa vor Kälte zittert - einen leichten Trend zur Abkühlung. Einer der beiden Autoren ist Prof. Fritz Vahrenholt. Der promovierte Chemiker machte sich einen Namen als engagierter Kämpfer gegen Umweltverschmutzung, war 1991 bis 1997 Hamburger Umweltsenator.

Seit 1998 treibt Fritz Vahrenholt die Nutzung der erneuerbaren Energien mit Schwerpunkt Windkraft voran, derzeit als Vorsitzender der Geschäftsführung von RWE Innogy, der Tochter für Erneuerbare Energien des Stromkonzern RWE. "Seit einigen Jahren musste ich dem Vorstand von kalten, windschwachen Wintern berichten. Zunächst nahm ich einen Zusammenhang mit dem CO2-Ausstoß an. Doch dann las ich von Forschungsergebnissen, nach denen die kalten Winter Zeichen einer verminderten Sonnenaktivität sind. Und ich stellte fest, dass die globalen Temperaturen seit gut zehn Jahren nicht mehr ansteigen." Ihn treibe die Sorge um, dass den erneuerbaren Energien in Deutschland irgendwann dasselbe unrühmliche Schicksal drohe wie der Atomindustrie, so Vahrenholt. "Wenn die Leute merken, dass die Warnungen vor dem Klimawandel stark überzogen sind und der Treibhausgasausstoß nicht die ihm zugeschriebene überragende Rolle spielt, könnten sie sich von den erneuerbaren Energien abwenden."

Vahrenholts Warnung, den Treibhauseffekt nicht zu überschätzen, stößt erwartungsgemäß auf harsche Kritik von Klimaforschern. "Das ist eines von vielen Büchern, die bereits zum Einfluss der Sonne veröffentlicht wurden. Es liefert keine neuen Argumente", urteilt Prof. Jochem Marotzke, Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg und Sprecher des Deutschen Klima-Konsortiums, das 19 Institute und Institutionen der Klima- und Wetterforschung repräsentiert. "Die meisten Aussagen des Buches sind längst widerlegt." Marotzke hat es vor der Veröffentlichung gelesen und hält es für wenig stichhaltig.

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Eine Hauptaussage ist zweifelsfrei richtig: Das Klima erwärmt sich seit gut einem Jahrzehnt kaum noch. Doch die Schlussfolgerung der Autoren, dass damit die Warnungen vor einer Klimakatastrophe hinfällig seien, teilt Jochem Marotzke nicht: "In der Temperaturkurve der Erde haben wir ein Plateau erreicht, auf sehr hohem Niveau, die Erwärmung ist praktisch nicht weitergegangen. Aber solche Plateaus tauchen auch in unseren Modellen auf. In solchen Perioden wird die Wärme stärker vom tiefen Ozean aufgenommen. Wir suchen fieberhaft nach einer Antwort, warum dies so ist."

Den Widerspruch zwischen den Warnungen etwa des Weltklimarates IPCC vor stark ansteigenden Temperaturen und der tatsächlichen Stagnation sieht auch Marotzke, einer der Hauptautoren des IPCC: "Wir haben in der Kommunikation der komplizierten Zusammenhänge sicherlich Fehler gemacht. So haben wir in der vereinfachten öffentlichen Darstellung kaum über natürliche Klimaschwankungen, etwa durch Sonnenzyklen oder Meeresströmungen, gesprochen. Das heißt aber nicht, dass wir diese Einflüsse nicht beachtet hätten, wie Herr Vahrenholt behauptet. Sie stecken auch in den Klimamodellen. Doch diese bügeln die natürlichen Schwankungen weg, indem sie dieses sogenannte Rauschen mitteln."

Die kalte Sonne, die dem Buch seinen Titel gab, habe wenig Effekt auf das Klima, sagt Marotzke. Gemeint ist eine geringe Sonnenaktivität, die abkühlend wirkt. So sah es vor einem Jahr auch Prof. Sami Solanki, Direktor des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung. Damals ging es um einen möglichen Zusammenhang einer schwächelnden Sonne und dem Kaltstart des Jahres 2011. Solanki: "Satellitenmessungen zur Variation der Sonnenhelligkeit zeigen, dass diese innerhalb eines Zyklus nur um ein Promille variiert. Das ist ziemlich wenig, um Einfluss auf das Klima zu nehmen. Zudem erklärt die Sonnenaktivität den deutlichen Temperaturanstieg der letzten 30 Jahre nicht." Nach dem IPCC-Bericht von 2007 trug die Sonne im Zeitraum von 1750 bis 2005 mit einer Leistung von 0,12 Watt pro Quadratmeter (W/m²) zur Erderwärmung bei, das CO2 jedoch mit 1,5 bis zwei W/m².

Den IPCC kritisiert Vahrenholt als ein eher politisches denn wissenschaftliches Gremium - er habe sich genauer mit dem IPCC-Bericht befasst. "Der IPCC ist eine Ansammlung von sehr vielen hochrangigen Wissenschaftlern. Wir ringen darum, aus einer Vielzahl von Studien das Wissen zum Klimawandel zusammenzufassen", entgegnet Marotzke. Wenn Vahrenholt den Bericht studiert habe, dann habe er "viel gelesen und wenig verstanden", sagt der Klimaforscher Marotzke mit Blick auf den Chemiker Vahrenholt.

Zu dessen Aussage, Solaranlagen sollten nicht in Deutschland, sondern in den sonnenreichen Ländern Südeuropas und Afrikas gebaut werden, will sich Marotzke dagegen nicht äußern: "Bei den Solaranlagen ist Herr Vahrenholt der Experte, da will ich ihm nicht widersprechen."

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