Serie: Kinder, bleibt gesund

Ein Drittel der Kinder leidet unter Allergien

| Lesedauer: 4 Minuten
Leon Scherfig

Sie entstehen durch Überreaktion des Immunsystems gegen bestimmte Stoffe. Dr. Jochen Hanke informiert über Ursachen, Medikamente und Tests

Mit dem Allergologen Dr. Jochen Hanke, 62, niedergelassener Kinderarzt in einer Gemeinschaftspraxis an der Hoheluftchaussee, sprach das Abendblatt über Allergien bei Kindern.

Hamburger Abendblatt:

Was passiert bei einer Allergie im Körper?

Dr. Jochen Hanke:

Die Allergie ist eine Überreaktion des Immunsystems auf Stoffe aus der Umwelt. Als Antwort auf von außen stammende Antigene lösen die ansonsten schützenden Antikörper die Allergie aus. Schon bei Kontakt mit sehr kleinen Mengen von Allergenen reagiert der Körper sofort, indem beim Allergiker unangenehme und krankmachende Symptome entstehen. Mehr als 30 Prozent der Kinder leiden unter einer Allergie oder Unverträglichkeit.

Wie entsteht eine Allergie, können Eltern das Erkrankungsrisiko einschränken?

Hanke:

Die Ursachen sind nicht vollständig geklärt. Studien deuten auf viele Auslöser hin: Ein schwaches Immunsystem kann die Gefährdung erhöhen. Auch Rauchen oder Schadstoffbelastung können Ursache sein. Kinder, die öfter draußen spielen, reagieren seltener allergisch als Altersgenossen, die kaum von Bakterien und Keimen umgeben sind. Zudem kann die allergische Reaktionsbereitschaft vererbt werden: Bei nicht allergischen Eltern besteht für das Kind ein Risiko von fünf bis 15 Prozent. Sind beide Eltern betroffen, steigt es auf 50 bis 70 Prozent.

Welche Symptome deuten darauf hin, dass ein Kind unter einer Allergie leidet?

Hanke:

Die Symptome unterscheiden sich je nach betroffenem Organ. Auf der Haut kommt es häufig zu Rötungen. Auch Schwellungen mit Ekzembildung und Juckreize werden oft beobachtet. Zudem können die Schleimhäute der Atemwege anschwellen und sich röten. Ein Zeichen ist auch vermehrter Sekretfluss der Nase und Augen, begleitet von Niesen, Husten bis zur Luftnot durch Atemwegsverengung. Im Magendarmtrakt kann die Überreaktion des Körpers zu Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen führen. Bei sehr starken allergischen Reaktionen können die Anzeichen gravierender sein: Kreislaufstörungen, Atemnot bis hin zum Schockzustand. Bevor es so weit kommt, sollten Eltern schon zeitig einen Allergietest in Erwägung ziehen.

Welche Allergietests gibt es?

Hanke:

Beim Pricktest wird ein Tropfen Allergenlösung auf die Haut aufgebracht und mit einer Lanzette durch den Tropfen in die Haut gepikst. Im Epicutantest bringen wir ein Allergen für mehrere Tage auf die Haut. Das geschieht meist mit einem Pflaster. Damit können wir zum Beispiel eine Nickelallergie feststellen, bei der das Immunsystem erst nach Tagen überreagiert. Beim Provokationstest wird beobachtet, wie der Patient reagiert, wenn er das Allergen inhaliert oder in die Nase sprüht. Bei Lebensmittelallergien wenden wir diesen Test häufig an.

Welche Medikamente verschreiben Sie Ihren jungen Patienten?

Hanke:

Das kommt auf die Allergie an. Bei Heuschnupfen helfen Augen- und Nasentropfen. Gegen Ekzeme und Juckreiz haben sich Salben bewährt, die die Überreaktion des Immunsystems eingrenzen. Bei starken Beschwerden kann dieser Wirkstoff auch als Tablette verabreicht werden. Das lindert aber nur die Symptome. Bei Allergien, deren Allergene kaum bzw. überhaupt nicht gemieden werden können, wie bei Gräser-, Baum- oder Kräuterpollen, sollten Eltern für ihr Kind eine spezifische Immuntherapie in Betracht ziehen. Dazu zählt die Hyposensibilisierung: Mindestens drei Jahre lang bekommt das Kind regelmäßig Injektionen, Tabletten oder Tropfen, deren Dosierung gesteigert wird. Wichtig ist die ärztliche Nachbeobachtung bei Injektionen, da Nebenwirkungen auftreten können.

Gibt es alternative Therapieformen, die sich bewährt haben?

Hanke:

Ja, z. B. die Kneipp-Therapie und Entspannungsverfahren wie Autogenes Training. Für Homöopathie gibt es keine wissenschaftlichen Beweise der Wirksamkeit. Die Chancen auf eine Verbesserung der Symptome mit der Schulmedizin stehen gut: In fast 80 Prozent der Fälle sind die Patienten danach beschwerdefrei.

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