Gesten

Von wegen Affentheater

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Orang-Utans verfolgen mit ihren Gesten konkrete Absichten. Forscher haben jetzt die Bedeutung der tierischen Körpersprache entschlüsselt

St. Andrews. Im Zoo stehen Orang-Utans in der Besuchergunst ganz oben: Es sieht einfach zu komisch aus, wenn die rothaarigen Menschenaffen mit den Armen fuchteln, an Baumstämmen rütteln oder über den Boden rollen. Alles nur Affentheater? Weit gefehlt: Tatsächlich gestikulieren Orang-Utans genauso absichtlich und manchmal hartnäckig wie wir Menschen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Mehr noch: Die tierischen Gesten ähneln den unseren nicht nur auf verblüffende Weise, sie haben teilweise auch die gleiche Bedeutung, wie Richard Byrne von der schottischen Universität St. Andrews und Erica Cartmill von der US-amerikanischen Universität Chicago herausgefunden haben. Die beiden Verhaltensforscher konnten erstmals nachweisen, was Menschenaffen durch Ausdrucksbewegungen ihren Artgenossen mitteilen möchten.

Neun Monate hatten sie 28 Orang-Utans in drei europäischen Zoos beobachtet. Dabei konnten sie 64 Gesten ausmachen, doch nur 40 davon nutzten die Orang-Utans so oft, dass die Forscher die Bedeutung zweifelsfrei klären konnten. "Die meisten Tierarten zeigen nur wenige Gesten, die in der Regel nur mit jeweils einer Bedeutung verbunden sind. Dagegen haben Orang-Utans ein außergewöhnlich großes Repertoire an Gesten", sagt Richard Byrne. "Abhängig von der Situation können sie ihre Gesten flexibel einsetzen und eine Bedeutung mit unterschiedlichen Gesten ausdrücken - genau wie wir Menschen."

Eine Rolle rückwärts kann bedeuten: Komm lass uns spielen

Wenn ein Orang-Utan etwa Gesellschaft sucht oder spielen will, kann er als Zeichen die Arme heben oder einem Artgenossen winken, so wie Menschen es auch tun, wenn sie zeigen wollen: Hier bin ich, komm doch mal rüber. Als Aufforderung zum Spielen verpassen Orangs ihren Artgenossen aber auch mal einen ordentlichen Hieb. In anderen Situationen rollen sie stattdessen auf dem Rücken herum, was aber offenbar nur besonders verspielte Orang-Freunde zum Mitmachen animiert.

Nicht nur das Armeheben und das Winken erinnern an menschliche Gesten: Wenn Orang-Utans auf einen Gegenstand hinweisen wollen, etwa auf eine Banane, halten sie die Frucht ihren Freunden entgegen, was so viel bedeutet wie: "Schau mal - willst du auch?" Wenn sie selbst nichts anzubieten haben, sondern vielmehr auf Futter erpicht sind, können sie durch Bewegungen mit dem offenen Mund fragen: "Teilst du mit mir?" Das ist die höfliche, fast unterwürfige Variante. Es geht aber auch ruppiger - und schneller: Einfach das Futter wegzureißen ist auch eine Geste, die vorkommt. Wenn sie später wieder in Freundschaft vereint den Ort wechseln wollen, können Orangs das signalisieren, indem sie ihr Gegenüber umarmen und mitziehen.

Orang-Utans nutzen zu 80 Prozent die gleichen Gesten wie Schimpansen

Ob sie nun zusammen spielen, Futter teilen oder auf den nächsten Baum klettern, wenn Orang-Utans der Gemeinschaft überdrüssig werden oder - wie es die Forscher ausdrücken - "eine Aktion beenden" wollen, signalisieren sie das mit einer ebenfalls sehr menschlichen Geste: Sie schieben die Hand oder den Arm ihres Gegenübers einfach weg. Führt eine Geste nicht zur gewünschten Reaktion, versuchen es die Orang-Utans der Studie zufolge hartnäckiger - und mit anderen Gesten.

Ihre erstaunliche Ausdrucksstärke teilen Orang-Utans mit den zwei anderen Menschenaffenarten - Gorillas und Schimpansen -, wobei die größte Übereinstimmung mit Schimpansen bestehe, die zu 80 Prozent die gleichen Gesten wie Orangs nutzten, sagt Richard Byrne.

Im Vergleich zum Menschen beschränke sich die Ähnlichkeit der Kommunikation allerdings auf die Vielfalt der Gesten: "Viel häufiger und viel differenzierter als Gesten setzen Menschen Sprache ein, um bestimmte Absichten mitzuteilen", sagt Byrne. "Affen können zwar mit Lauten auf Dinge hinweisen, etwa auf ein Raubtier. Sie verfolgen mit Lauten aber wahrscheinlich keine Absichten, die mit Interaktion zu tun haben, zum Beispiel mit Spielen."

Allerdings gebe es hier noch viel Forschungsbedarf, so Byrne: "Vielleicht werde ich in 20 Jahren ganz anderer Meinung sein, was die Bedeutung der verbalen Kommunikation betrifft."