Es fehlen bereits fast 100 Millionen

In Asien werden die Mädchen knapp

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Irene Jung

Viele werden gezielt abgetrieben. Der Jungenüberschuss hat gravierende Folgen - von der Wirtschaft bis zur Partnerwahl.

In zehn Jahren wird einer von fünf jungen Chinesen keine Partnerin mehr finden. Schon jetzt blüht der transnationale Frauenhandel. In Indien beginnen Junggesellen bereits, sogar mitgiftlose Bräute aus armen Bundesstaaten abzuwerben.

Das sind keine Schreckensszenarien, sondern offizielle Warnungen der chinesischen Nationalakademie für Sozialwissenschaften und eines neuen Uno-Reports. Weil Mädchen Kinder zweiter Klasse sind, fehlen in Asien heute schon 96 Millionen Frauen. Mädchen werden als Föten gezielt abgetrieben, als Neugeborene getötet. Auch als Kinder werden sie schlechter versorgt als Jungen. Die Mädchen- und Frauensterblichkeit ist weit höher, als sie sein dürfte, sagte Anuradha Rajivan, die Hauptautorin des Berichts des Entwicklungsprogramms UNDP.

Im Denken von Millionen Eltern sind Jungen mehr wert als Mädchen. "Ein Mädchen aufziehen heißt das Feld eines anderen bestellen", besagt ein altes chinesisches Sprichwort, in Indien heißt es "den Garten seines Nachbarn gießen". Ein Sohn verkörpert die Fortsetzung des Familiennamens, das Mädchen verlässt bei der Heirat das Haus. Solche Haltungen sind Jahrhunderte alt. Aber sie haben jetzt eine dramatische Aktualität gewonnen. Dem Report zufolge klafft die größte Geschlechter-Schere in den Ländern Ost- und Südasiens. Auf 100 geborene Mädchen kommen dort 119 Jungen, im internationalen Schnitt sind es 100:107. Das größte Defizit besteht in China und Indien, denen zusammen 85 Millionen Mädchen fehlen, und in Pakistan mit 6,1 Millionen.

Als "natürliches" Verhältnis bei den Geburten gilt: 100 Mädchen pro 105 bis 107 Jungen. Diese Zahl ist in Gesellschaften ohne krasse Diskriminierung überaus stabil - etwa in Deutschland, Russland oder Chile. Wegen der höheren Sterblichkeit im Lebensverlauf von Jungen gleicht sich das leichte Ungleichgewicht später wieder aus.

In Südostasien aber hat es sich laut Uno-Statistiken deutlich vertieft. In China wurden zwischen 1985 und 1989 pro 100 Mädchen schon 108 Jungen geboren, in den Jahrgängen 2000 bis 2004 sogar 124 Jungen. Heute sind es 123, teilte die chinesische Nationalakademie für Sozialwissenschaften im Januar mit. In Taiwan kletterte der Jungenüberschuss seit den 1980er-Jahren auf heute 109, in Indien auf 119, in jeder zweiten vietnamesischen Provinz auf 110.

Warum hält sich die Mädchenfeindlichkeit so hartnäckig? Was bringt Eltern dazu, weiblichen Nachwuchs zu vermeiden oder sogar zu beseitigen? Der Mädchenmangel, sagt der amerikanische Demograf Nick Eberstadt vom American Enterprise Institute, ist Ergebnis eines "fatalen Zusammentreffens von überkommener Söhne-Präferenz, schnell verbreiteter Pränatal-Diagnostik und sinkender Fruchtbarkeit".

Die seit den 80er-Jahren verfügbare Pränatal-Diagnostik mit Ultraschall und Fruchtwasseruntersuchung gab den Eltern Mittel in die Hand, das Geschlecht des Nachwuchses früh zu erkennen und zu steuern. Abtreibungen wurden zu einem lukrativen Geschäft. In Indien und China werde die pränatale Selektion vor allem von den wohlhabenden und aufstrebenden gebildeten Schichten praktiziert, beobachtete die französische Demografin Isabelle Attané, in China vor allem von jungen Akademikerinnen. Die Folgen bereiten den Regierungen Sorgen.

"Der rapide gesellschaftliche Wandel in diesen Ländern führt zu einer Kollision mit alten Werten, die die Vormachtstellung der Männer sicherten", sagt Steffen Kröhnert vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Diese Wertvorstellungen würden sich sicher irgendwann wieder ändern. Die Partnerinnensuche aber werde härter: "Die Alphatierchen werden die Frauen kriegen. Viele der weniger Selbstbewussten werden allein bleiben." Die Präferenz für Söhne erreiche das Gegenteil dessen, was sie erreichen sollte, sagt Ute Stallmeister von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung: "Frauen sollen alte Eltern umsorgen, Kinder großziehen, Nachbarschaftsnetzwerke pflegen und mitarbeiten. Diese Familienversorgung wird nicht mehr gewährleistet sein. Der soziale Zusammenhalt der Gesellschaft leidet."

Die krasse Diskriminierung der Frauen in Arbeitsmarkt, Wirtschaft und Vermögensbildung koste die Schwellenländer Südostasiens jährlich zwei bis vier Prozent Wirtschaftswachstum, sagte UNDP-Berichterstatterin Anuradha Rajivan. Der Uno-Report spricht wenigstens aus, worüber die Regierungen in Asien gerne schweigen: Es geht um die elementarsten Menschenrechte. Um das Recht auf Leben für Kinder, auch wenn sie Mädchen sind.

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