Entwicklung: Unbemannte Flugzeuge

Forscher machen Piloten überflüssig

Foto: picture alliance / dpa / picture alliance / dpa/dpa

Die fliegenden Roboter müssen bei waghalsigen Manövern keine Rücksicht auf die Belastungsgrenzen des Menschen nehmen.

Die Zukunft unbemannter Flugsysteme hat begonnen. Der sechs Kilo schwere Flugroboter Carolo T 200 der Technischen Universität Braunschweig sammelt Klimadaten in der Antarktis. An der Humboldt-Uni in Berlin arbeiten Forscher an sogenannten Quadrokoptern in der Landwirtschaft: Die mit vier Rotoren ausgestatteten flachen Hubschrauber sollen Felder mit Spezialkameras fotografieren und den optimalen Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln vorbereiten.

Ein großes Thema ist die Kooperation mehrerer Flugroboter. "Wenn wir das besser verstehen, könnte es eines Tages möglich sein, Roboter in Tierschwärme einzuschleusen und deren Flugrichtung zu beeinflussen", sagt Verena Hafner, Juniorprofessorin für Kognitive Robotik am Institut für Informatik der Humboldt-Universität. "Bei Fischschwärmen ist das schon gelungen. Auf diese Weise lassen sich möglicherweise auch Vogelschwärme um Flugplätze herum dirigieren." Bevor unbemannte Flugsysteme sich den kontrollierten Luftraum mit konventionellen Flugzeugen teilen dürfen, muss aber noch ein Katalog an Fragen der Regulierung und Zertifizierung geklärt werden, der die Experten noch Jahre beschäftigen dürfte.

Dennoch ist die Entwicklung nicht aufzuhalten. Treibende Kraft ist das Militär, so wie bei der Heron 1, auch wenn es jetzt beim ersten Einsatz des Aufklärers der Deutschen Luftwaffe zu einem Missgeschick kam. Bei der Landung, nachdem die Maschine sicher auf dem Flugplatz Masar-e-Scharif (Israel) aufgesetzt hatte und auf dem Weg zur Abstellposition war, stieß sie mit einem anderen Flugzeug zusammen. An beiden Maschinen entstand Sachschaden. Ansonsten sei der erste Einsatz "erfolgreich" verlaufen, meldet die Luftwaffe.

Im Verteidigungsministerium hätte man sich aber gewiss einen eleganteren und unauffälligeren Start in das neue Zeitalter des unbemannten Fliegens gewünscht. Schließlich war es schon im Zusammenhang mit der Entscheidung für das israelische System zu Turbulenzen gekommen.

Die Rüstungsfachleute der Luftwaffe hatten eigentlich die MQ-9 Reaper der US-Firma General Atomics favorisiert. Dass es doch die Heron 1 der Israeli Aerospace Industries (IAI) wurde, hat weniger mit technischen Vorzügen des Systems zu tun als mit Machtkämpfen im Haushaltsausschuss, bei denen sich laut "Handelsblatt" der Hamburger SPD-Abgeordnete Johannes Kahrs besonders hervorgetan haben soll. Strategische Überlegungen spielen auch mit: So wünscht sich die Politik eine europäische Eigenentwicklung. Die Europäer hinken aber der Konkurrenz aus USA und Israel Jahre hinterher. Heron 1 wird über den deutschen Konzern Rheinmetall geleast, um die Zeit bis zur Einsatzreife des europäischen Systems zu überbrücken.

Manch einem mögen die US-Drohnen zu sehr im Rampenlicht stehen. Fast jede Woche werden tödliche Angriffe mit Raketen gemeldet, abgefeuert von Reaper-Drohnen oder dem Vorgängermodell Predator. Insbesondere in der pakistanischen Bergregion Waziristan im Grenzgebiet zu Afghanistan scheint sich der US-Geheimdienst CIA stark auf die in acht bis 15 Kilometer Höhe kreisenden Roboterraubvögel zu stützen.

Die Predator- und Reaper-Drohnen gelten als bewaffnete Aufklärer. Wer über die Anschaffung von unbemannten Flugsystemen nachdenkt, fragt nicht als Erstes nach der Feuerkraft, sondern nach der Stehzeit, also der Zeit, die das Flugzeug ununterbrochen in der Luft bleiben kann. Sie beträgt bei den Predators je nach Beladung bis zu 40 Stunden, der Ausdauer der Heron 1 vergleichbar. Mit ihren Kameras und Radarsensoren ermöglichen sie eine lückenlose Überwachung aus der Luft.

Dabei geht es nicht nur um Zielaufklärung und die Vorbereitung von Angriffen, sondern auch um den Schutz eigener Bodentruppen. So kann das Radar am Boden Details von zehn Zentimetern erkennen - und damit Veränderungen, die auf versteckte Sprengfallen hindeuten.

Dennoch nehmen unbemannte Kampfflugzeuge in den Entwicklungsabteilungen der Rüstungs- und Luftfahrtkonzerne Gestalt an. Die französische Firma Dassault etwa entwickelt im Auftrag von Frankreich, Griechenland, Italien, Spanien, Schweden und der Schweiz den fliegenden Roboterkrieger "Neuron". Er verfügt über Tarnkappentechnologie, die die Entdeckung durch Radar und Infrarotsensoren erschwert, und kann eine Geschwindigkeit von Mach 0,7 bis 0,8 (Mach 1,0 = Schallgeschwindigkeit) erreichen. Seine Bewaffnung soll aus zwei lasergesteuerten 250-kg-Bomben bestehen, die im Innern des Flugzeugs montiert werden. Gesteuert werden kann Neuron von Bodenstationen wie von bemannten Kampfflugzeugen aus. Der Erstflug ist für 2011 vorgesehen.

Aufgabe solcher unbemannten Kampfflugzeuge wird zunächst die Bekämpfung der gegnerischen Flugabwehr sein. Auch elektronische Attacken stehen auf der Wunschliste der Militärplaner oben. Eines Tages sollen die Roboter in der Lage sein, andere Flugzeuge zu bekämpfen.

Gegenüber bemannten Kampfflugzeugen hätten sie den Vorteil, bei ihren Flugmanövern keine Rücksicht auf die Belastungsgrenzen des menschlichen Körpers nehmen zu müssen. Mit hoher Geschwindigkeit können sie enge Kurven fliegen, bei denen ein Pilot aufgrund der hohen Beschleunigungskräfte ohnmächtig würde. Es ist daher absehbar, dass die Roboter langfristig den Luftraum für sich erobern.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.