Schweinegrippe

Hamburger Arzt: Impfung erst ab drei Jahren

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Robert-Koch-Institut rät zur Immunisierung ab dem sechsten Lebensmonat, der Direktor des Altonaer Kinderkrankenhauses sieht dies kritisch.

Die Schweinegrippe trifft vor allem Schulkinder und junge Erwachsene. Jüngere Kinder sind weniger betroffen. Dennoch empfehlen die Experten der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert-Kochs-Instituts die Impfung für alle Kinder ab sechs Monaten. Doch der Ärztliche Direktor des Altonaer Kinderkrankenhaus, Prof. Frank Riedel, folgt dieser Empfehlung nicht. Er gibt zu bedenken: "Für Kinder unter drei Jahren sind alle zur Verfügung stehenden Impfstoffe, auch das Pandemrix, noch nicht ausreichend untersucht. Deswegen wäre ich mit der Impfung bei gesunden Kindern unter drei immer noch ein bisschen vorsichtig", sagt er. Dennoch empfiehlt er den Impfschutz für chronisch kranke Kinder in dieser Altersgruppe - wegen des erhöhten Risikos, bei einer Infektion schwer krank zu werden.

"Ein Grund für die Zurückhaltung in dieser Altersgruppe ist auch, dass Pandemrix einen Wirkverstärker enthält, das Squalen. "Im Vergleich zur saisonalen Grippeimpfung, die keinen Wirkverstärker hat, sind örtliche Impfreaktionen an der Einstichstelle stärker und häufiger. Das ist wahrscheinlich ein Effekt des Squalens", sagt Riedel.

Zwar seien diese Reaktionen nach zwei Tagen wieder abgeklungen und die Menge Squalen im Impfstoff entspreche der, die man normalerweise täglich mit der Nahrung zu sich nehme, "aber wir wissen eben nicht genau, wie ein sechs Monate alter Säugling darauf reagiert".

Weniger Bedenken hätte der Kinderarzt beim Impfstoff ohne Wirkverstärker, den die Schwangeren bekommen. "Wie bei Pandemrix handelt es sich außerdem um einen sogenannten Spaltimpfstoff, der nur Teile des Virus enthält. Dieser Impfstoff (CSL H1N1) ist wahrscheinlich am besten verträglich", sagt Riedel. In Hamburg stehen seit dem 14. Dezember 3200 Dosen dieses Impfstoffs für Schwangere zur Verfügung. Riedel: "Wenn er nicht von den Schwangeren verbraucht wird, könnte ich mir vorstellen, dass man damit dann die kleinen Kinder unter drei Jahren impft."

Grundsätzlich sei jetzt, wo sich das Virus erst mal zurückgezogen hat, genügend Zeit für Vorsorgemaßnahmen. "Diese Pause sollte man nutzen, um in Ruhe die Gesunden zu impfen." Zwar ist die Schweinegrippe harmlos verlaufen, trotzdem geben Ärzte und Wissenschaftler weiterhin keine Entwarnung.

Wie viele andere Experten rechnet auch Riedel mit einer weiteren Infektionswelle noch in diesem Jahr. Immerhin hat die Infektion in Deutschland bis Ende November vergangenen Jahres 60 Todesopfer gefordert, vor allem unter den jüngeren Patienten. Laut dem Robert-Koch-Institut waren drei Viertel der Verstorbenen unter fünfzig Jahre alt. Unter den Toten waren auch sechzehn Schwangere, acht davon ohne Vorerkrankungen. Nach Millionen von Impfungen in Deutschland liegen inzwischen Informationen vor, die so manchem die Angst nehmen könnten. Frank Riedel: "Es sind mittlerweile um die drei bis vier Millionen Impfungen mit dem Impfstoff Pandemrix bundesweit durchgeführt worden. Davon gab es circa 1000 Meldungen über Nebenwirkungen an das Paul-Ehrlich-Institut. 150 davon betrafen Kinder, und von diesen hatten nur etwa die Hälfte ernstere Nebenwirkungen wie Fieber, Kopfschmerzen oder Schüttelfrost. Diese Zahlen zeigen, dass der Impfstoff gut verträglich ist."

Wie groß die Macht des neuen Grippevirus in den vergangenen Monaten gewesen ist, zeigt sich an einem besonderen Phänomen: "Andere Viruserkankungen, mit denen wir in dieser Jahreszeit normalerweise sehr viel zu tun haben, wie zum Beispiel die sogenannten RS-Viren, die auch Atemwegsinfektionen verursachen, sehen wir in diesem Jahr kaum. Offensichtlich hat das neue Grippevirus eine Menge anderer Viren verdrängt", so Riedel.