Kriminologie

Das Verbrechen im Hörsaal

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Verena Töpper

Foto: Marcelo Hernandez

Das seltene Studienfach wird nur in Hamburg, Bochum und Greifswald angeboten. Prof. Sebastian Scheerer holt sogar Straftäter in die Vorlesung.

Hamburg. Manchmal lädt Sebastian Scheerer Verbrecher in die Universität ein. Einen Sadisten zum Beispiel oder einen RAF-Terroristen. Sie sitzen dann vor der Tafel im Seminarraum, lebendig und verurteilt, und beantworten die Fragen der Studenten. Nach mehr als zehn Jahren in Haft mache das eigentlich jeder gerne, sagt der Professor.

Sebastian Scheerer geht für seine Schützlinge regelmäßig auf Verbrecherjagd ins Gefängnis. Er ist Professor für Kriminologie an der Universität Hamburg. Die Lehre vom Verbrechen ist ein seltenes Studienfach, nur die Universitäten in Bochum und Greifswald bieten ein vergleichbares Studium an. Und es gibt dreimal so viele Bewerber wie Plätze für die Lehre bei Professor Scheerer. Agatha-Christie-Fan zu sein oder die Adresse von Sherlock Holmes auswendig zu wissen reicht da nicht aus, um einen der 33 pro Jahr ausgeschriebenen Studienplätze zu ergattern. Die angehenden Kriminologen müssen fließend Englisch sprechen, ein abgeschlossenes Bachelorstudium mit guten Noten und erste kriminalistische Erfahrungen vorweisen. Das können ein Praktikum in der Jugendstrafanstalt oder ehrenamtliche Mitarbeit in einem Sozialprojekt sein, aber auch eine Hausarbeit über Terrorismus.

Eileen Ullrich (23), Dörte Negnal (25) und Margot Kohnermann (23) haben es geschafft. Die drei studieren im dritten Semester Kriminologie am Lehrstuhl von Sebastian. So nennen die Studenten ihren Professor. "Das Duzen hat mich schon überrascht", sagt Eileen. "Man kommt aus einem Bachelorstudium mit vollen Hörsälen und auf einmal ist man wieder in einer Schulklasse." Der Stundenplan variiert allerdings, denn die Schwerpunkte kann jeder Student selbst setzen, sich etwa auf Terrorismus, das Verhalten von Tätern und Opfern oder, wie Dörte, auf den Strafvollzug und die Interaktion der Häftlinge spezialisieren.

Die drei Studentinnen müssen sich jetzt schon langsam Gedanken machen, was sie mit ihrem Master in Kriminologie anfangen wollen. Denn das Ende ihres Studiums naht. Drei Semester lang zuhören, aufschreiben, lernen, ein Praktikum in den Semesterferien, eine Masterarbeit - fertig ist der Kriminologe. Stellenausschreibungen, in denen diese explizit gesucht werden, gibt es nicht.

"Der Arbeitsmarkt sieht aber gar nicht schlecht aus", sagt Scheerer und zählt Absolventen auf, die nach ihrem Studium gut bezahlte Stellen ergattert haben, etwa beim Bundeskriminalamt, in Polizeidienststellen, beim Bundesnachrichtendienst. Verbrechen lassen sich nur im Verbund von Justiz, Polizei und sozialen Berufen bekämpfen, sagt Scheerer. "Und das erkennen langsam auch die Deutschen."

Im anglo-amerikanischen Raum werde er nämlich nicht komisch angeguckt, wenn er seinen Beruf nenne, sagt Scheerer. Um als Bewährungshelfer zu arbeiten, reiche es in England, Australien und den USA - anders als in Deutschland -auch nicht aus, Sozialpädagogik studiert zu haben. Denn das sei zwar eine gute Grundlage für den Beruf, qualifiziere aber noch nicht für den Umgang mit Strafgefangenen.

Was die Kriminologiestudenten ihren Kommilitonen an Wissen voraushaben, kann man im Internet nachlesen. Denn statt Hausarbeiten, die ausgedruckt, geheftet und korrigiert irgendwann im Papierkorb landen, schreiben sie Aufsätze im Internet für das von Sebastian Scheerer erfundene "Krimpedia", ein Online-Lexikon, das nach dem Prinzip von Wikipedia funktioniert. Dort finden sich auch viele philosophische Gedanken. Bestimmen unsere Gene unser Verhalten? Gibt es den geborenen Verbrecher? Sind wir nicht alle kriminell?

Allgemeingültige Antworten auf diese Fragen gibt es nicht, das haben Dörte, Margot und Eileen gelernt. Im Kleinen etwas am Großen verändern, das ist ihr Ziel. Dörte etwa will den Strafvollzug für Jugendliche verbessern. Die nächsten drei Jahre will sie vor Ort im Knast untersuchen, wie russlanddeutsche Häftlinge sich verhalten. Bilden sie eigene Gruppen, sondern sie sich ab? Wie wirkt sich das auf ihre Resozialisierung aus? Und wie kann man ihre Chancen auf ein normales Leben nach der Haft verbessern?

Ein Großprojekt, das nicht nur Dörtes Masterarbeit, sondern gleichzeitig auch ihre Doktorarbeit sein wird. Ein Stipendium dafür hat sie schon. Eileen würde gerne im Auswärtigen Amt oder in einer EU-Organisation arbeiten, Margot zieht es in die Hamburger Behörde für Soziales. Aber vielleicht bleibt eine von ihnen auch bei den Verbrechen im Hörsaal.

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