Konferenz: Über soziale Folgen des Klimawandels

Flucht ist das letzte Mittel

Die Szenarien schwanken zwischen 50 und 700 Millionen Flüchtlingen. Fest steht: Zur Mitte dieses Jahrhunderts wird die Welt mit Menschen konfrontiert, die ihre Heimat infolge des Klimawandels verloren haben. Wie viele Millionen es sein werden, ist auch davon abhängig, wie die Weltgemeinschaft auf die sich abzeichnenden Herausforderungen reagiert. Mehr als 50 Wissenschaftler aus 25 Nationen tauschen gestern und heute auf dem Hamburger KlimaCampus ihre Erkenntnisse über den Zusammenhang des globalen Wandels mit sozialem Stress und gewaltsamen Konflikten aus.

Die Erderwärmung wird bestehende Probleme verschärfen, warnte Jürgen Scheffran vom Institut für Geografie der Universität Hamburg. Wasserknappheit, Überflutungen und Missernten werden speziell in Afrika mehr Menschen ihre Lebensgrundlage entziehen. Scheffran: "Die Welt steht an einem Scheideweg: Wird der Wandel zu mehr Konflikten führen oder zu mehr Kooperation? Auch deshalb ist der Uno-Klimagipfel in Kopenhagen enorm wichtig."

Bislang seien soziale und gewaltsame Konflikte selten auf Umwelteinflüsse zurückzuführen, sagte Ole Magnus Theisen vom Friedensforschungsinstitut in Oslo. Die wichtigsten Faktoren seien Armut, hohe Bevölkerungszahlen, politisch instabile Regierungen, ethnische Ausgrenzungen und die zeitliche oder räumliche Nähe zu anderen Konflikten. Theisen: "In einigen Fällen ist der Zusammenhang mit Dürren oder Überflutungen offensichtlich. Aber meist ist es schwierig, Umweltfaktoren in einem sozialen Konflikt zu erkennen, dazu bedarf es mehr Forschung."

Dass Klimafolgen das Leben von Millionen, vielleicht Milliarden Menschen, beeinflussen werden, betonten mehrere Redner. "Afrikaner haben mir gesagt: ,Wir haben noch immer genug Regen, aber das Niederschlagsmuster hat sich geändert: Der Regen fällt jetzt sehr konzentriert und verursacht Schäden durch Überschwemmung'", erzählt Koko Warner von der Uno-Universität in Bonn. Junge Mexikaner versuchten in den USA und Kanada ein paar Monate lang Geld zu verdienen, um ihre Familien zu unterstützen, wenn schlechtere Ernten den Lebensunterhalt nicht mehr sichern könnten. Warner: "Aber sie kommen zurück, wollen ihren Ort, an dem sie geboren und aufgewachsen sind, nicht endgültig verlassen."

Ein Meeresspiegelanstieg von einem bis zwei Meter zum Ende dieses Jahrhunderts würde das Nildelta und angrenzende Regionen überschwemmen. "Das produktive Land, das vielen Menschen Lebensunterhalt bietet, droht verloren zu gehen", so Warner. Sie betont: Flucht sei keine Anpassungsmaßnahme, sondern das letzte Mittel, um physische Schäden von den Menschen abzuwenden.

Die Weltgemeinschaft sei auf Umweltflüchtlinge gar nicht vorbereitet, warnt Frank Biermann von der Freien Universität Amsterdam. Es sei keine Lösung, die Genfer Uno-Flüchtlingskonvention auf diese Menschen auszuweiten, betont der Politikwissenschaftler. Sinnvoller sei ein Zusatz-Protokoll zur Uno-Klimakonvention. "Das wird nicht gleich in Kopenhagen verhandelt werden, aber auf Uno-Gipfeln für die Zeit 2030 bis 2040."